Augsburg und die Bombe

"Journalismus ist der erste rohe Entwurf der Geschichte" habe ich neulich auf einer Pinnwand gelesen. Der Spruch wird Phil Graham, dem ehemaligen Herausgeber der Washington Post zugeschrieben, stammt aber vermutlich nicht von ihm. Wie auch immer. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, journalistisch ein Ereignis zu begleiten, das zumindest in die Lokalgeschichte meiner Heimatstadt Augsburg eingehen wird: die Entschärfung einer Fliegerbombe am 1. Weihnachtsfeiertag 2016, samt der größten Evakuierung der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wenn Journalismus der erste Entwurf der Geschichte ist, dann sind soziale Medien ja häufig der erste Entwurf von Journalismus. Darum möchte ich den Tag der Bombenentschärfung in Tweets und Facebook-Posts nacherzählen - und so für die Geschichte festhalten.
 

Posted by Christian Endt on Sonntag, 25. Dezember 2016

Windmühen

Illustration: Stefan Dimitrov

Strom kommt nicht aus der Steckdose und bald auch nicht mehr aus dem Atomkraftwerk. Wo der Strom stattdessen in Zukunft herkommt, das entscheidet sich in den Bürgersälen und Turnhallen der Republik. Im ganzen Land rebellieren die Bürger gegen Windkraftpläne. In Orten wie Mahlstetten auf der schwäbischen Alb steht oder fällt die Energiewende. Der Konfliktberater Christoph Ewen versucht den Streit um die Windkraft so zu moderieren, dass Nachbarn darüber nicht zu Feinden werden. Ich war mit Ewen für die SZ unterwegs und habe mir im 800-Einwohner-Dorf Mahlstetten einen solchen Streit exemplarisch näher angesehen. Hier die Reportage.

Das war 2016

Mit ziemlicher Verspätung und obwohl ich zwischenzeitlich schon beschlossen hatte, es einfach ausfallen zu lassen, blicke ich nun doch noch auf mein Jahr 2016 zurück. Motivationsdank gebührt hierbei Katharina. Weltgeschehentlich war das ja nun sicher kein gutes Jahr. Privat eher auch nicht, aber aufregend war's, und das ist vielleicht sogar das Wichtigere. Was jetzt vor alem mit Blick auf die Welt zynisch klingen mag; aber Zynismus liegt mir fern. Wenn der Zynismus siegt, haben wir verloren. Bleiben wir aufrecht, bleiben wir bei der Wahrheit, und hören wir bitte nicht auf zu lachen. Das nehme ich mit hinüber in dieses neue, bessere, weiterhin aufregende, primzahlige Jahr 2017. Besonders war 2016 natürlich wegen einigen Begegnungen und Bekanntschaften, die ich machen durfte. Kryptisch und weil ich diesen Blog ja auch als Privatarchiv für mich selbst schreibe, seien aufgezählt: C., J., L., M., M., P., T., V. und W. Ganz besonders und mich immer noch mit großer Freude, Begeisterung und Stolz erfüllend war 2016 aber zuallererst eines: die Veröffentlichung unseres zweiten Plan B-Albums "In Sachen Lärm". Wir haben sehr viele gute Reaktionen darauf bekommen; doch vor allem ist es ein Album geworden, das ich mir selbst sehr gerne anhöre. Mindestens ebenso schön wie das Ergebnis war der Weg dorthin. Die Bandproben, die Bandcamps, die beiden Wochen im Studio, die Videodrehs, der Videoschnitt (High five, Ju!), die Fotoshootings, die Plakatier-Radltour, sogar die vielen Orgameetings und das verkaterte Putzen der verwüsteten Ballonfabrik. Danke für alles an die besten Bandkollegen der Welt! Auf weitere zwölf Jahre Kekse, Bier und Anarchie. 2016 war außerdem das Jahr, in dem ich versucht habe, mir das menschenmäßig größte Land der Erde zu erschließen. Inwiefern das geglückt ist, könnt ihr in einer kleinen Reiseblog-Serie nachlesen. Verbunden damit war ein Experiment im WhatsApp-Bloggen, das großen Spaß gemacht hat und das ich weiterverfolgen möchte. Zudem bin im vergangenen Jahr in einen Sportverein eingetreten und gehe seitdem sehr regelmäßig zum Training. Das ist toll. Nun ja, gearbeitet habe ich auch ein bisschen. Moment: 2016 war das erste Jahr meines Lebens, in dem ich von Januar bis Dezember in einer festen Anstellung war! Ich bin nicht restlos überzeugt von dieser Art der Lebensführung, aber ich habe das Glück, einen Job zu haben, den ich jeden Tag gerne mache und in dem ich jeden Tag neues lerne. Daher kann das gerne so bleiben. Zu den Lieblingsprojekten meines Berufsjahres gehören "Im Reich der toten Tiere" über Naturkundemuseen und Taxonomen, "Heiter bis tödlich" über den Wetter- und Friedensforscher Lewis Fry Richardson, "6:45 Uhr Bad Aibling" über ein furchtbares Zugunglück, "Was, euch gibt's immer noch?" über die Killerpilze und last but alles andere als least "Alles nur geerbt", unser Volo-Projekt übers Erben. Zum Schluss folgen aus gutem Brauch und weil Listen toll sind, einige Listen.

