Blues mit 20.000 Ampere

An Tag 83 unserer amerikanischen Reise steigen wir in San Diego ins Flugzeug. Allerdings nicht Richtung Europa, schließlich haben wir noch sieben Tage unserer Aufenthaltsgenehmigung auszukosten. Stattdessen fliegen wir über Chicago nach Milwaukee. Die Stadt am Lake Michigan ist das Zentrum des deutschen Amerikas. Es gibt unzählige Brauereien mit Namen wie „Papst“ und „Schlitz“; die Kneipen werben mit einem FC Bayern-Banner für ihre Bundesliga-Übertragungen. Wir sind aber nicht für Fußball und Bier da – wir wollen hier Freunde besuchen. Was in der Praxis dann doch recht viel mit Bier zu tun hat.

Beeindruckende Architektur: das Milwaukee Art Museum

Beeindruckende Architektur: das Milwaukee Art Museum

Außerdem sehen wir in Milwaukee ein Baseballspiel. Das örtliche Team heißt natürlich Brewers und spielt an jenem Tag gegen die Nationals aus Washington DC. Wir werden Zeuge eines seltenen Ereignisses: Die Brewers gewinnen. Ansonsten ist Baseball ein unglaublich langsames Spiel. Ein unglaublich. langsames. Spiel. Als Zuschauer werden wir daher mit allen möglichen Nebenattraktionen bei Laune gehalten: Da darf man die Zuschauerzahl raten, die Club-Maskottchen liefern sich ein Wettrennen, bei jeder Auswechslung des Pitchers fährt ein Chevrolet durchs Stadion. Die ersten vier Innings sind wir ohnehin damit beschäftigt, uns von Frank die Regeln erklären zu lassen. Schlimm muss es für die Spieler sein, die haben weder Sitzplätze, noch Popcorn, noch Bier. Sie stehen drei Stunden auf dem Rasen und warten darauf, dass der Batter ausnahmsweise mal den Ball in ihre Richtung schlägt. Aber gut, haben sie sich vermutlich mal so ausgesucht. Unser Sport wird es jedenfalls nicht.

Was ich eher gern zu meinem Sport machen würde, ist Segeln. Frank ist Mitglied im Community Sailing Club von Milwaukee und nimmt uns mit aufs Wasser. Leider verlässt uns der Wind in dem Moment, als wir aufs Boot steigen. Nach einer Stunde paddeln durch den Hafen legen wir wieder am Steg an. Abends schauen wir immerhin Videos von Franks Karibik-Törns. Die nächsten Tage aktualisieren wir stündlich den Wind- und Wetterbericht, leider ergibt sich keine Gelegenheit mehr.

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Trotzdem haben wir vier schöne Tage in Milwaukee, bevor wir mal wieder in einen Greyhound-Bus steigen und zum großen Finale nach Chicago fahren. Genau rechtzeitig zum Blues Festival. Ein paar Stunden später sitzen wir im Grant Park und hören Shemekia Copeland und Band zu. Hinter der Bühne, über der Skyline, zieht ein Gewitter auf. Als Shemekia über verlorene Liebe in Memphis singt, schlägt ein Blitz in die Antenne des Willis Tower ein, mit 442 Metern höchster Turm Chicagos.

Millenium Park

Millenium Park

Zwei weitere Ereignisse beschäftigen Amerikas drittgrößte Stadt an diesem Wochenende: Die Chicago Black Hawks spielen im Finale des Stanley Cups um die nordamerikanische Eishockey-Meisterschaft. Und am Samstag Abend steigt der „Naked Bike Ride“. Etwa tausend Menschen fahren, großteils splitternackt, auf Fahrrädern durch die Stadt.

Den letzten Abend unserer Reise verbringen wir mit Rebecca und Ryan, zwei Reise-Bekanntschaften aus New York. Die Beiden nehmen uns mit zum John Hancock Building, wo wir in einer Bar im sechsundneunzigsten Stock ein Bier trinken, mit fantastischem Blick über Stadt und See.

