Es gibt sogar Bäume

Wurde die Stadt evakuiert? Hat jemand versehentlich auf Stumm geschalten? Was stimmt hier nicht?

Es fühlt sich seltsam an, mit dem Bus aus New York an der Union Station in Washington DC anzukommen. Vor gut vier Stunden gingen wir noch über den Times Square. Wichen vorbeistürmenden Kostümträgerinnen und hupenden Taxis aus, versuchten aufdringliche Verkäufer und blinkende Reklame zu ignorieren.

Jetzt fahren auf der breiten Massachusetts Avenue eine Handvoll leiser Hybridautos vorbei. Die Häuser haben fünf Stockwerke statt fünfzig, sind aus Granit statt Stahl. Es gibt sogar Bäume. Es ist eine andere Welt.

Ben's Chili Bowl

Ben’s Chili Bowl

Mit der U-Bahn fahren wir zu unserer Unterkunft. Die Bahnhöfe sind bemerkenswerte Bauwerke: Große Röhren aus hellem Stein mit ausgeklügelter Beleuchtung. Im Gegensatz zu New York gibt es Anzeigentafeln und Fahrpläne. Jede Station in der Innenstadt gleicht der anderen, was die Geschichte Washingtons als Planstadt widerspiegelt.

Im vollbesetzten Zug sind wir neben einem Maurer die einzigen Weißen. Hier draußen im Vorort wohnen ausschließlich Schwarze. Das umgekehrte Verhältnis beobachten wir abends auf einer Veranstaltung im Regierungsviertel. Offiziell wurde die Rassentrennung vor vielen Jahrzehnten abgeschafft, faktisch existiert sie häufig immer noch.

Die Veranstaltung ist Teil eines Umwelt-Film-Festivals. Zufällig haben wir davon gelesen und uns für einen Film über die Appalachen entschieden, der im US-Agrarministerium gezeigt wird. Wenn auch öffentlich ausgeschrieben, rechnet man hier nicht wirklich mit unangemeldeten Publikum: Am Eingang wacht ein Uniformierter über die Gästeliste.

  • What’s your name, Sir?
  • Endt. But I’m not on the list.
  • How do you know?
  • Because I did not register.
  • What’s your name?
  • Endt.
  • Oh, you are not on the list.
  • Yeah.

Ratlos frägt der Mann eine Kollegin, die eine weitere hinzuholt. Die stellt sich als Organisatorin des Abends vor und ist sichtlich erfreut, dass jemand einfach so den Film sehen will. Sie schreibt uns on the list und besorgt uns Besucherausweise des US Departement of Agriculture. Im Saal selbst sind neben Regierungsbeamten in schlecht sitzenden Anzügen auch viele Mitarbeiter der Forstbehörde, zwischen deren Fleecejacken wir mit unserer Reisekleidung kaum auffallen.

Nach Filmen und Podiumsdiskussion sind wir hungrig. Auf Empfehlung von Heather gehen wir zu Ben’s Chili Bowl. Ein klassisch-amerikanisches Restaurant mit roten und weißen Fliesen, super Veggie-Optionen und einer ausgeprägten Begeisterung für Barack Obama und Bill Cosby, deren Porträts auf die Außenwand gesprüht sind. Hier treffen schwarze Jungs von nebenan auf Regierungsbeamte, die an der Theke zum Feierabend die Hemdsärmel hochkrempeln.

Politics&Prose

Politics&Prose

Am nächsten Tag stehen ein paar Sehenswürdigkeiten und Museen auf dem Programm. Erwähnenswert ist das Lincoln Memorial. Ein majestätischer, beeindruckendender Bau zum Gedenken an den Mann, der die Sklaverei abgeschafft hat. Im National Museum of American History fasziniert uns die Geschichte von Julia Child, die mit ihren Kochbüchern den Amerikanern europäische Esskultur näher gebracht hat und in den 1950er-Jahren der erste Fernsehkoch der Welt wurde.

Zum Abschluss eine Station, an die sich kaum Touristen verirren: Die Buchhandlung Politics&Prose in den nördlichen Außenbezirken. Ich trinke guten Kaffee, kaufe zwei weitere Bücher und lerne einen Kollegen kennen. Drei Dinge schätzt Jim an Deutschland: Leica, Mercedes und den „Vorleser“ von Bernhard Schlink. Zuckerbäcker-Literatur gibt es im P&P leider nicht. Zeit, in den Süden zu fahren.

