Ich will mein Internet zurück

Facebook nutzt seine Marktmacht und bestimmt zunehmend, welche Inhalte wir sehen. Ein Aufruf zur Rückeroberung

Hey, schön dass du da bist. Komm doch rein, Schuhe kannst anlassen. Ich hoffe du hast gut hergefunden. Wie bist du denn da, zu Fuß? Nein? Ach, verstehe, ein Link auf Facebook hat dich hergebracht. Egal, nimm erstmal nen Keks, Kaffee kommt gleich.

Als ich 2007 auf einer USA-Reise meinen Facebook-Account erstellt habe, war das in good old europe noch eine Randerscheinung. Hier waren wir damals noch auf Myspace und StudiVZ unterwegs. Inzwischen gibt es in Deutschland 25 Millionen Facebook-Mitglieder. Weltweit wurde im September die Marke von einer Milliarde Usern überschritten. Der Like-Button wurde seit seiner Einführung 2009 über eine Billiarde Mal gedrückt. Sowohl welt- als auch deutschlandweit ist Facebook die zweitpopulärste Website überhaupt, nur Google wird öfter aufgerufen. Facebook ist absoluter Standard. Die Begriffe Soziales Netzwerk und Facebook sind nahezu synomym. Der kalifornische Konzern hat quasi ein Monopol auf unsere virtuelle Kommunikation.

Das Teil ist einfach ungeheuer praktisch. Informationen, Ideen und Links, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre, verbreiten sich weltweit. Entfernungen spielen keine Rolle, der Traum von grenzenloser Kommunikation wird wahr. Von amüsantem Nonsense bis zu politischen Grundsatzdebatten findet alles seinen Platz. Ich bin mir sicher, dass ich den Kontakt zu vielen Freunden schon verloren hätte, wenn man nicht über Facebook so gut in touch bleiben könnte. Außerdem würde ohne das Verlinken auf Facebook kein Mensch meinen Blog lesen. Konzerte lassen sich über die Event-Funktion auch leichter organisieren. Klar könnte man das alles auch irgendwie anders machen, über E-Mail, Foren oder was auch immer. Vielleicht sogar offline. Aber es wäre nicht so einfach, effizient und elegant. Erinnert sich noch jemand, wie umständlich und nervtötend die Konkurenzprodukte zu bedienen waren? Myspace ist mit gutem Grund in der Versenkung verschwunden. Und Erscheinungen wie StudiVZ oder, noch schlimmer, Lokalisten haben mit ihrem auf Deutschland begrenzten Konzept von vornherein alles falsch gemacht. Facebook hat sich zu Recht durchgesetzt.

Aber.

Spätestens seit dem Börsengang müssen die Jungs ihren Profit steigern. Dafür ist ein Unternehmen schließlich da. „Facebook ist und bleibt kostenlos“, dieses Versprechen wird auf der Startseite gegeben. Es gilt allerdings nur noch mit Einschränkungen.

Wer mit seinen Posts zur Zielgruppe durchdringen will, wird inzwischen zur Kasse gebeten. Für Fünf Euro und einen Cent kann man seine Beiträge „hervorheben“, sie werden dann bevorzugt angezeigt. Im Umkehrschluss: Posts, für die nicht bezahlt wird, sind im Nachteil, wandern im Stream nach unten oder erscheinen erst gar nicht. Die Abwicklung läuft einfach, effizient und elegant: Nach dem Klick auf den Hervorheben-Button kann man direkt seine Kreditkarten-Daten angeben.

In letzter Zeit tauchen auch immer mal wieder Beiträge in meinem Stream auf, die weder mit meinen Freunden noch den von mir abonnierten Seiten irgend etwas zu tun haben. Zum Beispiel „coole Angebote im Winter“ einer bb Products GmbH. Oder KitKat-Werbung. Facebook war nett und lieb, bis es eine globale Monopolstellung erreicht hat. Jetzt nutzt der Konzern seine Macht. Facebook gibt vor, welche Inhalte wir sehen. Und welche nicht. Das Thema Datenschutz habe ich noch komplett außen vor gelassen. Mit personalisierter Werbung, mit Hilfe der gesammelten Daten präzise auf den Benutzer abgestimmt, lässt sich richtig Geld verdienen. Die paar Euro für hervorgehobene Beiträge sind im Vergleich dazu vermutlich lächerlich. Mit Selbstbestimmung jedenfalls hat das alles nichts zu tun.

