Kony 2012: Die Jagd nach dem bösen schwarzen Mann

Seit Dienstag kursiert unter meinen Facebook-Freunden das Video der Kampagne „Kony 2012“ der amerikanischen NGO Invisible Children. Weltweit brachte es Kony 2012 auf fast 60 Millionen Views in den ersten vier Tagen.

Joseph Kony ist der Anführer der ugandischen Rebellenorganisation Lord’s Resistance Army (LRA), die seit 25 Jahren in Zentralafrika aktiv ist. Die Bande entführt Kinder um sie als Kindersoldaten und Sexsklaven einzusetzen. Die UNO bezeichnete sie 2005 als „wohl brutalste Rebellengruppe der Welt“.

Im Video wird der kleine Sohn des Regisseurs in die Problematik eingeführt. Er lernt Joseph Kony kennen als „the bad guy“, den es zu bekämpfen gilt, damit Papa dem Kleinen eine bessere Welt hinterlassen kann.

Ist es wirklich so einfach?

Erklärtes Ziel der Kampagne ist es, Kony berühmt wie einen Popstar zu machen und in der (amerikanischen) Öffentlichkeit Druck aufzubauen. Justin Bieber, Rihanna und Bill Gates gehören bereits zu den Unterstützern. Die US-Regierung soll zur Fortführung einer Operation gebracht werden, in deren Rahmen seit Oktober 2011 hundert amerikanische Soldaten der ugandischen Armee bei der Jagd nach Kony helfen. Dazu werden Spenden gesammelt, es wird zum Kleben von Plakaten mit Konys Konterfei aufgefordert.

Man versucht seit 25 Jahren, diesen Kerl zu verhaften – auch immer wieder mit amerikanischer Hilfe. Bisher vergeblich. Dafür hat die Armee von Uganda in der Zwischenzeit selbst eine ordentliche Palette an Menschenrechtsverletzungen angehäuft. Die südafrikanische Zeitung Daily Maverick berichtet von Vergewaltigung, Folter, Massenerschießungen – und dem Einsatz von Kindersoldaten. Die politischen Verhältnisse in Zentralafrika sind kompliziert, es ist nicht leicht „gut“ und „böse“ klar zu unterscheiden. Seit 2006 hat sich die LRA aus Uganda zurückgezogen und operiert nun in der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan. Laut einem aktuellen Bericht der UN ist die Truppe auf etwa 200 Kämpfer geschrumpft. In Uganda kehren die Leute auf ihre Felder zurück. Die Direktorin einer örtlichen Hilfsorganisation wünscht sich statt der Jagd auf Kony Hilfe beim Wiederaufbau. Auch der aus Uganda stammende Blogger Musa Okwonga kritisiert, dass bestehende lokale Projekte im Film keine Beachtung finden.

Im Osten Kongos gibt es große Coltanvorkommen. Coltan ist ein Erz, dessen Bestandteil Tantal für die Herstellung winziger Kondensatoren verwendet wird, die beispielsweise in Handys und Laptops verbaut werden. Die Minen werden häufig von Rebellengruppen kontrolliert, die dort unter katastrophalen Bedingungen Kinder arbeiten lassen. Über Umwege wird das Tantal an die großen Chemie- und Elektronikkonzerne geliefert. Mit dem Kauf eures nächsten Smartphones lauft ihr also Gefahr, afrikanische Rebellen zu finanzieren.

Mit einer Spende an Invisible Children finanziert ihr dagegen hauptsächlich deren Verwaltung und Marketing. Nur 32% der Spenden landen in Uganda, die Organisation steht wegen intransparenter Mittelverwendung in der Kritik.

Bringt Kony 2012 also mehr Schaden als Nutzen? Bei aller Kritik: Der gut produzierte Film mit dem süßen blonden Jungen hat das Thema publik gemacht. Sechzig Millionen Views sprechen für sich, weltweit berichten Medien über die Problematik. Auch ich hätte ohne das Video nicht Stunden zur LRA recherchiert und diesen Text geschrieben. Aber für eine bessere Welt ist leider mehr nötig als das Teilen eines Videos auf Facebook.

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