Aral Balkan: Free is a Lie

aral_balkanZitat Aral Balkan (Screenshot)

Zurück von vier Wochen unterwegs in Südosteuropa, habe ich endlich wieder Zeit den ganzen Tag im Internet rumzuhängen. Auf dem Blog von Martin Giesler fand ich einen tollen Vortrag, den Aral Balkan im April gehalten hat.

Der Titel „Free is a Lie“ bezieht sich darauf, dass die Gratis-Dienste, die Google, Facebook und andere anbieten, mt einem verdammt hohen Preis verbunden seien: dem Verlust unserer Privatsphäre, Menschenrechte und Freiheit. Anders gesagt: Wenn du für einen Dienst nicht bezahlst, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt. Wer moderne Technologie nutzen möchte, komme um dieses Geschäftsmodell, das Dienste gegen Daten tauscht, nicht herum.

Der Ausweg daraus ist für Balkan politisch-gesellschaftlich, aber auch technisch-designerisch zu suchen. Mit Letzterem meint er die Entwicklung von Software, die offen ist und die Privatsphäre wahrt. Teilweise gibt es ja Alternativen – etwa den Messenger Threema (und andere) oder Mailprovider wie Posteo – aber das Problem, so Balkan, ist das diese in Punkto Nutzerfreundlichkeit oft bei weitem nicht an die Angebote der Valley-Konzerne herankämen. Als Beispiel nennt er das Handy-Betriebssystem Firefox OS.

Balkan hat recht: Viele alternative Dienste sind umständlich zu bedienen und/oder schlecht gestaltet. Auch Posteo hat mich einige Einrichtungszeit gekostet, bis es auf allen Geräten lief und vernünftig konfiguriert war. Und der Webmailer ist immer noch hässlich, unpraktisch und nicht mobile-friendly. Ich verstehe, dass die wenigsten Leute bereit sind, diesen Aufwand und Qualitätsverlust gegenüber Gmail und Co in Kauf zu nehmen.

Es gibt aber noch einen anderen wichtigen Punkt: Wer auf die Datensammelei verzichtet, braucht eine andere Einnahmequelle. Die meisten Alternativ-Dienste kosten daher Geld. Meistens ist das nicht viel – bei Posteo beispielsweise einen Euro im Monat. Aber es kostet. Und wer ist bereit, für etwas zu bezahlen, was er auch umsonst haben kann? Als ich nach der WhatsApp-Übernahme durch Facebook in meinem Bekanntenkreis für Threema geworben habe, musste ich feststellen: fast niemand. Threema kostet einmalig 1,60 Euro.

Solange diese Alternativen aber ein Nischenprodukt bleiben, werden sie auch nicht die Ressourcen haben, um qualitativ mit den Netzkonzernen gleichzuziehen. Ein Dilemma. Zumindest, solange das Bewusstsein für Privatsphäre und Freiheit im Netz so gering ist.

Balkan kann über dieses Thema nicht nur hervorragend reden, er will auch was tun: Mit einem kleinen Team arbeitet er an dem sozialen Netzwerk „Heartbeat“ und einem „Indie Phone“ inklusive eigenem Betriebssystem. Ich bin gespannt, was da kommt.

Weiterführende Links zu im Vortrag angesprochenen Themen

Mehr zum Thema auf cendt.de

Update 10. Oktober: Der Social Media Watchblog hat ein deutschsprachiges Interview mit Aral Balkan.

Threema!

Kurze Durchsage: Lasst uns alle jetzt endlich zur WhatsApp-Alternative Threema wechseln. Die NSA-Affäre ist dafür schon seit Monaten Grund genug. Aber jetzt ist ein verdammt guter Zeitpunkt, es einfach zu machen. Allein schon der Kaufpreis des Facebook-Deals, 19 Milliarden Dollar, ist gruselig. Man versteht nicht, was das vor sich geht, und das hinterlässt ein ungutes Gefühl.

Es ist gar nicht mal so, dass ich Facebook grundsätzlich für Teufelszeug halte. Natürlich sehe ich die Firma aus vielen Gründen kritisch. Aber ich nutze das Netzwerk und auch den Messenger ziemlich intensiv. Ich habe aber grundsätzliche eine Skepsis gegenüber zu großer Machtkonzentration, darum ist es mir wichtig, daneben einen unabhängigen Kommunikationsweg offen zu halten. Das ist durch die Fusion meiner beiden Haupt-Kommunikationstools nicht mehr gegeben, darum trete ich die Flucht an.