Die Geschichte des ersten Cyberkriegs

Im nächsten Leben werde ich IT-Sicherheitsexperte. Zumindest kam mir dieser Gedanke mehrmals beim Lesen von „Countdown To Zero Day“ von Kim Zetter.

Der Titel bezieht sich auf Zero-Day-Exploits. Das ist die Bezeichnung für Sicherheitslücken in Computersystemen, die ausgenutzt werden bevor sie geschlossen worden. In diesem Fall erfahren die Softwarehersteller erst durch Entdecken des Angriffs von der Schwachstelle und beginnen dann, einen Patch zu entwicklen. In der Zwischenzeit kann die Attacke großen Schaden angriffen.

In Zetters Buch geht es aber nicht um dieses Problem im Allgemeinen, sondern um einen ganz speziellen Angriff: um Stuxnet. Der Virus, mit dem die USA und Israel das iranische Atomprogramm sabotiert haben.

Kim Zetter: Countdown To Zero Day. Crown Publishers 2014

Kim Zetter: Countdown To Zero Day. Crown Publishers 2014

Zetter beschreibt die Arbeit von Fachleuten bei IT-Sicherheitsfirmen wie Symantec und Kaspersky, die das Rätsel um Stuxnet gelöst haben. Weil die Entwickler leichtsinnig waren, hat Stuxnet nicht nur ein paar Rechner in iranischen Atomanlagen infiziert, sondern über 100.000 Computer in 100 Ländern. So landete das Programm irgendwann bei den Virenjägern auf dem Schreibtisch. Die fingen dann an, mittels Reverse Engineering herauszufinden, was das Ding macht, wofür es bestimmt ist und wer es gebaut hat. Wie sie dem Ziel (Zentrifugen einer Urananreicherungslage in Natanz, Iran) und der Quelle (das US Cyber Command und die Unit 8200 der Israel Defence Forces) von Stuxnet nach und nach auf die Spur kommen, ist wahnsinnig spannend zu lesen und bildet den roten Faden des Buchs.

Dazwischen stehen Hintergrundkapitel etwa über das iranische Atoprogramm oder die Geschichte von Zero-Day-Exploits. Diese Abschnitte lesen sich nicht ganz so atemlos wie die Kerngeschichte, sind aber trotzdem sehr interessant. Darin steht beispielsweise, wie schlecht kritische Infrastruktur wie Kraftwerke und Staudämme auch im Westen gegen Cyberangriffe geschützt ist (vielleicht ist es eben keine so gute Idee, kopflos erstmal alles ans Netz zu hängen). Und wie die Geheimdienste durch das Aufkaufen von Sicherheitslücken einen lukrativen Hacker-Markt geschaffen haben, der unser aller Computer unsicherer macht.

Hochinteressant ist das Buch aber auch einfach durch die historische Bedeutung von Stuxnet: Der Angriff gilt als erster Akt der Cyber-Kriegsführung überhaupt. Sieht so die Zukunft aus? Aus Sicht der Amerikaner und Israel war das eine sehr elegante Methode, das iranische Atomprogramm zu stoppen schwächen. Verhandlungen waren vorher gescheitert und die Kontrolleure der Internationalen Atomenergiebehörde wurden von den Iranern an der Nase herumgeführt. Die Alternative wären Luftangriffe gewesen, die sehr wahrscheinlich einen iranischen Gegenschlag zur Folge gehabt hätten. Das wäre schnell ziemlich blutig geworden. Stuxnet hat nur Sachschäden verursacht (wobei parallel dazu Mordanschläge auf einige führende Köpfe des iranischen Atomprogramms verübt wurden).

