Fifty Shades Of Green

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Auf 1280 Metern Höhe kehren wir um. Der Schnee liegt knietief und mehr davon rieselt vom dunkelgrauen Himmel auf unsere Schultern. Auf einer Lichtung verlieren sich die Spuren, denen wir bisher gefolgt waren. Wie der Weg weiter geht, lässt sich nur erahnen. Nasse Füße haben wir schon vorher unterhalb der Schneegrenze bekommen, als wir eine verunglückte Trinkflasche aus dem eisigen Fluss retten mussten.

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Bereits in der vergangenen Nacht haben wir festgestellt, dass es Ende April in den Olympic Mountains ziemlich winterlich zugehen kann – an der Temperatur im Zelt. Der Olympic National Park liegt in Washington und markiert die nordwestliche Ecke der USA, von Alaska und Hawaii abgesehen. Wir sind hier drei Tage mit dem Rucksack unterwegs. Michi trägt das Zelt, ich alle Lebensmittel in einer großen Plastiktonne mit bärensicherem Schraubverschluss, die wir nachts 70 Fuß vom Schlafplatz entfernt deponieren sollen.

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tmp_2551--893024332 Am ersten, regnerischen Tag folgen wir dem Sol Duc River, der uns auch als Trinkwasserquelle dient, und schlagen unser Lager an seinem Ufer auf. Am zweiten Tag wärmen wir uns mit Hampelmännern auf und starten den Aufstieg. Spätestens beim Rückmarsch an Tag drei hat sich das Frieren gelohnt. Es zieht auf, der Wald leuchtet in allen Grüntönen. Ein dicker, heller Moosteppich überzieht den Boden. Darüber wachsen, etwas dunkler, Flechten und Gräser. Dornen und Farne bilden die dritte Etage. Dann ragen gigantische Nadelbäume in die Höhe. Bis wir den Parkplatz erreichten, sind auch die Stiefel trocken.

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Nach unserer Wildnisexpedition gönnen wir uns ein Bad in den heißen Quellen des Sol Duc Valley (allein das Duschen war die zwölf Dollar wert). Kurzer Versorgungsstopp in Forks, einem der wenigen Orte in der Gegend. Nicht spektakulär, aber nette Menschen, die einen an der Kasse mit „Genießt den sonnigen Tag“ verabschieden. So zumindest unser Eindruck, die Bloggerkollegen von Road Trippin, mit deren Beobachtungen wir sonst meistens konform gehen, haben hier nur Rednecks und Junkies getroffen. Interessant, wie sich die Wahrnehmung unterscheiden kann.

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Dann fahren wir ans Meer – der Olympic-Nationalpark besteht aus einem Inlands- und einem Küstenteil. Der Pazifik verschlingt nach und nach den Wald am Ufer, so dass die Strände mit toten Bäumen übersät sind. Ohne Rinde liegen die nackten Stämme im Sand.

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Unser Lieblingsstrand liegt am Sandpoint, einer spitzen Halbinsel, die nur per Fünf-Kilometer-Fußmarsch durch sumpfigen Wald erreichbar ist. Hier sehen wir hundert Meter vor uns endlich das Tier, dessen Hunger uns seit Wochen zu umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen zwingt. Zugleich hat der Schwarzbär auch uns gesehen und trottet zurück ins Dickicht. Trotzdem verstauen wir die Vorräte an diesem Abend besonders gut, bevor wir ins Zelt kriechen, vor uns die heranrauschende Flut, hinter uns irgendwo der Bär und meilenweit keine Straße.

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Unverfänglicher sind die Wildlife-Begegnungen an den Stränden von Kalaloch: Während Michi die Klippen nach Seesternen absucht, beobachte ich zwei Weißkopfseeadler beim Anbandeln in den Baumkronen.

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Die Woche auf der Olympic-Halbinsel war vorläufig der Höhepunkt unserer Reise. Danach fahren wir nach kurz Seattle, wo wir spannende Menschen treffen, es sonst aber nicht viel zu erzählen gibt. Dann geht es nach Kanada – Fortsetzung folgt.