Natürlich gibt es auch noch andere Altenativen zu WhatsApp. Aber Threema schneidet nicht nur bei Vergleichstests gut ab, sondern ist vor allem die mit Abstand am Häufigsten disktutierte Alternative derzeit. Und bei aller Skepsis gegenüber Konglomeraten macht ein Messenger halt nur Sinn, wenn er von hinreichend vielen Leuten genutzt wird.

Also los!

In Your Face, Deutsche Bank.

Die Deutsche Bank hat in den vergangenen Tagen ein kleines, feines Kommunikationsdesaster erlebt. Das größte deutsche Kreditinstitut hatte letzte Woche eine Umfrage auf seiner offiziellen Facebook-Seite gestartet. Dort schrieben die Banker: “Wir möchten Ihnen gerne die Möglichkeit bieten, mit unseren Experten zu verschiedenen Themen ins Gespräch zu kommen. Was wäre hierfür die beste Zeit?” Zur Auswahl standen Antwortmöglichkeiten wie “Mittwochs, 15:00 – 17:00 Uhr”. Offensichtlich wurde aber auch den Usern die Möglichkeit gegeben, eigene Antworten hinzuzufügen. Das erwies sich als schwerwiegender Fehler. Denn die Antwort, die sich bald der größten Beliebtheit erfreute, lautete: “Wenn sie sich von Nahrungsmittelspekulation & Waffenhandel zurückgezogen haben”. Gestern Vormittag lag diese Antwort mit 826 Stimmen deutlich vorne. Die zweitbeliebteste Option (Donnerstags, 17:00 – 19:00 Uhr) kam gerademal auf 48 Stimmen. Kurz darauf war der Beitrag verschwunden. Leider lässt sich dadurch nicht mehr rausfinden, wer diese unglaublich gute Idee hatte. Das ist schönstes Culture Jamming. Zum Glück habe ich zumindest rechtzeitig einen Screenshot gemacht.

deutschebank

Einige Stunden später postete die Bank dann ein Statement:

In eigener Sache: Wir mussten die Umfrage vom 18. Februar 2013 leider von unserer Pinnwand nehmen, da diese zu Kampagnenzwecken manipuliert wurde.Wer sich über die Position der Deutschen Bank zum Thema „Investieren in Agrarrohstoffe“ informieren möchte, findet das offizielle Statement sowie Fragen und Antworten auf unserer Webseite.

Bei jenen Fragen und Antworten schreibt die Deutsche Bank: „Die Auswertung zahlreicher Untersuchungen ergab, dass es kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung gibt, die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten sei für Preissteigerungen oder erhöhte Preisschwankungen verantwortlich.“ Weiter unten heißt es, Spekulation sei „unverzichtbar für das Funktionieren von Rohstoffmärkten.“ Interessanterweise fand die NGO Foodwatch Studien der Deutschen Bank, die genau das Gegenteil besagen. Dort heißt es, die Spekulationen hätten zu Preissteigerungen beigetragen. „Solche Spekulationen können für Landwirte und Verbraucher gravierende Folgen haben und sind im Prinzip nicht akzeptabel.“ Foodwatch hat das ziemlich gut aufgedröselt und verlinkt auch auf die einzelnen Studien, ein Klick lohnt sich.

So, und dann gibt ja es in der Umfrage ja noch den zweiten Vorwurf, denn die Banker in ihrem Statement komplett unter den Tisch fallen lassen: Den der Beteiligung am Waffenhandel. Laut einem Bericht von ZEIT ONLINE finanziert die Deutsche Bank weiterhin die Herstellung von Streubomben durch Kredite und Anteilsbesitz, obwohl sie diese Geschäfte bereits im November 2011 beenden wollte. Insgesamt sei das Unternehmen mit über 500 Millionen Euro an der Finanzierung der Rüstungsindustrie beteiligt.

Liebe Deutsche Bank, 48 Leute halten  Donnerstag, 17 Uhr, für einen guten Zeitpunkt, um mit dir nett über Geld zu plaudern. Der Rest der Menschheit interessiert sich einen Scheiß für deine geheuchelte Kundennähe. Wir wollen einfach dass du aufhörst, dein Geld mit Hunger und Krieg zu verdienen. Wann wäre hierfür der beste Zeitpunkt?

Genau jetzt.

