Ein Prosit der Besoffenheit

Im Rettungsdienst wird ein Funkschlüssel verwendet, um Einsatzmeldungen zu codieren. „Emil-Berta“ steht für eine Entbindung, „Ärger 5“ für eine Geiselnahme. Erhält das Rettungsteam von der Leitstelle die Information „Moritz 3“, handelt es sich um eine Alkoholvergiftung. 2010 mussten mit dieser Diagnose 333.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern stationär behandelt werden. Alkoholbedingte Erkrankungen kosteten 74.000 Menschen das Leben. Bei jedem zehnten Verkehrstoten ist Trunkenheit am Steuer die Ursache. Fast ein Drittel aller Gewaltverbrechen wird unter Alkoholeinfluss verübt. 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig. Fährt man nachts mit der S-Bahn durch München, kann es passieren, dass man zwischen Urin, Erbrochenem und Raufereien kaum Luft zum Atmen findet.

Exzessiver Alkoholkonsum wird dementsprechend auch immer wieder thematisiert. Unter Überschriften wie „Komasaufen als Jugendmode„, „Kampf gegen Komasaufen“ und „Zahl betrunkener Jugendlicher verdoppelt“ nehmen sich Leitmedien von BILD bis ZEIT der Problematik an. Politiker von der Kommunal- bis zur Bundesebene äußern sich regelmäßig. Die Trinkexzesse werden dabei fast ausschließlich als jugendspezifisches Phänomen diskutiert. Tatsächlich werden die ersten Erfahrungen mit Alkohol immer früher gemacht, müssen immer mehr Minderjährige mit Alkoholvergiftung behandelt werden. Doch das Problem liegt tiefer. Alkoholmissbrauch hat hierzulande viele Gesichter, er findet in allen Teilen und Schichten der Gesellschaft statt. Er ist das verbindende Element vom Obdachlosen zum Operngänger, er eint Müllmänner und Minister. Nicht selten geben sich auf Abschlussfahrten Lehrer und Schüler gemeinsam die Kante. Beim gemeinsamen Trinken werden Freundschaften geknüpft, Geschäfte eingefädelt, Ehen angebahnt. Gesoffen wird auf Volksfesten in der Provinz genauso wie bei den exklusiven Events der High Society. Die Frage ist nicht Sekt oder Selters, sondern Prosecco oder Pils; irgendwas saufen alle. Man könnte sagen: Der Suff hält die Nation zusammen.

Liegt jemand betrunken mit schmutzigen Kleidern und ungepflegten Haaren auf einer Parkbank, gilt er als asozial. Für sich genommen ist Alkoholismus jedoch gesellschaftlich akzeptiert. Wer sich schon vormittags beim Frühschoppen um den Verstand säuft, verkörpert bayerische Lebensart. Mit dem Münchner Oktoberfest steht Deutschland für ein weltbekanntes Großereignis, das allein dem Rausch gewidmet ist und Millionen Besucher anzieht. Letztes Jahr wurden allein dort, neben Unmengen Fleisch, 7,5 Millionen Liter Bier verkauft. Volksfeste, Fußballspiele, Weihnachtsmärkte, Faschingsumzüge, Hochzeiten, Konzerte, Festivals: Nahezu alle Veranstaltungen werden von einem großen Teil der Gäste vornehmlich aufgesucht, um sich zu betrinken. Die Tourismusindustrie befördert jeden Sommer Millionen Deutsche aller Altersklassen an sogenannte Urlaubsorte, deren zweifelhafter Charme nüchtern kaum auszuhalten wäre. Dort macht der Urlauber dann das, was er am besten kann und säuft sich seine Umgebung schön.

Unsere Sprache kennt kein Wort für nicht mehr durstig, stattdessen Begriffe wie Schnapsleiche, tot gesoffen und Bierschiss. Von Sankt Pauli bis Partenkirchen, von Apres-Ski bis Zehn kleine Jägermeister dominiert der Alkohol unsere Kultur und unser Leben. 83 Milliarden Liter Bier trinken wir Deutschen jedes Jahr. Das sind hundert Liter pro Kopf, dabei sind Säuglinge, Straight Edger und andere Abstinenzler nicht herausgerechnet. Wein und Schnaps kommen noch dazu.

An unseren Ampeln hängen Schilder mit der Aufschrift „Nur bei Grün – den Kindern ein Vorbild“, während sich unzählige Väter regelmäßig im Beisein ihrer Kinder voll laufen lassen. Der Politiker Otto Wiesheu fuhr, damals Generalsekretär der CSU, mit 1,8 Promille einen Menschen tot. Er wurde später in Bayern Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr (!) und erhielt das Bundesverdienstkreuz. In Bayern finden Wahlkampfveranstaltungen häufig in Bierzelten statt; um den Applaus des alkoholisierten Publikums wird dann auch gern mal mit ausländerfeindlichen Sprüchen gerungen.