Gelesene Bücher 2016

Alle Bücher seit 2014 stehen hier.
  • Laszlo Bock: Work Rules!
  • Charles Dickens: Great Expectations
  • Hannah Dübgen: Strom
  • Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
  • Jonathan Franzen: Die 27ste Stadt
  • Julia Friedrichs: Wir Erben
  • Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo
  • Robert Harris: Imperium
  • John Heilemann, Mark Halperin: Game Change
  • Yu Hua: China in ten words
  • Ryszard Kapuściński: The Shadow of the Sun
  • Elizabeth Kolbert: The Sixth Extinction
  • John Lanchester: Kapital
  • Mian Mian: Panda Sex
  • Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger
  • Randall Munroe: What If?
  • B. Obermayer, F. Obermaier: Panama Papers
  • Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
  • Philip Tetlock, Dan Gardner: Superforcasting
  • Uwe Timm: Kopfjäger
  • Edward O. Wilson: Half-Earth
  • Mo Yan: Das rote Kornfeld

Betanzte Konzerte 2016

  • Alligatoah (München)
  • Annenmaykantereit (Modular Festival, Augsburg)
  • Elbtonal Percussion (Grasbrunn)
  • Feine Sahne Fischfilet (Modular Festival, Augsburg)
  • Finding Feelings (Augsburg)
  • Fjørt (München)
  • Killerpilze (Augsburg, 2x München)
  • Moop Mama (München)
  • Schmutzki (Modular Festival, Augsburg)
  • Paincake (Augsburg, München)
  • Torben Tietz (Augsburg, Wohnzimmerkonzert)

Erste Male 2016

Nach einer Idee von David Bauer. Hier die Liste von 2015.
  • Zum ersten Mal selbstgemachte Musik auf eine Schallplatte pressen lassen (Auflage: zwei).
  • Zum ersten Mal eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt.
  • Zum ersten Mal einen Artikel auf der Titelseite geschrieben.
  • Zum ersten Mal Espresso und Schnaps gemischt.
  • Zum ersten Mal in China gewesen.
  • Zum ersten Mal einen 3000 Meter hohen Berg bestiegen.
  • Zum ersten Mal Lotuswurzel gegessen.
  • Zum ersten Mal Akupunktur (die drei letzten Punkte geschahen alle am gleichen Tag).
  • Zum ersten Mal Angst gehabt, jemand, der mir wichtig ist, könnte Opfer eines Terroranschlags sein.
  • Zum ersten Mal wirklich verstanden, wovon all die Lieder handeln.
Hier meine Jahresrückblicke auf 2015 und 2014.