Ich will mein Internet zurück

Facebook nutzt seine Marktmacht und bestimmt zunehmend, welche Inhalte wir sehen. Ein Aufruf zur Rückeroberung

Hey, schön dass du da bist. Komm doch rein, Schuhe kannst anlassen. Ich hoffe du hast gut hergefunden. Wie bist du denn da, zu Fuß? Nein? Ach, verstehe, ein Link auf Facebook hat dich hergebracht. Egal, nimm erstmal nen Keks, Kaffee kommt gleich.

Als ich 2007 auf einer USA-Reise meinen Facebook-Account erstellt habe, war das in good old europe noch eine Randerscheinung. Hier waren wir damals noch auf Myspace und StudiVZ unterwegs. Inzwischen gibt es in Deutschland 25 Millionen Facebook-Mitglieder. Weltweit wurde im September die Marke von einer Milliarde Usern überschritten. Der Like-Button wurde seit seiner Einführung 2009 über eine Billiarde Mal gedrückt. Sowohl welt- als auch deutschlandweit ist Facebook die zweitpopulärste Website überhaupt, nur Google wird öfter aufgerufen. Facebook ist absoluter Standard. Die Begriffe Soziales Netzwerk und Facebook sind nahezu synomym. Der kalifornische Konzern hat quasi ein Monopol auf unsere virtuelle Kommunikation.

Das Teil ist einfach ungeheuer praktisch. Informationen, Ideen und Links, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre, verbreiten sich weltweit. Entfernungen spielen keine Rolle, der Traum von grenzenloser Kommunikation wird wahr. Von amüsantem Nonsense bis zu politischen Grundsatzdebatten findet alles seinen Platz. Ich bin mir sicher, dass ich den Kontakt zu vielen Freunden schon verloren hätte, wenn man nicht über Facebook so gut in touch bleiben könnte. Außerdem würde ohne das Verlinken auf Facebook kein Mensch meinen Blog lesen. Konzerte lassen sich über die Event-Funktion auch leichter organisieren. Klar könnte man das alles auch irgendwie anders machen, über E-Mail, Foren oder was auch immer. Vielleicht sogar offline. Aber es wäre nicht so einfach, effizient und elegant. Erinnert sich noch jemand, wie umständlich und nervtötend die Konkurenzprodukte zu bedienen waren? Myspace ist mit gutem Grund in der Versenkung verschwunden. Und Erscheinungen wie StudiVZ oder, noch schlimmer, Lokalisten haben mit ihrem auf Deutschland begrenzten Konzept von vornherein alles falsch gemacht. Facebook hat sich zu Recht durchgesetzt.

Aber.

Spätestens seit dem Börsengang müssen die Jungs ihren Profit steigern. Dafür ist ein Unternehmen schließlich da. „Facebook ist und bleibt kostenlos“, dieses Versprechen wird auf der Startseite gegeben. Es gilt allerdings nur noch mit Einschränkungen.

Wer mit seinen Posts zur Zielgruppe durchdringen will, wird inzwischen zur Kasse gebeten. Für Fünf Euro und einen Cent kann man seine Beiträge „hervorheben“, sie werden dann bevorzugt angezeigt. Im Umkehrschluss: Posts, für die nicht bezahlt wird, sind im Nachteil, wandern im Stream nach unten oder erscheinen erst gar nicht. Die Abwicklung läuft einfach, effizient und elegant: Nach dem Klick auf den Hervorheben-Button kann man direkt seine Kreditkarten-Daten angeben.

In letzter Zeit tauchen auch immer mal wieder Beiträge in meinem Stream auf, die weder mit meinen Freunden noch den von mir abonnierten Seiten irgend etwas zu tun haben. Zum Beispiel „coole Angebote im Winter“ einer bb Products GmbH. Oder KitKat-Werbung. Facebook war nett und lieb, bis es eine globale Monopolstellung erreicht hat. Jetzt nutzt der Konzern seine Macht. Facebook gibt vor, welche Inhalte wir sehen. Und welche nicht. Das Thema Datenschutz habe ich noch komplett außen vor gelassen. Mit personalisierter Werbung, mit Hilfe der gesammelten Daten präzise auf den Benutzer abgestimmt, lässt sich richtig Geld verdienen. Die paar Euro für hervorgehobene Beiträge sind im Vergleich dazu vermutlich lächerlich. Mit Selbstbestimmung jedenfalls hat das alles nichts zu tun.

