Haferbrei um halb fünf

tmp_31301-775964852Aus den Rocky Mountains wurden wir vom Regen rausgespült. Ein paar hundert Meilen weiter südlich finden wir uns in der trockenen Hitze von Utah wieder. Die windigen, staubigen Hochebenen, auf denen man das Lenkrad nicht fest genug halten kann, sind von spektakulären Schluchten durchzogen. Um sie zu erkunden, müssen wir früh aufstehen: Viele Campingplätze in den Nationalparks sind schon morgens ausgebucht. Vor allem aber wird es ab Mittag unerträglich heiß, nachmittags drohen Gewitter. Unser Rekord im Frühaufstehen liegt bei 4:30 Uhr: Frühstück kochen, Lager abbauen, ab Sonnenaufgang sieben Meilen marschieren, um elf im Schwimmbad ausruhen.
tmp_31301--183856421Erster Stopp: Bryce Canyon. An dieser Abbruchkante des Colorado-Plateaus haben sich beeindruckende Steintürme gebildet. Besonders schön sind die – wieder nix mit Ausschlafen – bei Sonnenaufgang.
tmp_31301-1385662752Zufällig entdecken wir unterwegs den ebenso schönen Red Canyon. Die meisten Leute fahren einfach vorbei, wir treffen den ganzen Wandertag lang nur ein paar Eidechsen. Und ganz zum Schluss einen Mountainbiker, der vom Trail auf den Thunder Mountain schwärmt.
tmp_31301--487183426Ein alter Cowboy in der Nähe hat sich gerade neue Leih-Räder angeschafft, und so folge ich dem Rat. Die Überquerung des Donnerbergs wird tatsächlich die anstrengenste, anspruchsvollste und schönste MTB-Tour die ich je gefahren bin. Den Tippgeber treffe ich unterwegs wieder, als er die dreißig Kilometer gerade zum dritten Mal innerhalb von zwei Tagen fährt.

tmp_31301-img20150608_15131315550479Anschließend brechen wir zu einer dreitägigen Wildnis-Expedition in die Kolob Canyons im Zion-Nationalpark auf. Wir folgen dem La Verkin Creek durch sein von Schlangen, Rehen, Berglöwen und wilden Truthähnen bevölkertes Tal. Uns beeindruckt die Vielfalt der Vegetation: Hier wachsen Kiefern, Eichen, Ahorn- und Haselnussbäume, Farne, Gräser, Blumen und blühende Kakteen. Links und rechts des Weges liegen schmale, von wenig Sonnenlicht erhellte Nebenschluchten, an deren Enden wir Höhlen und Wasserfälle erkunden.
tmp_31301-190383474tmp_31301--547057938Was Reisen anstrengend, aber auch spannend macht, ist das Fehlen jeglicher Routinen. Das gilt besonders für Rucksack-Touren ins Backcountry. Dinge wie Zähne putzen oder das Frühstücksmüsli löffeln funktionieren zu Hause ohne aktiven Gehirneinsatz. Hier muss erstmal Wasser aus dem Fluss geholt, durch ein Tuch gefiltert und chemisch behandelt werden. Dann braucht es einen windgeschützten Ort für den Gaskocher, worauf wir mangels Milch – weil mangels Kühlschrank – Haferbrei kochen, die Menge genau abgemessen, damit es auch noch für den nächsten Tag reicht. Dann löffeln zwei Hungrige aus dem gleichen Topf, man wollte ja nicht auch noch Teller schleppen. Am Ende wird das Geschirr mit Sand und einem Tropfen Ökoseife gespült, weit genug vom Fluss entfernt natürlich, um nicht das eigene Trinkwasser zu kontaminieren. Kaum sind eineinhalb Stunden vergangen, kann der Tag beginnen.

tmp_31301--1537581564Zurück in der sogenannten Zivilisation, wollen wir eigentlich einen Ruhetag einlegen. Die Ranger erwarten allerdings ein Ende der Schönwetterphase, daher kann unser nächstes Projekt nicht warten: Eine Tour durch die „Narrows“ funktioniert nur bei perfekten Bedingungen. Der Virgin River nimmt die volle Breite der schmalen Schlucht ein, wir waten die meiste Zeit durch knöchel- bis brusttiefes Wasser. Bei Regen können gefährliche Sturzfluten entstehen.
tmp_31301-771702018tmp_31301--1563688483Die Narrows sind die spektakuläre Zugabe unserer amerikanischen Outdoor-Saison. Auf dem Rückweg durch die Wüste nach San Diego kommen wir morgens durch Las Vegas. Sogar in den Tankstellen stehen hier Spielautomaten. Um acht Uhr sechsundvierzig sind drei von sieben besetzt. Alles gesehen, alles gesagt, wir fahren weiter.

Ein Gedanke zu “Haferbrei um halb fünf

  1. Ulrike Ecker

    Spektakuläre Fotos und sehr spannend und informativ berichtet. Ihr traut Euch ja allerhand, Respekt!
    L..G. Ulli+Gerhard