Trump und wir

  • Am Morgen nach der Präsidentenwahl in den USA habe ich im Schock ein paar Zeilen auf Facebook geschrieben. Zu Archivzwecken stelle ich sie auch hier ein.
Wir sollten jetzt besser nicht kopfschüttelnd zu diesen Amerikanern rüberschauen. Ja, in den USA ist vieles besonders krass und grell. Und ich hoffe sehr, dass jemand wie Trump in Europa nicht gewählt werden würde. Aber die Zutaten dieser Katastrophe gibt es alle auch bei uns: den Vertrauensverlust in Politik und Medien. Den Abstieg der Mittelschicht. Millionen Leute, die in prekären Scheißjobs festhängen. Den Hass. Ich fürchte, die Zeiten in denen Amerika die Trends für die gesamte westliche Welt setzt, sind noch nicht vorbei. Wir müssen jetzt für unsere Demokratie kämpfen.
Daraufhin entstand eine kleine Diskussion, die sich unter anderem darum drehte, wie schlimm das mit diesem Trump nun wirklich ist, wie schlimm es noch wird und was wir tun können.
Von den vielen Artikeln, die ich seither über die Wahl und ihre Folgen gelesen habe, möchte ich zwei kurz zitieren und verlinken.
  • Johannes Kuhn ist SZ-Reporter in New Orleans. Er schreibt auf seinem Blog kopfzeiler.org: "Was Deutschland lernen kann? Redet miteinander, auch wenn Eure Freunde andere politische Meinungen haben. Respektiert das Landleben, respektiert das Anderssein, seht den Menschen, bleibt den Tatsachen treu. Glaubt nicht, dass liberaler Fortschritt ein Naturgesetz ist. Arbeitet daran, die Dinge besser zu machen." Hier der ganze Artikel.
  • Und bei Neon schreibt Lars Weisbrod: "Ruhe. Pause. Keine Empörung mehr. Wir können das am besten, klar. Aber sich jetzt zu empören, das ist nur noch mehr von dem, was nicht funktioniert hat. Und wenn wir jetzt noch mehr und mehr draufkippen, warum sollte es dann plötzlich etwas helfen?" Hier der ganze Artikel.
Damit kehre ich zurück zu nachdenklichem Schweigen.

Wir sind Piloten unserer Träume

Lange haben wir nach der richtigen Form für dieses Lied gesucht. Ein Lied über das Reisen, über das Feiern, über Euphorie auf der Bühne und über gute Zeiten mit guten Freunden. Jetzt haben sich Max und Marko einfach in die untergehende Sonne gesetzt und das Ding akustisch eingespielt. Ich habe sie dabei gefilmt. Danke an Markus und an Matthias von HeadApe Records.

Wälder roden für den Klimaschutz?

Die gute Nachricht: In Europa werden immer mehr Kohlekraftwerke abgeschaltet. Die nicht so gute Nachricht: Viele dieser Anlagen gehen nach einer kurzen Umbauphase wieder in Betrieb. In den Kesseln landet dann keine Kohle mehr, sondern zu Pelltes gepresstes Holz. Das gilt als nachwachsender Rohstoff, die erzeugte Energie damit als CO2-neutral. Und die Betreiberfirma erhält Subventionen, wegen Klimaschutz und so. Holzpellets sind an sich eine gute Sache, um Holzabfälle als Brennstoff zu verwerten. Aber wenn du ein Großkraftwerk nach dem nächsten mit dem Zeug betreiben willst, gehen dir irgendwann die Abfälle aus. Was machst du also? Richtig, Bäume fällen. Acht Millionen Tonnen Holzpellets importierte die EU im Jahr 2014 aus dem Ausland, vor allem aus den USA: Dort klagen Umweltschützer, dass wertvolle Wälder gerodet werden. Damit wir Europäer einen auf Klimaschutz machen können. Darüber habe ich diese Woche in der SZ geschrieben.

