Forschung in Afrika

Mit Seth (Ghana) und Dalia (Sudan) in Lindau

Mit Seth und Dalia in Lindau

Auf der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau nehmen nicht nur eben jene Nobels teil, sondern etwa zehnmal mehr junge Nachwuchswissenschaftler. Dieses Jahr waren darunter besonders viele vom afrikanischen Kontinent. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um mit ihnen über die Bedinugngen für Forscher in ihren Heimatländern zu sprechen. Die Situation ist natürlich in jedem Land anders. Insgesamt hat Afrika aber noch einen weiten Weg vor sich. Nur in Südafrika hat man in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Folgerichtig gehen talentierte junge Menschen ins Ausland.

Die ganze Geschichte steht am Dienstag auf der Wissen-Seite der SZ. Wer ein Digital-Abo hat, kann sie unter diesem Link lesen.

Eine verschenkte Chance: Der Film „Bottled Life“

Ich habe mich heute geärgert. Nicht nur wegen dem Geld, das ich an der Kinokasse für die enttäuschende Dokumentation „Bottled Life – Das Geschäft mit dem Wasser“ gezahlt habe. Sondern vor allem wegen der verschenkten Chance, sich über neunzig Minuten mit einem komplexen und brisanten Thema auseinanderzusetzen. Stattdessen schien der Film vor allem dafür gemacht zu sein, die zur Genüge vorhanden Nestlé-Feinde ihn ihrem Weltbild zu bestätigen.

Eine gesunde Skepsis gegenüber dem größten Nahrungsproduzenten der Welt ist sicher nicht verkehrt. Aber das Problem der zunehmenden Wasserknappheit in vielen Entwicklungsländern nahezu allein dem Schweizer Unternehmen anzulasten, ist schon etwas gewagt. Wenn man das tut, sollte man zumindest ein paar handfeste Fakten an der Hand haben, um die Behauptung zu stützen.

Das Grunddilemma: In ganz vielen Ländern der Welt funktioniert die öffentliche Wasserversorgung nicht wirklich. Das Wasser kommt nicht zuverlässig oder ist ungenießbar. Auf einer Reise über den Balkan nach Istanbul konnte ich kürzlich selbst erleben, wie die Wasserqualität von West nach Ost immer weiter abnimmt. In Istanbul schließlich kommt kein Mensch mehr auf die Idee, das Leitungswasser zu trinken. Selbst von einer Verwendung zum Kochen raten dort viele ab. Das führt zu einer absurden Doppel- und Dreifach-Infrastruktur, die Wasser nicht nur über Leitungen und unzählige Kioske bereitstellt, sondern auch über ein Heer an LKWs, das die Haushalte mit 20-Liter-Kanistern versorgt, die in einem Tauschsystem voll angeliefert und leer wieder abgeholt werden. In den schmalen Gassen des Altstadtviertels Beyoglu ist das Irrsinn. Nun ist es bestimmt kein Kinderspiel, eine Megastadt wie Istanbul oder, um die Beispiele aus „Bottled Life“ zu nennen, Lagos und Lahore, mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Aber, das hat mir meine Zeit am Bosporus gezeigt, man würde sich einen gigantischen Aufwand sparen.

Jedenfalls ist es nun so, dass die Lücke, die Staat und Kommunen durch die fehlende oder unbrauchbare Wasserversorgung hinterlassen, von privaten Unternehmen wie Nestlé gefüllt wird. Prinzipiell gar keine so schlechte Idee; nur dass Produkte wie das Nestlé-Wasser „Pure Life“ für die unteren Schichten der betroffenen Länder unbezahlbar sind, und für die gigantischen Abfüllanlagen so viel abgepumpt wird, dass der Grundwasserspiegel weit absinkt und die Brunnen der Bevölkerung versiegen.