Wie kommen wir da wieder raus? Ein Ausstieg aus dem Netzwerk wäre konsequent. Mit etwas Glück und viel Mühe kann man auch danach noch ein rudimentäres Sozialleben führen. Aber das erfordert Mut – zu sehr haben wir uns bereits im blau-weißen Netz verfangen. Für den Anfang könnte man den Blick etwas mehr auf das Internet links und rechts des Facebook-Highways richten. Registriert euch bei Twitter und Google+. Die sind bestimmt nicht besser, aber immerhin wird das Monopol gebrochen. Speichert eure Lieblings-Websites in der Kopfleiste eures Browsers und surft sie auf direktem Weg an. Legt euch eine Liste mit sehens- oder lesenswerten Blogs an, und schaut zwischendurch, ob es was neues gibt. Macht selbst einen Blog auf. Surfen wir auf dem offenen Meer, statt uns von Mark Zuckerberg durch einen beheizten Pool schieben zu lassen.

Ich werde meine neuen Einträge weiterhin auf Facebook posten und auf Twitter verlinken. Alternativ habe ich einen RSS-Feed und ein Newsletter-System, das per E-Mail über neue Artikel informiert. Beides findet man rechts neben diesem Text.

Wir haben die grenzenlose Freiheit des World Wide Webs gegen die bequeme Facebook-Welt getauscht. Einfach, effizient und elegant. Keiner hat uns dazu gezwungen, wir sind alle freiwillig der Verheißung gefolgt. Facebook darf gerne ein Weg der Kommunikation bleiben, allerdings sollte es nicht der einzige sein. Holen wir uns das Internet zurück! Noch nen Keks?

Update: Johnny Häusler hat sich zum Jahreswechsel auf Spreeblick.com ebenfalls mit dem Thema auseinandergesetzt. Lesenswert!

Vom Suchen und Finden im virtuellen Heuhaufen

Eine Webzwonull-Erfolgsgeschichte

Ich wurde letztens von zwei Soziologie-Studentinnnen zum Thema Soziale Medien interviewt. Im Laufe des Gesprächs ist mir eine schöne Geschichte wieder eingefallen, die schon ein paar Jahre her ist. Eine Webzwonull-Erfolgsgeschichte. Die möchte ich hier erzählen. Auch, um den Schreckensmeldungen von eskalierenden „Facebook-Partys“ nicht gänzlich das Feld zu überlassen.

Am 17. Oktober 2009 gründete der Australier Danny Cameron die Facebook-Gruppe „Needle In A Haystack“, Nadel im Heuhaufen. Danny war einige Wochen zuvor durch Europa gereist und hatte in Mykonos, Griechenland, eine Digitalkamera gefunden, „full with someone’s memories“. Als Weltenbummler wusste wohl Danny wohl, welche Bedeutung solche Bilder für den Besitzer haben können. Also machte er sich am nächsten Tag in Mykonos zu Fuß auf die Suche – ohne Erfolg.

Die Geschichte lies Danny keine Ruhe. Nach Australien zurückgekehrt, beschloss er, die Möglichkeiten des Internets zu nutzen, um Kamera und Fotograf zusammen zu bringen. Er gründete „Needle In A Haystack“ und lud einige Fotos hoch, auf denen die abgebildeten Personen gut zu erkennen waren. Die Suche nach der Nadel im globalen virtuellen Heuhaufen konnte beginnen. Am nächsten Tag hatte die Gruppe 60 Mitglieder, eine Woche später waren es schon 1200, 120 000 am Ende des Monats. Am 2. November, nach 17 Tagen, waren 235 000 Facebook-User an der Jagd beteiligt. In der Mathematik nennt man das exponentielles Wachstum.

Am 3. November erreichte Danny eine Nachricht aus einem Londoner Büro. Die Briten hatten eine Gruppe von Leute auf den Fotos erkannt. Einer davon, ein Franzose, stellte sich als Besitzer der Kamera heraus. Die Nadel war gefunden.

Danny postete auf Facebook: „Wir können die Gruppe jetzt alle verlassen, hier gibt es nichts mehr zu sehen. Lasst die Korken knallen!“.

Diese Geschichte handelt nicht von irgendeiner Digitalkamera und auch nicht von einer SD-Karte mit unscharfen Fotos einer Strandparty. Diese Geschichte handelt erstens von Hilfsbereitschaft und zweitens von den Chancen sozialer Netzwerke. Danny Cameron ist für mich ein Held: Er bewies Edelmut und Weitblick. Schon vor Jahren hat er die ungeheuren Möglichkeiten von Portalen wie Facebook erkannt und diese gewinnbringend genutzt. Gewinnbringend im gesellschaftlichen, nicht im ökonomischen Sinn. Ökonomisch wäre wohl der Kauf einer neuen Kamera lukrativer gewesen.