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Die Damentoilette im 96sten Stock des Hancock Centers (bei den Jungs gibt’s kein Fenster)

Der Heimflug verläuft ähnlich verkorkst wie unsere Hinreise. Aber als wir auf europäischem Boden landen, macht der Pilot eine Durchsage: Während wir in der Luft waren, haben die Black Hawks das entscheidende Finalspiel gewonnen. In der Economy Class bricht Jubel aus.

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Amerika in grün

Wir gehören zu diesen seltsamen Menschen, die ihre Freizeit am liebsten in der Natur verbringen, aber nirgendwo anders leben könnten als in der Großstadt. Auch auf Reisen haben wir gelegentlich das Bedürfnis nach Straßenlärm, Konsumkapitalismus und überhöhten Übernachtungskosten.

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Streetart, the Portland way

In Oregon kommt dazu Dauerregen ab Grenzübertritt, so dass wir einen Großteil des Staates nur durch die nassen Seitenscheiben anschauen und direkt nach Portland durchkacheln. Die Locals* dort machen uns natürlich ein schlechtes Gewissen, weil wir soviel verpasst hätten. So etwa Jacob, den wir in einem Food Market kennenlernen. Diese klassischen Portland-Institutionen gibt es an jeder Ecke. Auf einem freien Grundstück stehen Bänke, Tische und verschiedene Imbissbuden. An der Mississippi Street beispielsweise Italienisch, Indisch und „Typical German“: Döner, Wiener Schnitzel und Currywurst. Dazu ein Smoothie-Stand, der seine Saftpresse mit einem Fahrrad antreibt – wer möchte, kann selbst in den Sattel steigen.

Fahrradfahren ist überhaupt groß hier. Es gibt in der Stadt viele kleine Fahrradhersteller (unser Gastgeber Jeremy ist totaler Radnerd und arbeitet bei einer solchen), Radwege, Radmagazine, Bikepolo spielende Jungs im Park und ganz viel schicke Bikes auf den Straßen.

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Die meiste Zeit verbringen wir, auf Empfehlung eines Blogs und vieler Portländer, auf der Alberta Street. Ateliers, kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants reihen sich hier kilometerlang aneinander. Im „Petite Provence“ findet die Zuckerbäckerin der Reisegruppe – erstmals in Amerika – Törtchen, Makronen und Brot, die in Vielfalt und handwerklicher Verarbeitung auch nach europäischen Standards herausragen. Da feine Törtchen allein nicht satt machen, kehren wir auch noch im Waffle Window und dem vegetarischen Café Vita ein. Die Cafés haben ihren Kaffee meistens aus kleinen, lokalen Röstereien; die Geschäfte führen regionale Produkte. Große Ketten sehen wir kaum (in Los Angeles gibt es allein auf dem Sunset Boulevard mindestens fünf Starbucks-Filialen). Sehr sympathisch, dieses Portland.

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Weniger Stadtbesuche bedeuten auch selteneren WLAN-Zugang. Dadurch brauchen wir, wenn es mal wieder soweit ist, auch immer länger um mit Reiseplanung, Blog und E-Mails aufzuholen. Trotzdem haben wir in Portland eine gute Zeit und sind nach drei Tagen bereit, uns an die Küste zu wagen. Und damit in den Regen.

Der Pelican Pub in Pacific City gehört zu Michis liebsten Erinnerungen aus ihren früheren Amerika-Reisen in den wilden Neunzigern. Inzwischen ist das Lokal zu einem ziemlich teuren Touristenfang geworden – steht aber immer noch direkt am Strand. Nach einem überragenden Quinoa-Süßkartoffel-Pie mit grünem Spargel (wir teilen uns eine Portion für 16$) können wir direkt zur Erkundung der steilen Sandsteinklippen starten. Dann heizen wir auch schon weiter nach Washington.