6.45 Uhr, Bad Aibling

zuggegenzug Am 9. Februar 2016 prallten im oberbayerischen Bad Aibling zwei Regionalzüge frontal aufeinander. 12 Menschen starben. Meine Kollegin Lisa Schnell und ich haben mit Opfern, Rettungskräften und Bahnexperten gesprochen und den Unglückstag für die SZ in einem Minutenprotokoll rekonstruiert. Die Geschichte erschien nicht nur als klassischer Zeitungsartikel, sondern auch als Digitalreportage mit Fotos, Videos und Infografiken. Der Beginn des Artikels ist frei lesbar, der ganze Beitrag ist zahlenden Kunden vorbehalten.

Sieben Tage in Tibet

China-Reiseblog, Teil fünf: Yading

Eine Woche war ich im tibetischen Teil der Provinz Sichuan unterwegs. Das Hochland ist kalt, karg und weit weg von allem. Aber auch sehr schön. Ich bin dort gewandert, geradelt - und war in einer Karaoke-Bar. wp-1475515752786.jpg Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Abstecher machen soll. Wangchao, mein Freund vom Emei Shan, sagte: Wenn du Natur und Wandern magst, musst du nach Yading. Aber dorthin zu gelanden, in die tibetischen Gebiete im Westen der Provinz Sichuan, bedeutet zwei volle Tage im Bus nach Daocheng (der Rückweg ist, weil es hauptsächlich bergab geht, in einem langen Tag zu schaffen). In Daocheng, 3700 Meter über dem Meeresspiegel, wird empfohlen, ein oder zwei Tage zu bleiben, zur Gewöhnung an die Höhe. Dann folgt ein weiterer halber Tag ins Yading Nature Reserve. Insgesamt, das war klar, würde mich das Abenteuer mindestens eine Woche kosten. Und ich hatte ja nur vier Wochen in China, eh schon viel zu wenig für dieses riesige Land. Ich musste dann an meine Neuseeland-Reise denken. Als die vor siebeneinhalb Jahren langsam zu Ende ging, fragte mich Felix, ob wir nicht acht Tage gemeinsam durch den Regenwald wandern wollen. Damals habe ich ja gesagt. Ich bin anschließend ziemlich ins Hudeln gekommen, um rechtzeitig für meinen Rückflug zurück in Wellington zu sein. Aber die gute Woche im Regenwald werde ich nie vergessen. wp-1475515757448.jpg Ich fahre also zum Busbahnhof in Chengdu und kaufe eine Fahrkarte nach Daocheng für den nächsten Morgen. Schon am ersten Tag unterwegs bereue ich die Entscheidung erstmals. Auf vier Stunden halbwegs flüssiger Fahrt folgen fünf Stunden Stillstand. Irgendetwas blockiert vor uns die Straße. Eine endlose Kette von Autos, Lastwägen und Bussen windet sich bewegungslos die kurvige Straße nach oben. Zwar steht mein Bus zufälligerweise genau auf Höhe eines kleinen Dorfs mit Basketballplatz, ein paar Jungs und ich vertreiben uns die Zeit mit Korbwürfen. Nervig ist es trotzdem. mmexport1474133581341.jpg Lustig wird es, als wir um ein Uhr nachts endlich unser Zwischenziel in Kanding erreichen. Das Hotel ist furchtbar, die Wände sind kahl und schmutzig, das Bad auf dem Flur widerlich. Aber ich teile mir ein Zimmer mit der Kanadierin Hana, die unter hanaonthemap.com lesenswert über ihre Weltreise bloggt, und den beiden Chinesen Gavin und Police (ich