Andererseits ist es vermutlich nicht verkehrt, das Krieg mit einem großen Risiko und Aufwand verbunden ist. Das ferngesteuerte Töten von Menschen mittels Drohnen ist schon unheimlich. Einen Computervirus über zig Proxy-Server in feindliche Systeme einzuschleusen bringt nochmal eine ganz andere Distanz zwischen Ursache und Wirkung. Und Cyberattacken bieten gigantische Möglichkeiten für Terroristen und sonstige Verrückte. Auf jedem der 100.000 von Stuxnet infizierten Computer liegt die mächstige digitale Waffe unserer Zeit herum. Die dabei verwendeten Sicherheitslücken dürften zwar längst geschlossen sein, aber zur Inspiration taugen sie allemal.

Update 10.01.2015: Im Lagebericht 2014 des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik taucht ein Hacker-Angriff auf ein Stahlwerk in Deutschland auf. Dieses sei „massiv beschädigt“ worden. Dieser Fall gilt nach Stuxnet als zweite Cyber-Attacke weltweit, bei der es zu tatsächlichen physischen Schäden gekommen ist.

Das war 2014

Januar

  • Auf dem Wiener Heldenplatz ins neue Jahr gewalzert

Februar

März

April

Mai

Juni

  • Zwei Tage im Nationalpark Kalkalpen durch den Wald gelaufen, auf einer Wiese gezeltet und darüber später im SZ-Magazin geschrieben
  • Das ideale Outdoor-Gericht „Couscotto“ erfunden
  • Gelernt, E-Mails zu verschlüsseln

Juli

  • Beim SZ-Magazin gearbeitet
  • Auf die Birkkarspitze (2749 m) gestiegen

August

  • Immer noch beim SZ-Magazin gearbeitet

September

  • Kroatien, Montenegro, Albanien und Griechenland bereist
  • Auf der Ladefläche eines Pick-Ups durch die Berge gefahren
  • Einen Songtext am Strand geschrieben
  • Spaghetti in Meerwasser gekocht
  • Eine Woche in den slowenischen Bergen Musik gemacht

Oktober

  •  Zweitwohnsitz in Wien aufgelöst und kurz vor Schluss noch die großartigen österreichischen Mohnnudeln kennengelernt

November

  • Eine Woche lang nach einer Wohnung in Berlin gesucht (und dann einen Job in München gefunden)
  • An der Berliner Lichtgrenze rumgestanden

Dezember

Bücher (Auswahl)

  • Roberto Bolano: 2666
  • Umberto Eco: Der Name der Rose
  • Dave Eggers: The Circle
  • Jonathan Franzen: Die Korrekturen
  • Glenn Greenwald: No Place to Hide
  • Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur
  • Jonas Jonasson: Die Analphabetin die rechnen konnte
  • Henning Mankell: Der Chronist der Winde
  • Thomas Mann: Buddenbrooks (tbc)
  • Viktor Mayer-Schönberger & Kenneth Cukier: Big Data
  • Philipp Oehmke: Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm
  • Philip Roth: Der menschliche Makel
  • Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels
  • Uwe Timm: ROT
  • Frank Zelko: Greenpeace – Von der Hippiebewegung zum Ökokonzern
  • Kim Zetter: Countdown to Zero Day (tbc)
  • Stefan Zweig: Die Schachnovelle
  • Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

Konzerte

  • Bosse
  • Demi Mondaine
  • Donots
  • Heisskalt (2x)
  • Ms Henry And The Flying Fish
  • Soul’D
  • The Subways
  • Torben Tietz

Kino

  • Citizenfour
  • Gone Girl
  • Interstellar
  • Wolf of Wall Street

Der Zauberwürfel von Edward Snowden

Glenn Greenwald: No Place To Hide

In „No Place To Hide“ von Glenn Greenwald steht kaum etwas Neues. Wer die Snowden-Enthüllungen ein bisschen verfolgt hat, kennt den Inhalt schon. Lest es trotzdem.

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Das Buch (deutsche Ausgabe: „Die globale Überwachung“) beginnnt mit einer Nacherzählung von Greenwalds Zusammenarbeit mit Edward Snowden. Die ersten beiden Kapitel, „Contact“ und „Ten Days in Hong Kong“, sind relativ kurz und spannend wie ein Thriller. Sie handeln von zwei Männern und einer Frau, die für das Gute kämpfen und vor bösen Agenten fliehen. Wäre das sein Spielilm, man würde manche Details für überzogen und unglaubwürdig halten. Etwa wenn Greenwald seine Begleiterin Laura Poitras beim ersten Treffen fragt, woran sie Snowden erkennen würden, und diese antwortet: „He’ll be carrying a Rubik’s Cube.“ Einige Minuten später steht Snowden dann vor ihnen, in der Hand einen Zauberwürfel. Sie gehen auf sein Hotelzimmer, stecken ihre Handys in den Kühlschrank und legen Kissen vor den Türspalt. Dann beginnen Greenwald, Poitras und Snowden mit der Arbeit an den NSA-Dokumenten.