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* Ich mag das englische Wort Local lieber als den deutschen Einheimischen. Ein Local ist laut Oxford Dictionary jemand, der am jeweiligen Ort lebt. Ein Einheimischer ist laut Wictionary eine „Person, die in einem bestimmten Bereich geboren ist und seit eh und je lebt“. Diese Festlegung auf die Herkunft ist nicht nur blödsinnig, sondern in Amerika auch unbrauchbar: Wir haben hier kaum einen Erwachsenen getroffen, der noch am Ort seiner Geburt lebt. Eine Alternative wäre noch Ortsansässiger/i> (Duden: „an einem bestimmten Ort (2a) ansässig, wohnhaft, zu Hause“), aber das ist ein umständliches, unschönes Wort.

Elektro-Lastenräder für Berlin

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In Metropolen sind Fahrradkuriere oft die schnellste Möglichkeit, wichtige Dokumente von A nach B zu bringen. Mit ihren leichten Rennrädern schlängeln sich die Kuriere zwischen den kriechenden Autos durch und müssen am Zielort keinen Parkplatz suchen.

Das Berliner Start-up Velogista überträgt dieses Erfolgsprinzip auf den Warentransport. Wenn es also um mehr geht als um ein paar Blätter Papier, die der Kurier in seinen Rucksack steckt. Velogista verwendet Lastenräder, die bis zu 250 Kilogramm transportieren können – unterstützt durch einen Elektromotor. Der Kastenaufbau am Heck der Fahrräder hat Platz für eine Europalette. Dank des 250 Watt-Motors würden die Kuriere dennoch eine Geschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde schaffen, schrieb mir Milan von Velogista. Eine Akkuladung reiche für 60 bis 70 Kilometer.

blog_2Die Akkus der Fahrrad-Flotte werden mit Ökostrom aufgeladen. Das Transportkonzept verschont also nicht nur die Stadt mit Abgasen und Lärm, sondern ist auch klimafreundlich. Derzeit bedient Velogista mit zwei Fahrzeugen nach eigenen Angaben 30 Kunden in Berlin, für die sie mit einer eigenen Logistiksoftware auch die Tourenplanung übernimmt. Darunter ist zum Beispiel eine Firma, die Haushalte mit Biokisten beliefert. Bei deren Kunden kommen die Öko-Kuriere bestimmt gut an.

Heute startet Velogista mit einer Crowdfunding-Kampagne. Damit will die Firma unter anderem drei weitere Lastenräder  finanzieren. Langfristig wollen die Kreuzberger in andere Städte expandieren.

Bei den Seestadt-Piraten

Inspiriert von einigen Bildern des Fotografen Dennis Iwaskiewicz, fuhr ich gestern mit der Wiener U-Bahn-Linie Zwei bis zu deren Ende, der Haltestelle „Seestadt“. Die Fahrt dauert vom Rathaus fast eine halbe Stunde und führt zeitweise fernab jeglicher Urbanität an blühenden Rapsfeldern vorbei.

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Ihrem Ziel nähert sich die Bahn in einem großen Halbkreis durch sumpfiges Brachland. Dann rücken die Kräne immer näher.

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Die Seestadt Aspern liegt auf dem Gelände eines ehemaligen Flugplatzes. Rund um einen künstlich angelegten See soll hier in den nächsten Jahren ein neues Stadtviertel mit 20.000 Wohnungen und 15.000 Arbeitsplätzen entstehen.

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Das Projekt ist eine Antwort auf das rasante Bevölkerungswachstum in Wien. In den nächsten zwanzig Jahren wird ein Plus von 300.000 Einwohnern erwartet, das entspricht der Größe von Österreichs zweitgrößter Stadt Graz.

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Die Jungs mit dem Floß erinnerten mich an ein paar Kerle, die ich vor zwei Jahren, ebenfalls am Ostermontag, in Neapel fotografiert habe.

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Bei der Bearbeitung dieser Fotos habe ich auf Empfehlung von Petra erstmals die Software Photoscapeeingesetzt. So ganz beherrsche ich die Funktionen noch nicht, außerdem habe ich hier und da vielleicht etwas übertrieben, was die Effekte angeht.