kann mir seinen Namen nicht merken und habe ihn irgendwann nur noch nach seinem Beruf genannt). Zum ersten Mal erfahre ich etwas von dem chinesischen Brauch, vor dem Schlafengehen ein warmes Fußbad zu nehmen. Muss man in so einer Situation natürlich sofort ausprobieren. Da sitzen wir also nachts um zwei in einem miesen Hotel am Ende der Welt auf unseren Betten und stecken unsere müden Zehen in verbleichte Plastikschüsseln. Interessante Gesprächsatmosphäre. Dann noch drei Stunden schlafen, um sechs fährt der Bus weiter. Um neun gibt es an einer Raststätte Reis und Gemüse zum Frühstück. Das hygienische Niveau der Klos sinkt von Halt zu Halt rapide, inzwischen bestehen sie nur noch aus einem stinkenden Loch im Boden. Gegen Mittag halten wir an einem Kontrollpunkt. Ein junger Polizist mit Maschinenpistole und verspiegelter Sonnenbrille betritt den Bus, kontrolliert die Ausweise und Pässe aller Passagiere. Aber immerhin der Verkehr ist heute unser Freund. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir nachmittags den Ort Daocheng. Offiziell ist Daocheng eine Stadt. Ich stelle allerdings schnell fest, dass es hier keine einzige Buchhandlung gibt, was meiner Ansicht nach ein notwendiges Kriterium zur Verleihung des Stadtrechts sein sollte. Sonst ist der Ort aber ganz brauchbar. Die in ganz China beliebten Teigtaschen füllen sie hier mit leckerem Yakfleisch. Die meisten Menschen auf den Straßen sind keine Han-Chinesen, sondern Tibeter, haben lederfarbene Haut, etwas größere Augen und Supergene, mit denen sie die dünne Höhenluft besser vertragen. Vor ein paar Jahren hat die Kommunistische Partei beschlossen, Daocheng zu einem Tourismusort auszubauen. Daher gibt es hier einen neu gestalteten Platz mit großer Berg-Skulptur und Regionalmuseum. In den umliegenden Straßen stehen ein paar schicke Hotels, die häufig ein “Grand” im Namen im tragen. wp-1475329951888.gif So richtig geht die Strategie bisher nicht auf. Viele der Gebäude wurden nie fertig gebaut, Touristen sind auf den Straßen wenige zu sehen. Stattdessen streunt ein fettes Schwein umher. Ein alter Mann knattert auf einem uralten Traktor vorbei, den Hänger mit Brennholz beladen, eine pechschwarze Rußwolke hinter sich herziehend. Am nächsten Tag leihe ich mir mit Hana Fahrräder aus und wir erkunden die Hügel in der Umgebung. Beim Bergauffahren bilde ich mir ein, die Höhe zu spüren. Oder kann die Kondition von einem Sommer Isartraining so schnell wieder weg sein? Nachmittags fahren wir zu viert weiter ins Dorf Riwa, das Tor zum Yading Naturreservat. Unser Fahrer lädt noch zwei weitere Passagiere ein. Wir sitzen zu siebt im Sechssitzer, als ein entgegenkommendes Auto Zeichen gibt: Eine Polizeistreife sei unterwegs. Schnell biegen wir von der Straße ab, parken hinter einer Mauer, bis wir im Rückspiegel die Polizei vorbei fahren sehen. Dann geht die Reise weiter, unterbrochen nur noch von den einen oder anderen Yakherde auf der Fahrbahn. wp-1475515764177.jpg