Keine Weihnachtsgeschichte

Heute Nachmittag klingelte es an unserer Haustür. Draußen stand ein Mann, graue Haare, zerfurchtes Gesicht, abgerissene Jacke. Er fragte, ob ich vielleicht eine Kleinigkeit für ihn hätte.

Ich sagte: „Nein, tut mir leid.“ Und machte die Tür wieder zu. „Kein Problem, entschuldigen Sie die Störung“, hörte ich ihn gerade noch sagen. Dann zog er weiter.

Jetzt ärgere ich mich wahnsinnig über mich selbst. Wie kann man sich vier Tage vor Weihnachten nur so daneben benehmen? Das schlechte Gewissen kam schon nach ein paar Minuten. Ich bin dann raus auf die Straße und habe den Mann gesucht. Ich habe ihn nicht mehr gefunden.

Natürlich kann und will ich nicht jedem, der danach frägt, etwas von meinem Geld abgeben. Wahnsinnig viel habe ich davon auch nicht. Aber warum weise ich einen Mann, der an meiner Tür klingelt und um Hilfe bittet, so kalt und reflexartig ab? Warum frage ich ihn nicht mal, was ihm fehlt? Warum biete ich ihm nicht wenigstens eine Tasse Tee an? Oder einen verdammten Lebkuchen?

„Hausierern gibt man nichts“. Diese Regel ist in mir offenbar so tief verankert wie „Vor dem Essen wäscht man sich die Hände“ oder „Alten Leuten überlässt man seinen Sitzplatz.“ Warum eigentlich? Wer hat diesen Unsinn erfunden? Warum hinterfrage ich das erst, wenn die Tür schon wieder zu ist?

Wenn die EU-Grenzschützer hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen, wenn in Dresden tausende Vollidioten gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen, wenn deutsche Waffen Unterdrückung und Krieg auf der ganzen Welt ermöglichen, kann ich kotzen vor Wut. Ich schäme mich regelmäßig für mein Land und meine Regierung.

Wenn ein armer Mensch vor meiner Haustür steht und um Hilfe bittet, bin ich kein Stück besser. Heute schäme ich mich für mich selbst.

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