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Ganz interessant ist übrigens auch der stadtplanerische Hintergrund des Seestadt-Projekts. Das Problem an solchen Planvierten am Stadtrand ist ja, dass sie meistens komplett tot sind, weil die Leute da nur zum Schlafen hinfahren. In Wien hat man sich einige Gedanken gemacht, wie aus der Seestadt ein belebtes Viertel mit Leben auf den Straßen werden kann. So sollen etwa große Teile der Erdgeschoss-Flächen an Geschäfte und Lokale vergeben werden. Vorbild ist unter anderem die Hafencity in Hamburg. Das Konzept lässt sich in einem Dokument mit dem schönen Namen „Partitur des öffentlichen Raums“ nachlesen.

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Wer mag, kann diese Bilder auch in einer Dia-Show betrachten.

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Come closer, baby

Auf tumblr macht gerade ein schönes GIF die Runde, das den Irrsinn des urbanen Autoverkehrs schön auf den Punkt bringt:

Quelle: peterfromtexas, via The Atlantic

Ich hab das Bild mal angehalten und gezählt – es sind 36-40 Autos. Geht man jetzt von einer Besetzung von 1,5 Personen pro Fahrzeug aus (was im Stadtverkehr eher optimistisch ist), kommt man auf vielleicht 60 Menschen. Eine Straßenbahn, die damit schon voll besetzt ist, muss ziemlich klein sein. Die hier gezeigte Verdichtung ist also sogar untertrieben.

In dem Zusammenhang ist mir eine andere Infografik eingefallen, die verschiedene Verkehrsmittel einem Vergleich unterzieht, und zwar in diesem Fall anhand des Verbrauchs:

gettingaroundQuelle: good.is (dort inzwischen offline)

Ich habe übrigens gar nichts gegen Autos. Sie sind super, um in die Berge oder nach Schweden zu fahren. Was ich halt nicht so nachvollziehen kann, ist, das Auto für den Weg zum Bäcker/ zur Arbeit/ ins Fitnessstudio zu benutzen. Also, das ist natürlich ein bisschen pauschal. Kann man schon mal machen. Aber ihr wisst schon.

Selbstverständlich ist es jedem selbst überlassen, wie er sich durch diese Welt bewegt. Keine Privatsache ist, wie wir die Städte gestalten, in denen wir gemeinsam leben. Und da ist mein Eindruck, dass der Autoverkehr die mit Abstand höchste Priorität genießt. Das finde ich halt eher unsexy. Zwei Gründe dafür sind auf den obigen Bildern zu erkennen.

Glücklicherweise tut sich in vielen Städten zunehmend was. Von Kopenhagener Verhältnissen sind wir zwar noch ein Stück weit entfernt. Aber was uns beispielsweise hier in Augsburg mit dem Projekt Augsburg City erwartet, oder was an meinem Quasi-Zweitwohnsitz Wien mit der MaHü passiert, ist ein ganz guter Anfang.

Update: Via Facebook kam noch das Argument, dass der Flugverkehr das Klima besonders stark belastet, da die Emissionen direkt in die Stratosphäre gelangen. Auch Kondensstreifen wirken klimaschädigend. Das relativiert die obige Grafik, wo Fliegen gegenüber Autofahren vergleichsweise umweltfreundlich erscheint.

Drei Wochen und ein Tag

Alta! Berlin!

Jetzt wohn ich in Berlin seit drei Wochen und ich muss sagen ich bin echt angekommen…

Angekommen bin ich natürlich noch sowas von gar nicht. Werd ich wahrscheinlich auch nicht bevor es wieder weiter geht. Heute hier, morgen dort und so. Aber ich kann ja mal aufschreiben, was bisher so an Eindrücken hängengeblieben ist. Selbstverständlich alles subjektiv, unvollständig und vorläufig.

Berlin. Wenn ich vor die Tür gehe, habe ich im Umkreis von 200 Metern einen Italiener, einen Inder, einen Japaner und einen Thai. Plus unzählige Kneipen und Cafés. Und ganz besonders feier ich den Ladenschluss hier. Jeder noch so kleine Supermarkt hat bis 22 Uhr auf, und danach geht man halt zum Späti. Du kannst die ganze Nacht an der Spree sitzen und dein Flens trinken, und wenn das Bier ausgeht musst du nur kurz ums Eck gehen. Wenn ich das so schreibe kommt mir das ziemlich selbstverständlich vor, aber wenn man aus Bayern kommt, ist das erstmal was sehr besonderes.