Deren Inhalt behandelt das umfangreichste Kapitel, „Collect It All“. Darin beschreibt Greenwald, wie die NSA-Überwachungsprogramme funktionieren. Das ist eine Zusammenfassung der Enthüllungen, die seit Juni 2013 nach und nach veröffentlicht worden. Dieser Abschnitt ist mit vielen Originaldokumenten aus dem Snowden-Fundus, großteils Powerpoint-Folien, viele davon stümperhaft zusammengebastelt. Der Verlag bietet alle im Buch abgebildeten Dokumente frei zum Download an.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Zusammenarbeit mit den großen amerikanischen Internet-Firmen Google, Facebook, Yahoo!, Microsoft und Apple. Die gewähren der NSA umfangreichen Zugriff auf ihre Datenbanken. In Amerika produzierte Router, etwa von Cisco, werden vor dem Export von der NSA abgefangen und mit Spionagetechnik ausgerüstet. Der britische Geheimdienst GCHQ zapft Unterseekabel an.

Viel Raum widmet Greenwald der Frage, was die Geheimdienste mit ihrer Überwachung bezwecken. Die wichtigste Erkenntnis: Es geht nicht um Terrorismus. Ein winziger Teil der Datensammlerei dient vielleicht tatsächlich dem „Krieg gegen den Terror„. Über diese Programme wurden Parlamente und Öffentlichkeit von Anfang an halbwegs informiert. Durch die vorher geschürte Angst vor Anschlägen ist eine gewisse Akzeptanz vorhanden.

Leider bringt die ganze Überwacherei nichts – sie verhindert keine Terrorattacken. Greenwald zitiert diese entlarvende Passage aus einem Gastbeitrag dreier US-Senatoren in der New York Times:

The usefulness of the bulk collection program has been greatly exaggerated. We have yet to see any proof that it provides real, unique value in protecting national security. In spite of our repeated requests, the N.S.A. has not provided evidence of any instance when the agency used this program to review phone records that could not have been obtained using a regular court order or emergency authorization.

Die Überwachung hilft nur nicht dabei, die Welt sicherer zu machen. Sie macht die Welt unsicherer. Denn die Schlupflöcher, die für die Geheimdienste in unsere Kommunkationssysteme eingebaut werden, stehen auch anderen offen.

Aber wie gesagt, um Terrorabwehr geht es eh nicht so wirklich. Die Spionage richtet sich ebenso gegen profane Kriminalität, etwa Drogenhandel. Außerdem dienen die NSA-Programme der politischen und Wirtschafts-Spionage. So wurden etwa im Vorfeld von Gipfeltreffen andere Regierungen ausgespäht, um deren Verhandlungsstrategie auszukundschaften. Auch das Handy von Kanzlerin Merkel steht bekanntlich auf der Liste. Der brasilianische Ölkonzern Petrobas war ebenfalls Ziel der Überwachung.

Der allergrößte Teil der Überwachung geschieht allerdings völlig ohne Grund. Einfach, weil sie’s können. Greenwald schreibt:

Some of the surveillance was ostensibly devoted to terrorism suspects. But great quantities of the programs manifestly had nothing to do with national security. The documents left no doubt that the NSA was equally involved in economic espionage, diplomatic spying, and suspicionless surveillance aimed at entire populations.