Auf jeder Party muss man sich erklären, wenn man ein Glas Wasser trinkt („Ach, musst du heute fahren?“); ballert man sich ins Delirium, ist man der Held. Wer gelegentlich einen Joint raucht, zählt zum arbeitsscheuen Gesindel, wird kriminalisiert und polizeilich verfolgt. Ein anständiger Suff dient der Brauchtumspflege.

Ich bin selbst bei diesem Thema kein Heiliger. Ich trinke auch gerne ein Glas Rotwein oder ein paar Bier. Manchmal auch eins zu viel. Aber diese geballte Sauferei immer und überall, dieser tief in der Gesellschaft verankerte Alkoholismus, bei dem so viele auf der Strecke bleiben, das widert mich mehr und mehr an. Die aktuelle Debatte über Exzesse unter Jugendlichen ist verlogen. Die Jugend bekommt es von den älteren Generationen, von Eltern, Lehrern, Medien und Politik nicht anders vorgelebt. Wenn man etwas gegen „Komasaufen“ unternehmen will, braucht man einen grundlegend anderen Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft.

Plötzlich auftretende Übelkeit

Ein Asia-Imbiss in meiner Stadt, abends um halb zehn. Ein Mann liegt am Boden, die Augen mit einer Gummimaske bedeckt. Ein zweiter Mann tritt mehrmals brutal auf ihn ein, geht dann zur Seite. Als sich der Maskierte mühsam zur Hälfte aufgerichtet hat, kassiert er einen Fausthieb in den Magen und sinkt wieder zu Boden. Ein Dritter kommt hinzu und springt auf seinen Oberkörper. Zu zweit gehen sie jetzt auf den Wehrlosen los, bis schließlich ein freundlicher Herr in weißem Hemd einschreitet. Ich wende mich von der Wrestling-Übertragung ab und nehme mein Abendessen entgegen. Der Appetit ist mir vergangen.

Studentenfutter mit Gourmet-Faktor

Die neue Mensa an der Uni Augsburg

Nach zwei Jahren Verköstigung im provisorischen Zelt durften wir zu Beginn des Sommersemesters die Eröffnung der neuen Mensa an der Uni Augsburg erleben. Ich bin für das Augsburger Hochschulmagazin presstige der Frage nachgegangen, ob sich das Warten gelohnt hat. Den Artikel findet ihr hier.

Fleisch oder Blumen

Mein Bekanntenkreis lässt sich in zwei Glaubensgemeinschaften einteilen: Vegetarier und Fleischfanatiker (wobei Letztere die deutlich größere Gruppe darstellen). Ich kenne fast ausschließlich Menschen, die entweder jedes Stückchen Schinken von ihrer Pizza pulen oder aber ein Gericht, das nicht mindestens 200 Gramm Tier enthält, als völlig ungenießbar ansehen.

Über Risiken und Nebenwirkungen des Fleischkonsums wurde in den letzten Jahren zur Genüge aufgeklärt. Es gibt zahlreiche medizinische, ökologische und ethische Argumente gegen den Verzehr von Schnitzel und Schweinsbratwürsten. Fast alle großen Lebensmittelskandale der letzten Jahre betrafen tierische Produkte. Bücher wie Tiere Essen wurden zu Bestsellern.

Das alles hat in der Breite nicht zu einem bewussteren Fleischkonsum geführt, im Gegenteil. Vegetarier wurden zwar in ihrem Weltbild bestärkt, es sind wahrscheinlich auch ein paar mehr geworden. Insgesamt nimmt die Fleischproduktion jedoch zu und erreichte 2011 mit 8,2 Millionen Tonnen in Deutschland einen neuen Höchststand. Grillen erfreut sich als abendfüllende Freizeitbeschäftigung größter Beliebtheit. Der Zeitschriftenmarkt wurde um das Magazin BEEF! bereichert.

Ich selbst esse Fleisch. Ich mag zwischendurch ein gutes Lammsteak, einen ordentlichen Hamburger, Spaghetti Bolognese. Ich versuche, aus oben genannten Gründen, meinen Fleischkonsum einzuschränken. Und ein bisschen darauf zu achten, wo das Fleisch herkommt. Wie gut mir das gelingt, ist eine andere Sache. Aber darum geht es nicht.

Jedes Mal, wenn ich ein vegetarisches Gericht bestelle, werde ich gefragt, „ob ich denn gar kein Fleisch esse“. Ich trage nicht den Stempel „Vegetarier“, also nimmt man an, dass ich zu jeder Mahlzeit ein halbes Rind verspeisen müsste, alles andere sorgt für Verwirrung. Vollzeitvegetarier müssen sich noch einiges mehr anhören. In machen Kreisen sorgt es schon für Diskussionen, etwa in einer Kantine überhaupt vegetarische Speisen anzubieten. Es gibt natürlich auch militante Tierschützer, wobei die zumindest mir im Alltag seltener begegnen.

Woher kommt dieser Fanatismus? Wann kommen wir zu einem rationalen, reflektierten, entspannten Umgang mit dem Essen von Tieren? Wo sich einfach jeder ein paar Gedanken macht und dann isst, was er für richtig hält, und andere essen lässt, was sie für richtig halten?