Die Marmelade meiner Oma

In diesen Tagen habe ich auf Facebook eine Kolumne von Silke Burmester geteilt, in dem diese sich zum Gutmenschentum bekennt. Die Journalistin versteht darunter, nicht bei Firmen wie Amazon, Nestlé oder dem Billig-Imbiss um die Ecke einzukaufen. Sie schreibt:

Ich stehe zu meinem Anspruch, dass mein Dasein auf dieser Welt so wenig Schaden wie möglich anrichten soll und andere nicht für mich leiden sollen.

Da der Begriff Gutmensch in unserer Gesellschaft meistens als Schimpfwort gebraucht wird, fand ich den Text wichtig, und habe ihn weiterverbreitet. In einem Kommentar warf ein Freund daraufhin die berechtigte Frage auf, was man denn überhaupt noch kaufen könne: „Wer sind die Guten?“ schrieb er und postete dazu eine Grafik, aus der ersichtlich ist, das nahezu jede halbwegs bekannte (Lebensmittel-)Marke zu einem der ganz ganz großen Konzerne gehört:

top-10-nahrungskonzerne

Angemerkt wurde dann auch, dass scheinbar korrekte Marken wie das Bio-Fairtrade-Eis Ben & Jerry’s zu bösen Multis wie Unilever gehören. Das Gleiche gilt für die tierversuchsfreie Kosmetik-Kette The Body Shop, die zu L’Óreal gehört, welche wiederum über ein Joint-Venture mit Big Evil Nestlé verbandelt sind.

Auf die im Raum stehende Frage „Was kann man eigentlich noch guten Gewissens konsumieren?“ habe ich dann geantwortet:

Die Marmelade von meiner Oma, die gehört zu niemandem!

Daraufhin kam dann natürlich die Nachfrage, ob ich denn nun zum Selbstversorger werde. Und tatsächlich habe ich seit fünf Jahren keine Marmelade mehr gekauft. Die von Oma schmeckt einfach am Besten. Und wenn ich irgendwann eine Wohnung mit Balkon habe, pflanze ich da vielleicht auch Tomaten an. Oder zumindest ein paar Kräuter. Aber insgesamt kann es dieses Selbstversorger-Ding doch auch nicht sein.

Ich hab allen Respekt vor Leuten, die sich ein Stück Land irgendwo am Ende der Welt kaufen und dann versuchen von dem zu leben, was da so wächst. Neuseeland ist voll von denen, und ich fand’s cool. Ich bewundere Menschen wie Raphael Fellmer, der versucht ohne Geld durch das Leben zu kommen. Das ist total wichtig, um zu zeigen, dass es immer auch anders geht. Das nichts so sein muss, wie es ist. Aber ein Modell ist es nicht. Es muss irgendwie möglich sein, gut zu leben (ich meine das gut, das auch in Gutmensch vorkommt), ohne auf den Lebensstandard des 16. Jahrhunderts zurück zu fallen. Geld war ist eine ziemlich gute Idee. Eine noch bessere ist Arbeitsteilung, also dass jeder das macht, was er am besten kann, und den Rest von anderen einkauft. Aus diesem Prinzip ergibt sich unser komplexes Wirtschaftssystem samt Ungeheuern wie Nestlé und BP. Aber das ermöglicht auch ein hochentwickeltes Gesundheits- und Bildungssystem, und vieles mehr.

Wobei ich überhaupt nichts gegen Do-It-Yourself sagen will. Selbstgemacht ist immer cooler. Egal ob es um Marmelade geht oder um ein Schlüsselbrett aus Treibholz, selbst gesammelt an den Ufern des Bodensee. Aber die Welt rettet man damit nicht. Und da das weiterhin mein Ziel ist, werde ich vorerst kein Selbstversorger.

Das wollte ich nur kurz klarstellen.

Update: Neben den Kommentaren unten ist auch auf Facebook eine interessante Diskussion zum Thema des Artikels entstanden.

3 Gedanken zu “Die Marmelade meiner Oma

  1. Das fordert mich ja geradezu heraus, mein Kommentar abzugeben, da ich DIY – Tipps gebe und geben möchte. Allerdings tatsächlich nicht in dem Ausmaß, wie du es ebenfalls erwähnst.

    Auch ich bewundere Selbstversorger, würde aber gleichfalls nicht behaupten, dass dieses Konzept in der Gesellschaft, die sich bis heute entwickelt hat, funktionieren würde. Zumindest nicht Schlag auf Schlag. Das würde alles aus den Fugen reißen und den Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen. Wer weiß, wie es sich weiter entwickelt, doch noch sind die Selbstversorger Menschen, die in erster Linie Gebrauch von ihrer Freiheit nehmen, so zu leben, wie sie sich wohlfühlen. Sie fühlen sich mit dem Gedanken nicht wohl, abhängig von undurchsichtigen Konzernen zu sein und ziehen die Sicherheit des Verständnisses eines Lebens vor, das sie möglichst selbst kontrollieren können.
    Es hat also jeder die Wahl zu entscheiden, wie weit er sich selbst versorgen oder an dem allgemein verbreiteten Konsum teilnehmen möchte.
    Zumindest jeder, der in einem Staat und einer Gesellschaft lebt, die das zulässt. Doch das ist ein anderes Thema und sollte ein anderes Mal erläutert werden…

    Um zurück auf meinen anfänglichen Punkt zu kommen: für mich ist DIY eine Möglichkeit sich selbst auszudrücken und zu entdecken, was alles mit der eigenen Hände Werk zu schaffen ist. Vielleicht eine ähnliche Motivation, wie sie Selbstversorger antreibt…nur aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

  2. Selbstversorger sind Menschen, die sich der gesellschaftlichen Verantwortung entziehen. Durch die selbstgewählte Ineffizienz haben Sie keine Überkapazitäten, die sie in den Dienst der Allgemeinheit stellen können.

    Bei einer Hungersnot können sie nicht nur niemanden helfen, sondern sind auch noch selbst hilfsbedürftig und stehlen so verdienten Mitgliedern der Gemeinschaft das Essen. Gleiches bei einem Masernausbruch. Oder bei… joa, eigentlich sind sie immer nutzlos und gleichzeitig hilfsbedürftig. Und das selbstgewählt!

    Egoistische Arschlöcher.

  3. Ja genau lieber knallfrosch! Ich bin auch dafür, daß wir alle Menschen am besten in Städte stecken und zu unselbstständigen, unreflektierten, kleinkarierten Schafen in totaler Abhängigkeit von Technik, Politik und vor allem Wirtschaft machen. Diese verdammten Individualisten, die es wagen anders zu denken!
    Super Sache – dann sind wir ja einer Meinung (so hoffe ich inständig).