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Endlich am Pazifik

Im Song „Kalifornia“ von den Subways heißt es:

If you see
Kalifornia
You will know it’s been
Waiting for you

Kalifornien hat auf uns gewartet? Dieses Land wartet auf niemanden. Höchstes darauf, dass wir wieder gehen. Hier sind schon längst mehr Leute, als ein Stück Wüste ertragen kann. Verkehrschaos und Zersiedelung sind brutal. Am Tag, als wir in Kalifornien ankommen, titelt die Los Angeles Times mit den Wassersparmaßnahmen, die der Gouverneur der Dürre entgegensetzen will. Manche Gemeinden sollen 35 Prozent ihres Verbrauchs einsparen. Die warten bestimmt nicht darauf, die letzten Tropfen mit uns zu teilen.

So zumindest unser erster Eindruck. Der ändert sich schnell, als wir mit den ersten Kaliforniern ins Gespräch kommen. So viel Freundlichkeit ist selbst für amerikanische Verhältnisse ungewohnt. Mit Jonathan, unserem Gastgeber in San Diego, gehen wir gleich am ersten Abend gemeinsam essen. Händler beraten uns auch eine Viertelstunde nach Ladenschluss in aller Ruhe. Im Asia-Supermarkt erklärt uns eine Miteinkäuferin ausführlich die verschiedenen Knollen und gibt Tipps zur Zubereitung von Purple Yam, einer Art Süßkartoffel (es funktioniert und schmeckt hervorragend).

Die coolste Szene ereignet sich auf dem Sunset Boulevard in Hollywood: An der Ampel hält ein Auto neben unserem. Durch die offenen Fenster ruft der Fahrer: Schau, wie nah wir sind, wir können uns die Hand geben! Lachend schlagen wir unsere Fäuste gegeneinander. Dann schaltet die Ampel auf grün.

Los Angeles von den Hollywood Hills

Los Angeles von den Hollywood Hills

Überhaupt haben wir in Los Angeles eine gute Zeit. Im Staples Center sehen wir die Dallas Mavericks mit Dirk Nowitzki gegen die Lakers gewinnen. Beim Wandern durch die Hollywood Hills sammeln wir wilden Salbei, der bis nach Kanada unsere Backpacker-Mahlzeiten aufbessern wird. Am Santa Monica State Beach (gibt es in Deutschland eigentlich Bundesstrände?) ist das Baden umsonst – wenn auch im April sehr kalt – das Wohnen nicht ganz: Die Einzimmerwohnung liegt in Santa Monica bei 4000 Dollar monatlich, erzählt ein Anwohner.

In einem Club namens The Smell erleben wir ein unglaublich verrücktes Konzert. Der Laden liegt in einer schmalen, dunklen Gasse. Am Eingang hängt ein Schild: „No Alcohol“. Dahinter stinkt es nach Pisse. Es sind etwa fünfzig Leute im Raum. Ein paar trinken Wasser; die meisten stehen nur da und hören zu. Femoral aus Austin, Texas, machen furchtbaren Lärm. Ihr Sound ist so laut, so verzerrt, so unmelodisch, man möchte sofort wieder gehen – bewegt sich aus Neugierde aber doch nach vorne. Und ist fasziniert. Da spielen drei Jungs nicht auf, sondern vor der leeren Bühne. Der Bassist steht mit geschlossenen Augen an der Wand. Der Gitarrist trägt Moustache und dunkle lange Haare und brüllt Unverständliches in sein Mikrofon. Beide wirken ziemlich abgedreht. Die Sensation aber ist der Drummer: Bis auf spitze Lederstiefel ist sein Äußeres unauffällig. Er sitzt mit dem Rücken zum Publikum vor einem minimalistischen Schlagzeug, auf das er einprügelt wie Obelix auf einen römischen Legionär. Seine schnellen 16tel wirken völlig planlos, ergeben mit dem wilden Geschrammel und Gebrüll der Kollegen aber doch so etwas wie Musik. Songstrukturen sind nicht erkennbar, ab und zu scheint aber ein Stück zu enden. Die Saiteninstrumente beginnen dann ein neues, während der Trommler aufsteht und völlig verschwitzt und atemlos durchs Publikum nach hinten taumelt. Unvermittelt stürzt er nach vorne, nimmt Platz und knüppelt weiter. Die Ansage am Ende: „Thank you for supporting us in our mission of yelling at people.“

