Auf Schienen Richtung Westen

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Züge sind in Amerika kein sehr gängiges Reisemittel. Wer Geld hat, fährt Auto oder fliegt. Wer keins hat, nimmt den Greyhound-Bus. Am Busbahnhof in Nashville saß neben uns ein Kerl mit riesigem Rucksack, der noch den ganzen Weg bis Seattle vor sich hatte – fast 4000 Kilometer oder einmal von Wien nach Bagdad. Auch wir waren bisher im Greyhound unterwegs. Für die Weiterreise an die Westküste haben wir spontan ein günstiges Angebot genutzt und einen Amtrak-Zug gebucht.

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Der Sunset Limited soll uns jetzt in 48 Stunden von New Orleans nach Los Angeles bringen, durch fünf Bundesstaaten und drei Zeitzonen. Das ist eine von nur vier Strecken in den Westen und der Zug fährt nur dreimal pro Woche. Von LA nehmen wir einen Anschlusszug, den Pacific Surfliner, entlang der Küste nach Süden bis San Diego.

Die ersten Stunden rollen wir durch die Sümpfe Lousianas (Filmtipp: Beasts Of The Southern Wild). Der Blick aus dem Fenster verfängt sich nach wenigen Metern im Dickicht. Nur gelegentlich passieren wir eine Raffinerie oder ein paar Häuser. Viel zu sehen gibt es also nicht – Zeit für Bücher und Gespräche. Neben uns sitzt Randall. Vor fünfundvierzig Jahren ist er auf Güterzügen quer durch die Staaten getrampt (Linktipp: tolle Reportage über diese Art des Reisens). Inzwischen nach Australien ausgewandert, wiederholt er die Reise gerade mit etwas mehr Komfort und schwelgt in Erinnerungen.

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Komfortabel ist die Fahrt tatsächlich. Die Beinfreiheit würde sogar Dirk Nowitzki genügen. Das Personal ist zuvorkommend (ganz anders im Greyhound, dort ist man eher notwendiges Übel als zahlender Kunde). Abendessen wird im Dining Car serviert. Wir teilen den Tisch mit einer älteren Dame aus New York. Viel Make-up, pinker Blazer, egozentrisch, konservativ. Und ignorant: Als ich vom Housing Works Bookstore als meinem Lieblingsort in ihrer Stadt erzähle, antwortet sie: Was, es gibt noch Obdachlose in New York? Dann verwickelt sie mich in eine Diskussion über Al Quaida, den Irak und Edward Snowden. Der Speisewagen ist inzwischen fast leer, das Personal räumt auf. Nur David sitzt noch am Nebentisch. Der Demokrat aus Louisiana schaltet sich ins Gespräch ein und gibt mir Schützenhilfe. Als die New Yorkerin irgendwann auf das tolle New Orleans zu sprechen kommt, springt David auf, reicht ihr die Hand und ruft: Wir sind uns endlich einig! Beide sind außerdem sicher, dass Hillary Clinton die nächste Präsidentin wird.

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Inzwischen fahren wir durch Texas. Der wuchernde Sumpf wird nach und nach trockener und weniger üppig, schließlich weicht er karger, staubiger Einöde. Die schiere Weite ist beeindruckend. Niedrige Büsche wachsen hier in erstaunlich vielen Farben und die Kakteen blühen gerade. Alle paar Meilen steht eine einsame Kuh oder Ziege in der Landschaft.

Mein Lieblingsplatz an Bord ist das Ende des letzten Waggons. Dort endet der Flur an einer Tür mit Fenster, durch das man den besten Blick auf die große texanische Weite hat. Michi sitzt dagegen schon frühmorgens im Panorama-Abteil und sieht durch die großen Fenster die Sonne aufgehen.

Der Panorama-Waggon

Der Panorama-Waggon

Zwischen zwei Büchern spiele ich mit Braden, einem etwas verfilzten Landstreicher, Mancala und höre mir seine Lebensphilosophie an. Gemeinsam streifen wir durchs nächtliche San Antonio, wo wir wegen Motorproblemen einige Stunden halten.

Von LA nach San Diego fahren wir direkt am Strand entlang.

Von LA nach San Diego fahren wir direkt am Strand entlang.

Als es wieder hell wird, sind wir immer noch in Texas. Immer noch karge Landschaft. Trotzdem wird das Raus-Schauen nicht langweilig; das Tempo des Zuges spult die gemächlich dahinfließende Landschaft im richtigen Tempo ab. Um 10:37 eine SMS: „Willkommen in Mexiko“. Tatsächlich fahren wir gerade in Sichtweite zum Grenzzaun, der Einwanderer von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück fernhalten soll.

Nachmittags erreichen wir El Paso, in dessen grüner Umgebung Pekannüsse angebaut werden. Dann wieder Wüste. Von New Mexico und Arizona sehen wir in der Dunkelheit nicht viel. Am nächsten Morgen sind wir in Kalifornien. Ein neues Kapitel unserer Reise beginnt.

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