Mein vorläufiger Lieblingsort ist der Mauerpark gleich hier ums Eck. Vor 24 Jahren wurde man noch über den Haufen geschossen, und jetzt chillt da halb Berlin in der Sonne. Bands schleppen ein paar Verstärker und Autobatterien an und zocken ihre Songs. Jeden Sonntag  ist Flohmarkt, es gibt Augustinerbier und verdammt leckere Waffeln. Heute saß ich stundenlang im Mauerpark, hab Jonathan Safran Foer gelesen und Rupert’s Kitchen Orchestra zugehört.

Wenn man aus ner eher so mittelgroßen Stadt kommt staunt man hier schon ziemlich oft, was es so alles gibt. Was hier so an Leuten rumläuft. Ich find das extrem gut. Multikulti ist gescheitert, hat die Frau Kanzlerin gesagt. Merk ich hier nix von. Klappt eigentlich soweit ganz gut. Weiß und schwarz. Homo und hetero. Alt und jung. Business und Punk. Gibt auch mal Zoff, aber eigentlich leben alle friedlich nebeneinander her.

Wobei das natürlich nicht die ganze Wahrheit ist. Gentrifizierung ist ein strapazierter Begriff, aber hier bekommt man ziemlich schnell eine Vorstellung davon was er bedeuten kann. Vor einer Woche sind wir durch Zufall in eine Demo gegen Zwangsräumungen geraten. In dem Viertel gab es regelrechte Exklaven, da haben sich die Neubauschick-Bewohner hinter Eisentoren und Überwachungskameras verschanzt. In der Zeitung habe ich gelesen, letztens ist eine alte Frau nach einer Zwangsräumung in der Kälte-Nothilfe gelandet und da gestorben.

Armut ist auch in Form von Flaschensammlern sehr präsent. Man kann nicht oft genug auf Pfand gehört daneben hinweisen.

Nächstes mal laufe ich mit meiner Spiegelreflex durch Friedrichshain und mache Fotos von Streetart und interessanten Leuten. Für heute erstmal mein Kiez in Prenzlauer Berg:

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Der entfesselte Partymob

In einer Stadt, die wie Augsburg unter einer Monopolpresse zu leiden hat, ist eine zusätzliche unabhängige Stimme wie Die Augsburger Zeitung mindestens Gold wert. Für mich ist die Seite längst nicht mehr zweite, sondern erste Informationsquelle für Augsburger Kommunalpolitik. In der Regel schätze ich dort nicht nur die Berichterstattung, sondern auch die durchdachte Kommentierung von Siegfried Zagler. Aber mei, jeder langt halt mal daneben. So wie heute Zagler mit einem Beitrag zur Maxstraßen-Debatte, in dem er sich für eine strikte Sperrstunden-Regelung ausspricht. In Augsburg ist derzeit um fünf Uhr Schluss, ab sechs darf weitergefeiert werden (was aber quasi nur Lokale wie die Brez’n in Anspruch nehmen). Als Vorbild dienen ihm die Weltstädte Erlangen, Regensburg und Bamberg, wo schärfere Regeln gelten würden. Auch die Nürnberger forcieren laut Zagler eine harte Gangart, sie wollen unter der Woche um zwei dichtmachen, am Wochenende um drei.

Nur in Augsburg tut sich nichts, wie Zagler beklagt. Die Maxstraße sei „eine Art Bühne für eine am Alkoholrausch orientierte Ballermann-Kultur“ geworden. Er sieht die Sperrzeitverlängerung allen Ernstes als „einzige wirksame Maßnahme gegen die Exzesse eines entfesselten Partymobs“. An der Stelle habe ich mich auch beim zweiten Lesen gefragt, ob der DAZ-Macher nicht vielleicht eine Satire geschrieben hat. Klar hat Zagler recht, wenn er schreibt dass eine Sperrzeitverlängerung „zu einer deutlichen Reduzierung der Lärmemissionen“ führen würde. Aber das würde eine allgemeine Ausgangssperre ab 20 Uhr noch viel effektiver bewerkstelligen.

Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass es in der Maxstraße zu nächtlicher Stunde teilweise zu unschönen Szenen kommt, zu Lärm, Gewalt, Scherben und Müll. Und ja, die Anwohner der Maxstraße leiden vermutlich darunter. Und da diese Anwohner Bürger der Stadt sind, hat die Stadtregierung wohl die Aufgabe, sich diesem Problem anzunehmen. Auch gebe ich zu selbst kein ganz so glühender Anhänger der Maxstraßen-Lokale zu sein. Um ehrlich zu sein gibt es da nur einen Club und ein, zwei Bars, in die ich mich zwischendurch verlaufe.

Ein Laden in den ich dagegen sehr gern gehe, und der auch nur ein paar Schritte der berüchtigten Kaisermeile entfernt liegt, ist das Kreuzweise. Dem widmet Flo Kapfer in der aktuellen Neuen Szene einen Beitrag, in dem er den Reiz dieser in Augsburg einmaligen Kneipe wunderbar auf den Punkt bringt: Das sei einer der wenigen Läden, wo „wirklich noch der Punk neben dem Anzugsträger am Kickertisch steht“. Der Anlass für Kapfers Artikel ist allerdings weniger erfreulich: Auch hier geht es um das leidige Thema Lärm. Die Betreiber des Kreuzweise haben alles erdenkliche zum Schallschutz unternommen und sich das auch vom Umweltamt per Lärmmessung (in der Wohnung der Beschwerdeführer!) bestätigen lassen. Und haben bei geltender Rechtslage trotzdem keinerlei Handhabe, sind durch Dauerbeschwerden in ihrer Existenz bedroht. Als weitere Beispiele nennt Kapfer die Orangerie und das Hempels, beides Orte, in denen schon definitiv hochklassige Kulturevents stattfanden, was auch immer der einzelne darunter verstehen mag.

Darum dürfen sich in dieser Sache nicht der Peaches-, der Kantine- und der Lammgänger gegeneinander ausspielen lassen. Wir lassen uns von keinem ergrauten Hobbyreporter sagen, wie und wo wir zu feiern haben. Hier geht es ums Grundsätzliche. In einem rasant vergreisenden Deutschland geraten nämlich die Altersschichten, deren Knochen noch nicht zur Gänze verrostet sind, deren Geist noch nicht gänzlich erstarrt ist, deren Lebensfreude noch nicht völlig mit Bausparverträgen gebändigt wurde, die also noch die Vorraussetzungen zum Feiern und Tanzen mitbringen, zwangsläufig zunehmend in die Defensive.  Zagler schreibt vom „Menschenrecht auf Nachtruhe und somit auf körperliche Unversehrtheit“. Das muss aber abgewogen werden mit unseren Rechten. Bevor die grauen Herren entgültig das Sagen haben sollten wir ein Zeichen setzen für unser Recht auf Tanzen, auf Lachen, auf Feiern. Für unser Recht, gelegentlich die Nacht zum Tag zu machen. Für unser Recht auf ein Leben vor dem Tod.

Am Hafen bellt ein Hund

Notizen aus Barcelona

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Wir steigen am Plaza de Catalunya aus dem Bus, der erste Gang führt die Ramblas hinunter zum Mercat de la Boqueria. Hier gibt es alles, was die katalanische Landwirtschaft und Fischerei zu bieten haben, Obst und Gemüse in allen Farben und Formen, Käse, Fisch, Meeresfrüchte, Schinken und alle erdenklichen tierischen Organe.