In den Naturpark selbst kommt man nur per Bus. Der fährt heute nicht mehr, also beziehen wir Quartier in Riwa. Nach einem tibetischen Abendessen führt uns Police in eine Karaoke-Bar. Wir beziehen zu viert ein Separée. Auf dem Tisch stehen Bier und Popcorn, Melonenschnitze und Cocktail-Tomaten. Der Computer enthält neben allen wichtigen Hits der chinesischen und amerikanischen Popgeschichte auch Songs von Rammstein und Sarah Connor und “Dragosteo din tei” von O-Zone. Wir haben großen Spaß… wp-1475515768712.jpg Im Morgengrauen schleicht unser Bus die Passstraße nach oben. Die Aussicht auf die bestimmt ganz atemberaubenden Berge bleibt hinter dichtem Nebel versteckt. Es beginnt zu schneien. Frierend steige ich im Dorf Yading aus, schleppe mich von Haus zu Haus, auf der Suche nach einer Unterkunft. Wir quartieren uns in einem Haus aus groben, unverputzten Steinen ein. Es gibt keine Heizung. Die nächsten Tage verbringe ich abwechselnd unter drei Decken im Bett und draußen in einer der schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe. Mich erstaunt vor allem, wie viel hier oben auf 4000 Metern noch wächst. Ab und an ziehen die Wolken auf und geben den Blick auf die umliegenden Sechstausender frei. wp-1475515764177.jpg Man könnte hier im Yading zu tagelangen Trekkingtouren durch die Wildnis aufbrechen. Leider fehlen mir dazu Ausrüstung, Zeit und auch die nötige Fitness. Ich merke, wie schnell mir hier oben die Luft ausgeht. Ich merke, wie mir der plötzliche Wintereinbruch zusetzt. Und ich merke, dass mein Knie nicht besonders gern tagelang in Bussen eingeklemmt ist. Also kann ich nur einen kleinen, ersten Eindruck von der Schönheit der tibetischen Berge mitnehmen. Ich werde wiederkommen müssen. Am letzten Abend nimmt mich der Wirt meiner Herberge mit zu einem Besuch bei einer tibetischen Familie. In einem schummerigen, von einer nackt an der Decke baumelnden Glühbirne beleuchteten Raum kauern sie sich um einen Holzofen, essen Reis aus kleinen Schüsselchen und backen Hirsefladen über dem Feuer. Kein Tisch steht im Zimmer, zum Sitzen nur ein paar mickrige Schemel. Kaum zu glauben, dass ich immer noch in China bin. Dem Land der Megacities mit den höchsten Wolkenkratzern und den größten Shoppingmalls. Das Land, das manchen Statistiken zufolge bereits die stärkste Volkswirtschaft des Planeten ist. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum Ausländern eine Weiterreise noch tiefer in die tibetischen Gebiete verboten ist: Die erschreckende Armut soll der Welt verborgen bleiben. wp-1475515777688.jpg Nach einer knappen Woche im kargen, kalten Hochgebirge sehne ich mich, kaum zu glauben, tatsächlich etwas nach dem Trubel einer chinesischen Großstadt. Kurz überlege ich, zurück nach Chengdu zu fliegen. Allerdings sind über eine Woche alle Flüge ausgebucht. Ist wohl richtig so. Was man anfängt, sollte man auch auf ehrliche Art zu Ende bringen. Also ab zum Busbahnhof. wp-1475515761065.jpg