[Seite 94]

Oder, wie es Ex-NSA-Chef Alexander ausdrückt: „Collect it all.“

Im Kapitel „The Harm Of Surveillance“ begründet Greenwald, warum Überwachung gefährlich ist. Es gehört zu den großen Seltsamkeiten im Zusammenhang mit den Snowden-Enthüllungen, dass man das immer noch, immer wieder erklären muss. Dass man immer noch an jeder Ecke den Satz hört: „Ich habe nichts zu verbergen.“


Diese Behauptung stimmt fast nie, wie eine aktuelle ZDF-Doku zeigt. Aber selbst wenn, ist sie Quatsch. Klar, wer brav jeden Tag zur Arbeit geht und am Sonntag in die Kirche, wer sein Kreuz in einem der ersten beiden Felder macht und sich sonst aus Politik heraus- und seine Meinung für sich behält, der hat erstmal nicht so viel zu befürchten. Dennoch ist er mitbetroffen, wenn die Freiheit von Journalisten, Oppositionellen, Aktivisten, Andersdenkenden eingeschränkt wird. Denn dann geht die Freiheit der Gesellschaft vor die Hunde. Zum Beispiel ist in Deutschland die Skepsis gegen das Freihandelsabkommen TTIP weit verbreitet. Aber nur eine handvoll Leute engagieren sich dagegen. Eine davon ist Maritta Strasser, der kürzlich die Einreise in die USA verweigert wurde. Greenwald schreibt den eigentlich trivialen Satz:

The true measure of a society’s freedom is how it treats its dissidents and other marginalized groups, not how it treats good loyalists.

[Seite 196]

Ein weiteres Problem ist, dass vor allem Leute jenseits der Vierzig (und die sitzen an den Machtpositionen) das Internet immer noch irgendwie für ein Spielzeug halten und dessen Bedeutung für unsere Welt maßlos unterschätzen. Das ist ein Irrtum. Sascha Lobo sagte kürzlich in einer Rede:

Es geht nicht mehr um Internet-Überwachung, es geht um Welt-Überwachung mit dem Internet.

In einer funktionierenden Demokratie sollte es so sein, dass die Bürger ein Recht auf Privatsphäre haben, die Handlungen des Staates aber für alle transparent sind. Dieses Verhältnis ist inzwischen fast vollständig umgekehrt. In Amerika, aber auch in Deutschland.

Im Epilog schreibt Greenwald von Ed Snowdens großer Sorge: Nämlich, dass sich keiner so recht für seine Enthüllungen interessiert und alles umsonst gewesen ist. Dies sei glücklicherweise nicht eingetroffen.

An dieser Stelle kann ich nicht ganz mitgehen. Klar, die Snowden-Enthüllungen haben riesige Aufmerksamkeit erhalten, haben das Thema Überwachung in den Medien sehr viel präsenter gemacht. Auch politisch tut sich was. In den USA arbeitet der Kongress an einem Gesetz, das die Geheimdienste in ihre Schranken weisen soll. In Deutschland hat ein parlamentarischer Untersuchuchungsausschuss die Arbeit aufgenommen. Aber das US-Gesetz wird in den Ausschüssen bis zur Nutzlosigkeit aufgeweicht. Der U-Ausschuss wird wahrscheinlich folgenlos bleiben wie die meisten vor ihm.

Vor allem aber ist der Bevölkerung das ganze Thema weitgehend egal. Auf persönlicher Ebene passiert nichts, um sich vor Überwachung zu schützen. So ist mein Wechsel von WhatsApp zu Threema gescheitert, da kaum jemand mitgegangen ist. Bei der Bundestagswahl wurden die Parteien wiedergewählt, denen Datenschutz egal ist. Die Piraten sind tot. Auch die Grünen, die mit Ströbele zumindest eine glaubwürdige Spitzenfigur haben, die sich gegen Überwachung engagiert, haben Stimmen verloren. Und so etwas wie wirklicher Protest oder eine Bewegung gegen die unkontrollierte, grenzenlose Macht der Geheimdienste ist weit und breit nirgendwo zu erkennen.

Snowden und Greenwald haben das Thema Überwachung zum Gesprächsthema gemacht. Das ist gut und wichtig. Ihre Enthüllungen sind eine journalistische Meisterleistung und eine bürgerrechtliche Heldentat. Trotzdem sieht es danach aus, als würde sich nichts ändern und die Überwachung weitergehen wie bisher.

Ich denke, es ist ein guter Anfang, dieses Buch zu lesen. Auch wenn nicht viel neues drinsteht. Man kann das Ausmaß dieser ganzen Geschichte so oder so nicht fassen. Aber sie so systematisch, an einem Stück und aus erster Hand erzählt zu bekommen, hilft dabei, ein Gefühl für den Irrsinn zu entwickeln.