Was für eine verrückte Geschichte. Mit Unterstützung kalifornischer Nerds wächst die Welt zusammen. 235 000 Menschen steuern je einen Klick bei, damit einer seine Urlaubsfotos wieder bekommt.

Kony 2012: Die Jagd nach dem bösen schwarzen Mann

Seit Dienstag kursiert unter meinen Facebook-Freunden das Video der Kampagne „Kony 2012“ der amerikanischen NGO Invisible Children. Weltweit brachte es Kony 2012 auf fast 60 Millionen Views in den ersten vier Tagen.

Joseph Kony ist der Anführer der ugandischen Rebellenorganisation Lord’s Resistance Army (LRA), die seit 25 Jahren in Zentralafrika aktiv ist. Die Bande entführt Kinder um sie als Kindersoldaten und Sexsklaven einzusetzen. Die UNO bezeichnete sie 2005 als „wohl brutalste Rebellengruppe der Welt“.

Im Video wird der kleine Sohn des Regisseurs in die Problematik eingeführt. Er lernt Joseph Kony kennen als „the bad guy“, den es zu bekämpfen gilt, damit Papa dem Kleinen eine bessere Welt hinterlassen kann.

Ist es wirklich so einfach?

Erklärtes Ziel der Kampagne ist es, Kony berühmt wie einen Popstar zu machen und in der (amerikanischen) Öffentlichkeit Druck aufzubauen. Justin Bieber, Rihanna und Bill Gates gehören bereits zu den Unterstützern. Die US-Regierung soll zur Fortführung einer Operation gebracht werden, in deren Rahmen seit Oktober 2011 hundert amerikanische Soldaten der ugandischen Armee bei der Jagd nach Kony helfen. Dazu werden Spenden gesammelt, es wird zum Kleben von Plakaten mit Konys Konterfei aufgefordert.

Man versucht seit 25 Jahren, diesen Kerl zu verhaften – auch immer wieder mit amerikanischer Hilfe. Bisher vergeblich. Dafür hat die Armee von Uganda in der Zwischenzeit selbst eine ordentliche Palette an Menschenrechtsverletzungen angehäuft. Die südafrikanische Zeitung Daily Maverick berichtet von Vergewaltigung, Folter, Massenerschießungen – und dem Einsatz von Kindersoldaten. Die politischen Verhältnisse in Zentralafrika sind kompliziert, es ist nicht leicht „gut“ und „böse“ klar zu unterscheiden. Seit 2006 hat sich die LRA aus Uganda zurückgezogen und operiert nun in der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan. Laut einem aktuellen Bericht der UN ist die Truppe auf etwa 200 Kämpfer geschrumpft. In Uganda kehren die Leute auf ihre Felder zurück. Die Direktorin einer örtlichen Hilfsorganisation wünscht sich statt der Jagd auf Kony Hilfe beim Wiederaufbau. Auch der aus Uganda stammende Blogger Musa Okwonga kritisiert, dass bestehende lokale Projekte im Film keine Beachtung finden.

Im Osten Kongos gibt es große Coltanvorkommen. Coltan ist ein Erz, dessen Bestandteil Tantal für die Herstellung winziger Kondensatoren verwendet wird, die beispielsweise in Handys und Laptops verbaut werden. Die Minen werden häufig von Rebellengruppen kontrolliert, die dort unter katastrophalen Bedingungen Kinder arbeiten lassen. Über Umwege wird das Tantal an die großen Chemie- und Elektronikkonzerne geliefert. Mit dem Kauf eures nächsten Smartphones lauft ihr also Gefahr, afrikanische Rebellen zu finanzieren.

Mit einer Spende an Invisible Children finanziert ihr dagegen hauptsächlich deren Verwaltung und Marketing. Nur 32% der Spenden landen in Uganda, die Organisation steht wegen intransparenter Mittelverwendung in der Kritik.

Bringt Kony 2012 also mehr Schaden als Nutzen? Bei aller Kritik: Der gut produzierte Film mit dem süßen blonden Jungen hat das Thema publik gemacht. Sechzig Millionen Views sprechen für sich, weltweit berichten Medien über die Problematik. Auch ich hätte ohne das Video nicht Stunden zur LRA recherchiert und diesen Text geschrieben. Aber für eine bessere Welt ist leider mehr nötig als das Teilen eines Videos auf Facebook.