Heiter bis tödlich

Das abenteuerliche Leben des Mathematikers Richardson

Illustration: François Schuiten

Illustration: François Schuiten

Lewis Fry Richardson meldete sich freiwillig als Sanitäter für eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. In den Pausen saß er auf einem Heuballen hinter der Front und berechnete die erste Wettervorhersage der Geschichte. Seine Prognose war grundfalsch und trotzdem revolutionär. Später versuchte Richardson, mit Hilfe von Gleichungen den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Sein Lebenswerk zeigt, wie vielfältig sich die Werkzeuge der Mathematik einsetzen lassen. In der SZ-Ausgabe vom langen Einheitswochenende erzähle ich Richardsons Geschichte. Hier ist der Text online lesbar. Bei der Recherche haben mich viele Wissenschaftler unterstützt, die Richardsons Leben und Werk untersucht haben. Danke an Johannes Lenhard von der Uni Bielefeld, Neil Johnson von der University of Florida und insbesondere Peter Lynch vom University College Dublin. Hilfreich waren außerdem die Bücher von Konrad Balzer und Oliver Ashford. Danke auch an Astrid, Christian und Georg.

Bergtour mit Buddha

China-Reiseblog, Teil vier: Emei Shan

Der Emei Shan ist einer der vier heiligen Berge des Buddhismus in China. Ich war dort zwei Tage unterwegs, habe nicht nur den Gipfel auf 3079 Metern erreicht, sondern auch zwei neue Freunde gefunden. Travis und Wangchao sind die ersten Chinesen, die ich näher kennen gelernt habe. emei_04 Der Tag beginnt mit sehr frühem Aufstehen und ein paar Stunden im Bus. Gegen 10 Uhr stehe ich am Fuß des Emei Shan, etwa 150 Kilometer südwestlich von Chengdu in der Provinz Sichuan. Die ersten Kilometer gehe ich vor allem an Imbissbuden, Souvenirständen und sehr vielen Touristen vorbei. Dann erreiche ich die “Monkey Wilderness Zone”. Das ist ein Abschnitt des Weges, wo besonders häufig Makaken aus dem Wald kommen - in der Hoffnung auf Futter aus Touri-Händen. Ein kleines Äffchen sitzt auf dem Geländer am Wegrand und schaut mich an. Ich gehe in die Hocke, schaue zurück und will ein Foto machen. Plötzlich springt mir ein ausgewachsener Makake von hinten in den Nacken und klammert sich fest. Ich kreische und drehe mich hin- und her, bis er endlich abspringt. Etwa zehn Chinesen lachen mich aus. Später lese ich dann auch die Sicherheitshinweise: Man solle keinen längeren Blickkontakt mit den Affen aufnehmen. Und wenn einer angreift, keinesfalls schreien… emei_03 Viele Besucher scheinen vor allem wegen der Affen hierher zu kommen. Nach Passieren der Monkey Zone wird es auf dem Weg jedenfalls wesentlich ruhiger. Und steiler. Technisch ist der Emei Shan keine Herausforderung, der Pfad zum Gipfel ist komplett mit steinernen Stufen und Geländern befestigt. Aber die Treppen sind verdammt steil. Und mit etwa 40 Kilometern ist der Weg ziemlich weit. emei_02   Inzwischen bin ich meistens allein auf dem Weg, der in Serpentinen in die steilen, von dichtem Dschungel bewachsenen Hänge gebaut ist. Ohne Machete ließen sich die angelegten Wege kaum verlassen. Es ist warm und feucht. Manchmal endet die Sicht nach zwanzig Metern im Nebel. Gelegentlich komme ich an einem Tempel vorbei. Die meist rot gestrichenen Gemäuer beherbergen jeweils einen Schrein mit goldener Buddha-Figur. Außenrum liegen einfache Gästezimmer. Dort können Wanderer wie ich auf dem Weg zum Gipfel übernachten, manche bleiben auch ein paar Tage und meditieren.
Sehr beliebt bei chinesischen Wanderern: Red Bull