Lieblingsbücher

Weil Natalia gerade ihre Lieblingsbücher gebloggt hat, und ich meine eh letztens zusammengestellt hab, zieh ich hiermit nach (eventuelle alkoholische Getränke sind rein zufällig im Bild):

buecher

Von links nach rechts:

 

Gelesen (4)

Das Internet ist das vermutlich komplexeste Gebilde in der Geschichte der Menschheit, eine Kraft der Veränderung, die es mit dem Buchdruck mindestens aufnehmen kann, und es gehört für viele Millionen Menschen in diesem Land völlig selbstverständlich zu ihrem Alltag. Im deutschen Feullieton wird aber nach wie vor vielfach darüber gesprochen, als handle es sich um eine lächerliche Trendsportart, die von ein paar verblendeten Schwachköpfen betrieben wird.

Christian Stöcker – Nerd Attack!

Eine neue Definition von Coolness

Es gibt ein Buch, das mich als Teenager sehr begeisterte und mein Weltbild entscheidend geprägt hat. In der Annahme, dass meine damalige Begeisterung viel mit jugendlicher Naivität zu tun hatte, habe ich das Buch kürzlich nochmal gelesen. Vielleicht bin ich immer noch naiv, aber der Text hat mich erneut begeistert und inspiriert.

Es geht um  „CULTURE JAMMING. Das Manifest der Anti-Werbung“. Kalle Lasn, der Autor, wurde in Estland geboren und lebt inzwischen in Vancouver. Er ist Begründer des Adbusters Magazine und einer der führenden Köpfe von Occupy Wallstreet. Das zentrale Thema dieses sehr wütenden Buchs ist der Konsumkapitalismus, der uns einer ständigen Gehirnwäsche namens Werbung unterzieht und den Planeten vor die Hunde bringt. So fängt es an:

„Das Buch, das Sie in der Hand halten, hat eine Mission, der Sie zunächst einmal instinktiv misstrauen werden. Die Botschaft lautet: Wir können die Welt verändern. Ein gewagtes Versprechen in unserer Zeit, denn es klingt wie ein sinnloser Werbeslogan, wie eine Platitüde aus dem „Weck den Tiger in dir“-Regal.“

Lasn beschreibt, wie die Macht der Konzerne im letzten Jahrhundert unheimliche Ausnahme erreicht hat und längst die Macht der Menschen übersteigt, die sie geschaffen haben. Er schildert die Manipulation, die omnipräsente Werbung, Sponsoring und Product Placement in unseren Gedanken erzeugt haben. Er thematisiert die Auswirkungen dieser Konsummaschinerie auf die Umwelt und auf unsere Psyche. Lasn benennt nicht nur Probleme, er ruft zum Kampf auf:

„Culture Jamming bezeichnet eine subversive kulturelle Praxis, eine Rebellion gegen die Inbesitznahme öffentlicher Räume durch Industrie und Kommerz. Culture Jamming versteht sich als Sand im Getriebe der alles verheißenden und nichts erfüllenden Werbeindustrie.“

Lasn selbst führt diesen Kampf mit seiner Adbusting Media Foundation durch professionelle Anti-Werbung: Die Symbolik der Werbung wird kopiert, aber die Bedeutung umgekehrt. Man sieht dann zum Beispiel Joe Camel, das Kamel der Camel-Werbung, umgetauft als Joe Chemo auf der Krebsstation liegen. Ein schönes Beispiel ist auch dieser Greenpeace-Spot:

CULTURE JAMMING ist eine gute Grundlage, um darüber zu diskutieren wie eine bessere Welt aussehen könnte. Ich versuche mal, den Kern des Problems aus meiner Sicht zu beschreiben.