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Dann streifen wir ziellos durch die Gassen der Altstadt. In diesem Labyrinth findet man sich auch nach Tagen noch nicht zurecht, kommt immer wieder durch Zufall an schon bekannten Stellen vorbei. Wegen der hohen Kriminalität hat hier jedes Geschäft außerhalb der Öffnungszeiten einen schweren, eisernen Rollladen vor dem Schaufenster. Viele haben darauf das Firmenlogo oder ein anderes Grafitty sprühen lassen, so dass man während der Siesta viel gelungene Streetart bewundern kann. Und Streetwork: Ein Mann sitzt auf dem Boden, aus alten Getränkedosen macht er bunte Aschenbecher und verkauft sie für einen Euro. Man findet es fast schade, Nichtraucher zu sein.

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Abends sitze ich auf einer Mauer auf dem Montjuic und genieße den gigantischen Blick über die Lichter der Stadt. In der Ferne ein Feuewerk in rot und blau, in den selben Farben leuchtet der gurkenförmige Torre Agbar. Aus dem Grundrauschen des Straßenlärms heben sich Polizeisirenen und aufheulende Motorräder hervor. Irgendwo am Hafen bellt ein Hund. Neben mir taucht eine Horde Volltrottel auf, macht Lärm und fotografiert das Panorama mit Blitz (!), doch auch das kann mich nicht wirklich stören, so magisch beruhigend ist dieser Ort. Schon bei meinem ersten Besuch in Barcelona war hier mein Lieblingsplatz.

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Es gibt viele wunderbare Plätze in dieser Stadt. Auch die Sagrada Familia und die Kathedrale, in deren Innenhof Gänse leben, sind wirklich beeindruckend. Nur ist es da und anderswo derart mit Touristen überlaufen, dass man hoffnungslos in ihrem Strom ertrinkt, keine Chance hat, den Ort auf sich wirken zu lassen. Besonders schlimm im Park Guell. Solche Menschenmassen bin ich bereit für eine wirklich gutes Konzert zu ertragen, nicht aber für eine Ansammlung bemalter Steine.

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Rechts der Ramblas liegt das Viertel El Raval, in dem die Barceloneser Schatten- und Unterwelt zu Hause ist. Plötzlich rennen vier oder fünf dunkelhäutige Männer an uns vorbei, jeder ein großes, weißes Bündel unter dem Arm, Straßenhändler auf der Flucht. Oft sieht man sie an den touristisch stark frequentierten Plätzen stehen, die weißen Tücher auf dem Boden ausgebreitet, darauf Handtaschen mit Prada- oder Gucci-Logo. An jede Ecke des Tuchs ist ein Faden gebunden, die Enden halten sie in der Hand, immer bereit zum Weglaufen vor der Polizei. Im Raval entdecken wir die Biblioteca de Catalunya mit ihrem palmenbewachsenen, von Säulengängen eingeschlossenen Innenhof. Hier sitzen die Barceloneser zum Lesen und Diskutieren, spielen Gitarre oder Schach. Ich geselle mich mit meinem Buch dazu, ein neuer Lieblingsort ist gefunden.

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Noch ein Lieblingsort ist selbstverständlich der Platja de la Barceloneta, der zum gleichnamigen Viertel gehörende Sandstrand. Barceloneta ist das ehemalige Fischer- und Arbeiterviertel. Im Zuge der Olympischen Spiele 1992 wurde es renoviert und aufgewertet, ist aber immer noch eher arm und, abgesehen vom Strand, touristisch kaum erschlossen. Und somit interessant. Hier kann man in aller Ruhe durch die Gassen schlendern, Tapasbars und Fahrradgeschäfte erkunden. Im Kontrast zur bescheidenen Architektur und Lebensweise des Viertels steht das mit fünf Sternen dekorierte „W Hotel“, ein gigantischer Glasturm in Form eines Segels, eine Art Burj al Arab in Nicht-ganz-so-groß. Blickfang am Strand ist das Bauwerk L’estel ferit, Verwundeter Stern. Ein aus schief aufeinandergestapelten, rostbraunen Kästen bestehender Turm, hier chillen die Chiller der Stadt.