Wie kommen wir da wieder raus? Ein Ausstieg aus dem Netzwerk wäre konsequent. Mit etwas Glück und viel Mühe kann man auch danach noch ein rudimentäres Sozialleben führen. Aber das erfordert Mut – zu sehr haben wir uns bereits im blau-weißen Netz verfangen. Für den Anfang könnte man den Blick etwas mehr auf das Internet links und rechts des Facebook-Highways richten. Registriert euch bei Twitter und Google+. Die sind bestimmt nicht besser, aber immerhin wird das Monopol gebrochen. Speichert eure Lieblings-Websites in der Kopfleiste eures Browsers und surft sie auf direktem Weg an. Legt euch eine Liste mit sehens- oder lesenswerten Blogs an, und schaut zwischendurch, ob es was neues gibt. Macht selbst einen Blog auf. Surfen wir auf dem offenen Meer, statt uns von Mark Zuckerberg durch einen beheizten Pool schieben zu lassen.

Ich werde meine neuen Einträge weiterhin auf Facebook posten und auf Twitter verlinken. Alternativ habe ich einen RSS-Feed und ein Newsletter-System, das per E-Mail über neue Artikel informiert. Beides findet man rechts neben diesem Text.

Wir haben die grenzenlose Freiheit des World Wide Webs gegen die bequeme Facebook-Welt getauscht. Einfach, effizient und elegant. Keiner hat uns dazu gezwungen, wir sind alle freiwillig der Verheißung gefolgt. Facebook darf gerne ein Weg der Kommunikation bleiben, allerdings sollte es nicht der einzige sein. Holen wir uns das Internet zurück! Noch nen Keks?

Update: Johnny Häusler hat sich zum Jahreswechsel auf Spreeblick.com ebenfalls mit dem Thema auseinandergesetzt. Lesenswert!

Eine neue Definition von Coolness

Es gibt ein Buch, das mich als Teenager sehr begeisterte und mein Weltbild entscheidend geprägt hat. In der Annahme, dass meine damalige Begeisterung viel mit jugendlicher Naivität zu tun hatte, habe ich das Buch kürzlich nochmal gelesen. Vielleicht bin ich immer noch naiv, aber der Text hat mich erneut begeistert und inspiriert.

Es geht um  „CULTURE JAMMING. Das Manifest der Anti-Werbung“. Kalle Lasn, der Autor, wurde in Estland geboren und lebt inzwischen in Vancouver. Er ist Begründer des Adbusters Magazine und einer der führenden Köpfe von Occupy Wallstreet. Das zentrale Thema dieses sehr wütenden Buchs ist der Konsumkapitalismus, der uns einer ständigen Gehirnwäsche namens Werbung unterzieht und den Planeten vor die Hunde bringt. So fängt es an:

„Das Buch, das Sie in der Hand halten, hat eine Mission, der Sie zunächst einmal instinktiv misstrauen werden. Die Botschaft lautet: Wir können die Welt verändern. Ein gewagtes Versprechen in unserer Zeit, denn es klingt wie ein sinnloser Werbeslogan, wie eine Platitüde aus dem „Weck den Tiger in dir“-Regal.“

Lasn beschreibt, wie die Macht der Konzerne im letzten Jahrhundert unheimliche Ausnahme erreicht hat und längst die Macht der Menschen übersteigt, die sie geschaffen haben. Er schildert die Manipulation, die omnipräsente Werbung, Sponsoring und Product Placement in unseren Gedanken erzeugt haben. Er thematisiert die Auswirkungen dieser Konsummaschinerie auf die Umwelt und auf unsere Psyche. Lasn benennt nicht nur Probleme, er ruft zum Kampf auf:

„Culture Jamming bezeichnet eine subversive kulturelle Praxis, eine Rebellion gegen die Inbesitznahme öffentlicher Räume durch Industrie und Kommerz. Culture Jamming versteht sich als Sand im Getriebe der alles verheißenden und nichts erfüllenden Werbeindustrie.“

Lasn selbst führt diesen Kampf mit seiner Adbusting Media Foundation durch professionelle Anti-Werbung: Die Symbolik der Werbung wird kopiert, aber die Bedeutung umgekehrt. Man sieht dann zum Beispiel Joe Camel, das Kamel der Camel-Werbung, umgetauft als Joe Chemo auf der Krebsstation liegen. Ein schönes Beispiel ist auch dieser Greenpeace-Spot:

CULTURE JAMMING ist eine gute Grundlage, um darüber zu diskutieren wie eine bessere Welt aussehen könnte. Ich versuche mal, den Kern des Problems aus meiner Sicht zu beschreiben.