Der Film bringt ziemlich bald ein haarsträubendes Zitat des Nestlé-Verwaltungsratschefs Peter Brabeck:

Es geht darum, ob wir die normale Wasserversorgung der Bevölkerung privatisieren oder nicht. Und da gibt es zwei verschiedene Anschauungen: Die eine Anschauung – extrem würde ich sagen – wird von einigen, von den NGOs vertreten, die darauf pochen, dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird. Das heißt: Als Mensch sollten Sie einfach Recht haben, um Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung. Die andere sagt: Wasser ist ein Lebensmittel. Und so wie jedes andere Lebensmittel sollte es einen Marktwert haben.

Diese Sätze sprechen für sich. Doch später lassen die Macher von „Bottled Life“ Brabeck immer wieder Dinge sagen, die weniger offensichtlich daneben sind. Mit diesen Aussagen hätte man sich auseinandersetzen müssen. Zum Beispiel wenn er den Wassermangel in armen Ländern auf Golfplätze und Swimmingpools schiebt. Neben der Zahl der Golf spielenden Nestlé-Manager wäre hier interessant, ob solche Luxusverwendungen wirklich einen nennenswerten Teil zum Problem beitragen, oder nicht. Doch Regisseur Urs Schnell und Rechercheur Res Gehriger interessieren solche Fragen nicht. Die wollen nur ihre Botschaft loswerden: Der böse Nestlé-Konzern nimmt den armen Menschen das Wasser weg. Man ahnt, dass das sicherlich irgendwie stimmt, aber man würde es an vielen Stellen im Film gern genauer wissen. Und man würde gern mehr darüber erfahren, welche Gründe noch eine Rolle spielen. Staatliche Misswirtschaft gehört ganz bestimmt dazu. Sie macht das Geschäftsmodell, armen Menschen abgefülltes Wasser für viel Geld zu verkaufen, erst möglich. Auch der Klimawandel kann nicht ganz unschuldig sein. Was ist mit intensiver Landwirtschaft? Was mit zunehmender Bodenversiegelung? Mit rivalisierenden Staaten, die sich um Flüsse streiten? Doch statt sich dem Thema von mehreren Seiten zu nähern und so zumindest zu versuchen, seiner Komplexität annähernd gerecht zu werden, lässt der Film ein paar Frauen aus einer Kleinstadt in Maine immer wieder in sehr ähnlichen Worten sagen, dass man Nestlé stoppen müsse. Warum überhaupt ein großer Teil des Films dort gedreht wurde, in diesem grünen US-Bundesstaat an der Ostküste, in dem sich durchschnittlich 14 Menschen pro Quadratkilometer die nicht gerade knappen Grundwasservorräte teilen, bleibt unklar. Auch optisch überzeugt der Film nur manchmal; etwa wenn er von der braunen, von Müll und Kadavern verseuchten Kloake eines auf Pfählen gebauten Slums in Lagos überblendet auf das tiefblaue Wasser des Genfer Sees, auf dem friedlich ein paar Schwäne schwimmen und an dessen Ufer der Hauptsitz von Nestlé liegt. Aber wenn Gehriger mehrmals mit entschlossenem Blick am Computer zu sehen ist oder zum Schluss bei einer Wanderung in irgendeinem Gebirge, von dem man nicht mal erfährt auf welchem Kontinent es liegt, ist das ziemlich verzichtbar.

Unverzichtbar ist es trotzdem, sich mit dem Problem der globalen Wasserknappheit zu befassen. Denn einer der wenigen handfesten Fakten des Films ist, dass die Slumbewohner von Lagos oft mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Trinkwasser ausgeben – und dennoch keines von solcher Qualität bekommen, dass ihre Kinder nicht mehr krank würden. Darüber würde man gern mal einen guten Film sehen.

Kony 2012: Die Jagd nach dem bösen schwarzen Mann

Seit Dienstag kursiert unter meinen Facebook-Freunden das Video der Kampagne „Kony 2012“ der amerikanischen NGO Invisible Children. Weltweit brachte es Kony 2012 auf fast 60 Millionen Views in den ersten vier Tagen.