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Unterwegs im Bus, alle Sitzplätze sind belegt. Eine alte Frau steigt ein. Sofort springt vorne einer auf, bietet ihr seinen Platz an. Sie winkt ab und geht weiter, der nächste steht auf. Wieder lehnt die Dame ab. Am Ende sind fünf Männer aufgestanden bis ihr Wunschplatz frei wird, den sie dann dankend annimmt, samt dem gegenüberliegenden, zum Füße hochlegen. Alle bleiben freundlich, nur ein Fahrgast verdreht mir gegenüber kaum merklich die Augen.

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Am letzten Tag gehe ich nochmal zum Mercat de la Boqueria und kaufe Obst. Ich esse neben einem alten Mann, er vertickt ein paar Souvenierartikel. Niemand interessiert sich für seine Ware, er scheint selbst nicht daran zu glauben, etwas zu verkaufen, macht das wohl mehr zum Zeitvertreib. Als ich weiterziehe, habe ich noch eine Zeitlang sein monotones „Barcelona, Barcelona, Gaudí, Gaudí“ im Ohr.

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Plötzlich auftretende Übelkeit

Ein Asia-Imbiss in meiner Stadt, abends um halb zehn. Ein Mann liegt am Boden, die Augen mit einer Gummimaske bedeckt. Ein zweiter Mann tritt mehrmals brutal auf ihn ein, geht dann zur Seite. Als sich der Maskierte mühsam zur Hälfte aufgerichtet hat, kassiert er einen Fausthieb in den Magen und sinkt wieder zu Boden. Ein Dritter kommt hinzu und springt auf seinen Oberkörper. Zu zweit gehen sie jetzt auf den Wehrlosen los, bis schließlich ein freundlicher Herr in weißem Hemd einschreitet. Ich wende mich von der Wrestling-Übertragung ab und nehme mein Abendessen entgegen. Der Appetit ist mir vergangen.

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Wir sitzen in einem schwarzen Geländewagen und fahren auf der Stadtautobahn durch die Vororte von Neapel. Vor uns liegt der Vesuv in Wolken verhüllt. Links und rechts sehen wir halb verfallene Fabriken, nie vollendete Betonskelette, baufällige Wohnblocks. Dann mitten im Schutt ein glitzernder Solarpark. Der Schweizer am Steuer fährt versehentlich über zwei rote Ampeln, indem er seinen Vordermännern folgt. Auf der Rückbank liegt eine Zeitschrift über „Unternehmenspraxis und Geldanlage“. Wir steigen direkt am Meer aus, die Sonne kommt hinter den Wolken hervor.

Am nächsten Tag erkunden wir den neapolitanischen Wahnsinn zu Fuß. In einer Osterprozession tanzt das ganze Viertel um einen lebensgroßen Plastikjesus. Auf jeder Piazza bolzende Jungs mit roten Plastikbällen. Mofafahrer brettern blind und hupend um die Ecken. Wäscheleinen quer über die Gassen, Straßenhändler und Bettler überall. Das ganze Chaos ist mit Worten schwer zu beschreiben. Abends treffen wir im Vorort Portici auf Vincenzo. Vincenzo ist etwa 70 und hat über 40 Jahre als Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet. Er führt uns eineinhalb Stunden durch die Gegend, erzählt und schimpft. Vor allem schimpft er. In Italien ist alles Mist. Bauqualität, Zahnersatz, Medikamentenpreise, die Männer (die mit der Emanzipation nicht klarkommen und ihre Frauen ermorden), Mordaufklärung, Arbeitsmoral und Effizienz, Schweißnähte, Verzinkungen, der Zustand der Straßen… Alles „eine Scheiße“. Immer wieder bleibt er stehen (sonst geht er sehr langsam), holt tief Luft und ruft: „Es ist eine Scheiße!“ Zur Veranschaulichung zeigt er uns ein Grundstück. Laut Bautafel wird dort eine Forschungseinrichtung der EU errichtet, geplante Bauzeit: 2000-2006. Bisheriger Baufortschritt: Null. Wegen Klima und Landschaft bereut Vincenzo trotzdem nicht, zurückgekommen zu sein.

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Il Capitano

Piazza del Plebiscito

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Warteschlange an einer Suppenküche