Erstes Lagerfeuer der Saison

Erstes Lagerfeuer der Saison

Nach diesen Erlebnissen haben wir trotzdem genug von Großstadt. Schließlich sind wir inzwischen von leather tramps zu rubber tramps (die Unterscheidung habe ich bei Jon Krakauer gelesen) aufgestiegen, haben also Autoreifen statt Wanderstiefeln unter den Füßen. Wir sind bereit, die große Weite des amerikanischen Westens zu erkunden.

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Sanddollar Beach

Sanddollar Beach

Erstmal halten wir uns an den Pazifik. Die Küstenstraße ist schmal und kurvig. Wirklich voran kommen wir nicht – zumal immer wieder ein unterhalb der Klippen gelegener Strand einen Zwischenstopp erfordert. Zum Beispiel der Sanddollar Beach, ein Streifen aus weißem Sand zwischen zwei nach vorne ragenden Felswänden. Oder der Pfeiffer Beach, durch den ein solcher Wind weht, dass einem die Sandkörner wie Geschosse gegen die Waden schlagen. Solche Stopps lassen uns für die 600 Kilometer bis San Francisco volle drei Tage brauchen.

Pfeiffer Beach

Pfeiffer Beach

Die Ankunft in Frisco ist kompliziert. Wir haben der Aussage unserer Airbnb-Gastgeberin vertraut, zwei Straßen von ihrer Wohnung könne man frei parken. Das erweist sich als Unsinn – man kann hier nirgendwo frei parken. Wir stellen unseren Ford also für 50 Dollar zwei Tage ins Parkhaus. Um dann von besagter Gastgeberin versetzt zu werden: Die Hausverwaltung hat mitbekommen, dass Roxanne ihre Wohnung vertragswidrig untervermietet. Wir nehmen also das, was kurzfristig (es wird gerade dunkel) an Hostelzimmern noch zu haben ist. Dieser unglückliche Start vermiest uns San Francisco etwas. Nach eineinhalb unspektakulären Tagen sind wir weg.

Golden Gate Bridge: Die Schönheit liegt im Detail

Golden Gate Bridge: Die Schönheit liegt im Detail

Upper Yosemite Fall

Upper Yosemite Fall

Im Yosemite Valley wandern wir zu den gleichnamigen Wasserfällen (Nach einigen Monaten in Neuseeland dachte ich, Wasserfälle kriegen mich nicht mehr. Aber der ist besonders: Das Wasser fließt nicht gleichmäßig hinab, sondern fällt in Schwaden aus dem Fels, die dann langsam zerfallen). Wir zelten abends mit dutzenden Kletterern unter den Granitwänden, wo die Huberbuam ihre Speedkletter-Höchstleistungen erzielt haben.

Yosemite Valley

Yosemite Valley

Redwood National Park

Redwood National Park

Letzte Station in Kalifornien ist der Redwood National Park. Undurchdringlicher Regenwald: Farne, Moose, Dornensträucher und gigantische Bäume, auf deren Querschnitt mehrere Zelte Platz hätten. Die Redwoods ragen hundert Meter in den Himmel oder liegen nach ihrem Tod wie riesige Mikado-Stäbchen kreuz und quer übereinander. Manchmal kracht und ächzt es beunruhigend in den Kronen über uns. Am Ende der Dschungelwanderung stehen wir direkt am Pazifik, zelten abends am Strand und grillen Tortillas über dem Feuer.

Golden Bluffs Beach, Redwoods National Park

Golden Bluffs Beach, Redwood National Park