Es gibt eine gigantische Machtverschiebung von demokratisch gewählten Regierungen zu kapitalgesteuerten Konzernen. Unter den 100 größten Wirtschaftsmächten der Erde sind 43 Unternehmen. Spätestens die Finanzkrise 2008 ff hat gezeigt, wer die Zügel in der Hand hält. Systemrelevant und alternativlos sind die Unwörter der Epoche und zeigen, dass die Staaten dem Wirtschaftsgeschehen ziemlich hilflos gegenüber stehen. Die Gipfeltreffen im Namen von G8, EU et cetera haben längst nur psychologische Bedeutung zur Beruhigung der wild gewordenen Kräfte des Marktes. Wurde bei der Mondlandung 1969 noch die Flagge der Vereinigten Staaten gehisst, stand bei Baumgartners Stratosphärensprung alles im Zeichen des Red-Bull-Logos. Wir sind inzwischen pausenlos mehr oder weniger subtilen Werbebotschaften ausgesetzt. Neben herkömmliche Werbekonzepte wie Plakattafeln und Anzeigen in Magazinen sind alle möglichen neuen Kanäle getreten, die uns beinahe pausenlos bearbeiten. Das Werbebanner auf Spiegel Online, gekaufte Beiträge auf Facebook, das auf Augenhöge angebrachte Poster über dem Pissoir, die geschickt plazierten Produkte in Skyfall, das Markenlogo auf dem Shirt deines Kumpels, das kleine Schild auf den Monitorboxen bei Rock am Ring. Keiner weiß genau, was dieses Dauerbombardement in unseren Köpfen anstellt, aber wenn es keine Wirkung hätte, würde die Wirtschaft dafür keine Milliardenbeträge ausgeben. Allein ein 30-Sekunden-Spot während der Übetragung des Super Bowl 2011 kostete drei Millionen Dollar.

Diese Manipulation für sich genommen könnte man als zwar nervig, aber nicht weiter bedrohlich ansehen. Aber: Die Aktivitäten der Konsumindustrie haben handfeste ökologische und soziale Auswirkungen. Was wir als Wirtschaftswachstum bezeichnen, ist nichts anderes als die großangelegte Vernichtung von Ökosystemen. Zur Befriedigung unseres Mobilitätsbedürfnisses veranstalten die Erdölkonzerne etwa im Nigerdelta ein ökologisches Desaster und zerstören die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Die Rohstoffe für unsere Handys und Notebooks werden teilweise von Kindersklaven gefördert. Der Produktion der 30.000 Tonnen Fleisch, die McDonald’s allein in Deutschland jedes Jahr verbrät, fallen nach wie vor Regenwälder zum Opfer. Die mit einem ziemlich postiven Image gesegneten Hersteller von Outdoor-Kleidung verarbeiten laut einer neuen Studie eine Menge giftiger Chemikalien.

Wir werden zur Bestreitung unseres Lebens immer gewisse Güter verbrauchen. Das System des Konsumkapitalismus ist jedoch darauf ausgelegt, dass wir unseren Verbrauch maximieren, ohne Rücksicht auf die ökologischen und sozialen Folgen.

Wenn man sich mit den oben angeschnittenen und weiteren Themen beschäftigt, entwickelt man Wut. Diese Wut kann man kanalisieren und in positive Energie umwandeln, um die von den Konzernen geschaffene Kultur zu jammen. Dazu braucht es keine aufwendigen Adbusting-Kampagnen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich der Gleichschaltung des Kaufens zu widersetzen. Anfangen könnte man zum Beispiel mit einer Demaskierung von Red Bull. Zuerst brauchen wir eine neue Definition von Coolness. Längst gibt uns die Industrie vor, was es bedeutet cool zu sein. Ich bin für Individualitität, Kreativität und Spontanität als Säulen einer neuen Coolness, die man nicht kaufen kann. Ich habe Bock auf ein bisschen Revolution. Wer ist dabei? Meldet euch.

Wir sind Idealisten, Anarchisten, Guerillataktiker, Schwindler, Witzbolde, Maschinenstürmer der Neuzeit, Nörgler und Punks. Wir sind der pöbelnde Überrest einer Gegenkultur. Was uns verbindet, ist eine grenzenlose Wut gegen den Konsumkapitalismus und das Gefühl, dass die Zeit gekommen ist, um gemeinsam zu handeln.

  • Kalle Lasn: Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung. orange press 2006
  • Klaus Werner-Lobo und Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Ullstein 2010
  • www.konsumpf.de
  • www.adbusters.org
  • www.greenpeace.de