Es gibt eine gigantische Machtverschiebung von demokratisch gewählten Regierungen zu kapitalgesteuerten Konzernen. Unter den 100 größten Wirtschaftsmächten der Erde sind 43 Unternehmen. Spätestens die Finanzkrise 2008 ff hat gezeigt, wer die Zügel in der Hand hält. Systemrelevant und alternativlos sind die Unwörter der Epoche und zeigen, dass die Staaten dem Wirtschaftsgeschehen ziemlich hilflos gegenüber stehen. Die Gipfeltreffen im Namen von G8, EU et cetera haben längst nur psychologische Bedeutung zur Beruhigung der wild gewordenen Kräfte des Marktes. Wurde bei der Mondlandung 1969 noch die Flagge der Vereinigten Staaten gehisst, stand bei Baumgartners Stratosphärensprung alles im Zeichen des Red-Bull-Logos. Wir sind inzwischen pausenlos mehr oder weniger subtilen Werbebotschaften ausgesetzt. Neben herkömmliche Werbekonzepte wie Plakattafeln und Anzeigen in Magazinen sind alle möglichen neuen Kanäle getreten, die uns beinahe pausenlos bearbeiten. Das Werbebanner auf Spiegel Online, gekaufte Beiträge auf Facebook, das auf Augenhöge angebrachte Poster über dem Pissoir, die geschickt plazierten Produkte in Skyfall, das Markenlogo auf dem Shirt deines Kumpels, das kleine Schild auf den Monitorboxen bei Rock am Ring. Keiner weiß genau, was dieses Dauerbombardement in unseren Köpfen anstellt, aber wenn es keine Wirkung hätte, würde die Wirtschaft dafür keine Milliardenbeträge ausgeben. Allein ein 30-Sekunden-Spot während der Übetragung des Super Bowl 2011 kostete drei Millionen Dollar.

Diese Manipulation für sich genommen könnte man als zwar nervig, aber nicht weiter bedrohlich ansehen. Aber: Die Aktivitäten der Konsumindustrie haben handfeste ökologische und soziale Auswirkungen. Was wir als Wirtschaftswachstum bezeichnen, ist nichts anderes als die großangelegte Vernichtung von Ökosystemen. Zur Befriedigung unseres Mobilitätsbedürfnisses veranstalten die Erdölkonzerne etwa im Nigerdelta ein ökologisches Desaster und zerstören die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Die Rohstoffe für unsere Handys und Notebooks werden teilweise von Kindersklaven gefördert. Der Produktion der 30.000 Tonnen Fleisch, die McDonald’s allein in Deutschland jedes Jahr verbrät, fallen nach wie vor Regenwälder zum Opfer. Die mit einem ziemlich postiven Image gesegneten Hersteller von Outdoor-Kleidung verarbeiten laut einer neuen Studie eine Menge giftiger Chemikalien.

Wir werden zur Bestreitung unseres Lebens immer gewisse Güter verbrauchen. Das System des Konsumkapitalismus ist jedoch darauf ausgelegt, dass wir unseren Verbrauch maximieren, ohne Rücksicht auf die ökologischen und sozialen Folgen.

Wenn man sich mit den oben angeschnittenen und weiteren Themen beschäftigt, entwickelt man Wut. Diese Wut kann man kanalisieren und in positive Energie umwandeln, um die von den Konzernen geschaffene Kultur zu jammen. Dazu braucht es keine aufwendigen Adbusting-Kampagnen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich der Gleichschaltung des Kaufens zu widersetzen. Anfangen könnte man zum Beispiel mit einer Demaskierung von Red Bull. Zuerst brauchen wir eine neue Definition von Coolness. Längst gibt uns die Industrie vor, was es bedeutet cool zu sein. Ich bin für Individualitität, Kreativität und Spontanität als Säulen einer neuen Coolness, die man nicht kaufen kann. Ich habe Bock auf ein bisschen Revolution. Wer ist dabei? Meldet euch.

Wir sind Idealisten, Anarchisten, Guerillataktiker, Schwindler, Witzbolde, Maschinenstürmer der Neuzeit, Nörgler und Punks. Wir sind der pöbelnde Überrest einer Gegenkultur. Was uns verbindet, ist eine grenzenlose Wut gegen den Konsumkapitalismus und das Gefühl, dass die Zeit gekommen ist, um gemeinsam zu handeln.

  • Kalle Lasn: Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung. orange press 2006
  • Klaus Werner-Lobo und Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Ullstein 2010
  • www.konsumpf.de
  • www.adbusters.org
  • www.greenpeace.de