Sehr beliebt bei chinesischen Wanderern: Red Bull

Gegen fünf Uhr am Nachmittag erreiche ich den Yuxian-Tempel. Da ich nicht weiß, wie weit es zur nächsten Schlafgelegenheit ist, bleibe ich hier. Die Wirtin führt mich ins Matratzenlager. Eine kahle Glühbirne an der Decke beleuchtet den finsteren Raum. Es zieht durch ein notdürftig zugenageltes Loch im Fenster. Ich lege mich auf ein Bett mit kitschigem Rosenbezug und döse vor mich hin, bis die Wirtin zum Abendessen ruft. Im Speisesaal sitzen auf schmalen Holzbänken zwei Chinesen Mitte zwanzig. Zu essen bekommen wir alle drei das gleiche: Reis mit Aubergine und Spinat. Im direkten Vergleich muss ich einsehen, das meine Fertigkeiten im Umgang mit Essstäbchen noch verbesserungswürdig sind. emei_09 Nach dem Essen machen sich die anderen wieder auf den Weg. Sie wollen noch zwei Stunden weiter gehen, dann käme ein weiterer Tempel. Ich ärgere mich, meine Übernachtung schon bezahlt zu haben - die zwei Stunden würden den weiten Weg zum Gipfel am nächsten Tag deutlich verkürzen. Doch dann fängt es an zu regnen, und bald darauf stehen die beiden Jungs wieder vor der Tür. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen. Um sieben Uhr bekommen wir Nudeln zum Frühstück, dann gehen wir los. Es geht weiter auf steilen Treppen Richtung Gipfel. Unterwegs haben wir Zeit, uns etwas besser kennen zu lernen. Meine beiden Wanderkumpane könnten unterschiedlicher kaum sein. Travis - was natürlich sein english name ist, den sich viele Chinesen frei aussuchen, weil Leute aus dem Westen die chinesischen Namen eh immer falsch aussprechen - Travis also hat traditionelle chinesische Kultur studiert; er macht nach dem Frühstück ein paar Kung-Fu-Übungen und behandelt die schmerzenden Waden des Kochs mit Akupunktur. Beim Wandern hört er auf dem iPhone buddhistische Weisheiten. Wenn wir an einem Tempel vorbei kommen, wirft er sich vor der Buddha-Statue mehrmals auf den Boden. Überhaupt wirkt Travis oft wie ein Mönch. Oder zumindest jemand, der viel Zeit mit Meditieren verbringt. In seinen braunen Augen liegt immer ein sehr klarer, fokussierter Blick. Er spricht leise und langsam bewegt sich kontrolliert und elegant. Sein Freund Wangchao ist das exakte Gegenteil. Ein Zappelphilipp, der kaum still halten kann, viel lacht und viel redet. Oft fuchtelt er mit zwei Handys gleichzeitig herum. Er merkt dann selbst, dass er die nicht beide bedienen kann, steckt eines in die Tasche, zieht es aber kurz darauf wieder raus. Chao trägt Brille, viele Pickel und verwaschene Jeans. Nach einer Wanderpause rennt er wie wild die Treppen hoch. Nach kurzer Zeit geht im die Luft aus, was ihn aber nicht vom Reden abhält. Er schimpft über seinen schweren Rucksack, trägt ihn aber oft nur auf einer Schulter, lässt den Hüftgurt offen. Beruflich ist Chao Bauingenieur und baut Windkraftanlagen. Das ist vielleicht ein bisschen viel rein interpretiert, aber man könnte sagen, Travis und Chao stehen stellvertretend für das alte und das neue China. Travis verkörpert Weisheit und Tradition, er wahrt stets das Gleichgewicht von Yin und Yang. Chao dagegen steht für das moderne China: dynamisch, hektisch und bauwütig, immer kurz vor dem Kollaps. Gegen Mittag erreichen wir einen großen Tempel, zu dem auch eine Straße führt. Es ist vorbei mit der Ruhe, hier gießt sich eine Busladung nach der nächsten über den Berg. Das letzte Stück zum Gipfel lässt sich von hier aus mit der Seilbahn zurücklegen. Travis und Chao haben es plötzlich eilig und nehmen die Bahn. Ich kämpfe mir nochmal eine gute Stunde meinen Weg durch die Massen nach oben. Dann stehe ich das erste Mal auf über dreitausend Metern. Der Gipfel des Emei Shan ist komplett zugebaut mit Seilbahnstation, Tempeln, Aussichtsterrassen und einer riesigen Buddha-Statue. Überall wuseln Leute rum und manche wollen auch noch ein Selfie mit mir. In einer kleinen Ecke mit nacktem Felsen treffe ich die Jungs wieder. Schönes Gefühl, es zusammen hier hoch geschafft zu haben. Weil wir alle am gleichen Tag noch zurück nach Chengdu müssen, nehmen wir nach unten den Bus. Abends schickt mir Chao auf WeChat den Standort eines Lokals. Als ich dort ankomme, sitzen die beiden auf Plastikhockern auf der Straße, um sie herum sechs Freunde. Auf dem Tisch steht ein Kasten Bier. Wir essen Grillspieße mit Schwein, Hühnchenklauen, Fisch, Lotuswurzeln und allerhand Gemüse. Zwischen dem zweiten und dritten Bier setzt Travis sechs Akupunktur-Nadeln in mein lädiertes Bergsteigerknie.

dav

Um Mitternacht gehe ich müde und glücklich zum Hostel. Es ist eine warme Nacht. Die Nacht des chinesischen Mondfests.