Joseph Kony ist der Anführer der ugandischen Rebellenorganisation Lord’s Resistance Army (LRA), die seit 25 Jahren in Zentralafrika aktiv ist. Die Bande entführt Kinder um sie als Kindersoldaten und Sexsklaven einzusetzen. Die UNO bezeichnete sie 2005 als „wohl brutalste Rebellengruppe der Welt“.

Im Video wird der kleine Sohn des Regisseurs in die Problematik eingeführt. Er lernt Joseph Kony kennen als „the bad guy“, den es zu bekämpfen gilt, damit Papa dem Kleinen eine bessere Welt hinterlassen kann.

Ist es wirklich so einfach?

Erklärtes Ziel der Kampagne ist es, Kony berühmt wie einen Popstar zu machen und in der (amerikanischen) Öffentlichkeit Druck aufzubauen. Justin Bieber, Rihanna und Bill Gates gehören bereits zu den Unterstützern. Die US-Regierung soll zur Fortführung einer Operation gebracht werden, in deren Rahmen seit Oktober 2011 hundert amerikanische Soldaten der ugandischen Armee bei der Jagd nach Kony helfen. Dazu werden Spenden gesammelt, es wird zum Kleben von Plakaten mit Konys Konterfei aufgefordert.

Man versucht seit 25 Jahren, diesen Kerl zu verhaften – auch immer wieder mit amerikanischer Hilfe. Bisher vergeblich. Dafür hat die Armee von Uganda in der Zwischenzeit selbst eine ordentliche Palette an Menschenrechtsverletzungen angehäuft. Die südafrikanische Zeitung Daily Maverick berichtet von Vergewaltigung, Folter, Massenerschießungen – und dem Einsatz von Kindersoldaten. Die politischen Verhältnisse in Zentralafrika sind kompliziert, es ist nicht leicht „gut“ und „böse“ klar zu unterscheiden. Seit 2006 hat sich die LRA aus Uganda zurückgezogen und operiert nun in der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan. Laut einem aktuellen Bericht der UN ist die Truppe auf etwa 200 Kämpfer geschrumpft. In Uganda kehren die Leute auf ihre Felder zurück. Die Direktorin einer örtlichen Hilfsorganisation wünscht sich statt der Jagd auf Kony Hilfe beim Wiederaufbau. Auch der aus Uganda stammende Blogger Musa Okwonga kritisiert, dass bestehende lokale Projekte im Film keine Beachtung finden.

Im Osten Kongos gibt es große Coltanvorkommen. Coltan ist ein Erz, dessen Bestandteil Tantal für die Herstellung winziger Kondensatoren verwendet wird, die beispielsweise in Handys und Laptops verbaut werden. Die Minen werden häufig von Rebellengruppen kontrolliert, die dort unter katastrophalen Bedingungen Kinder arbeiten lassen. Über Umwege wird das Tantal an die großen Chemie- und Elektronikkonzerne geliefert. Mit dem Kauf eures nächsten Smartphones lauft ihr also Gefahr, afrikanische Rebellen zu finanzieren.

Mit einer Spende an Invisible Children finanziert ihr dagegen hauptsächlich deren Verwaltung und Marketing. Nur 32% der Spenden landen in Uganda, die Organisation steht wegen intransparenter Mittelverwendung in der Kritik.

Bringt Kony 2012 also mehr Schaden als Nutzen? Bei aller Kritik: Der gut produzierte Film mit dem süßen blonden Jungen hat das Thema publik gemacht. Sechzig Millionen Views sprechen für sich, weltweit berichten Medien über die Problematik. Auch ich hätte ohne das Video nicht Stunden zur LRA recherchiert und diesen Text geschrieben. Aber für eine bessere Welt ist leider mehr nötig als das Teilen eines Videos auf Facebook.