Ausgezeichneter Unsinn

Eine Begegnung mit Nobelpreisträger und Klimaskeptiker Ivar Giaever

(c) Adrian Schröder/Lindau Nobel Laureate Meetings

(c) Adrian Schröder/Lindau Nobel Laureate Meetings

Beinahe wäre es das Beste, Ivar Giaever einfach zu ignorieren: Er ist ein alter Mann, der unsinnige Dinge sagt. Zu Themen, von denen er nach eigenem Bekunden nicht viel Ahnung hat.

Aber da gibt es ein Problem: Giaever ist Physik-Nobelpreisträger. Wenn er spricht, dann in großen Sälen. Im Publikum sitzen dann die besten Nachwuchswissenschaftler der Welt. Sie hören zu, wie er den Klimawandel bestreitet, mit einer Mischung aus Halbwahrheiten und Polemik. Ein paar klatschen sogar am Ende. Anschließend wird er dann von großen Zeitungen zitiert: Schaut her, wenn selbst Nobelpreisträger sagen, es gibt keinen Klimawandel – dann MUSS da doch was dran sein!

Also muss man sich mit Ivar Giaever auseinandersetzen. Ich habe ihn diese Woche auf der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee getroffen. Das kann man hier bei Spiegel Online nachlesen.

  • Update: Auf der gleichen Tagung haben 36 Nobelpreisträger eine entschiedene Erklärung für mehr Klimaschutz unterzeichnet.
  • Vor zwei Jahren traf ich in Lindau den mexikansichen Chemiker Mario Molina und sprach mit ihm auch über den medialen Lärm der Klimaskeptiker gesprochen.

Blues mit 20.000 Ampere

An Tag 83 unserer amerikanischen Reise steigen wir in San Diego ins Flugzeug. Allerdings nicht Richtung Europa, schließlich haben wir noch sieben Tage unserer Aufenthaltsgenehmigung auszukosten. Stattdessen fliegen wir über Chicago nach Milwaukee. Die Stadt am Lake Michigan ist das Zentrum des deutschen Amerikas. Es gibt unzählige Brauereien mit Namen wie „Papst“ und „Schlitz“; die Kneipen werben mit einem FC Bayern-Banner für ihre Bundesliga-Übertragungen. Wir sind aber nicht für Fußball und Bier da – wir wollen hier Freunde besuchen. Was in der Praxis dann doch recht viel mit Bier zu tun hat.

Beeindruckende Architektur: das Milwaukee Art Museum

Beeindruckende Architektur: das Milwaukee Art Museum

Außerdem sehen wir in Milwaukee ein Baseballspiel. Das örtliche Team heißt natürlich Brewers und spielt an jenem Tag gegen die Nationals aus Washington DC. Wir werden Zeuge eines seltenen Ereignisses: Die Brewers gewinnen. Ansonsten ist Baseball ein unglaublich langsames Spiel. Ein unglaublich. langsames. Spiel. Als Zuschauer werden wir daher mit allen möglichen Nebenattraktionen bei Laune gehalten: Da darf man die Zuschauerzahl raten, die Club-Maskottchen liefern sich ein Wettrennen, bei jeder Auswechslung des Pitchers fährt ein Chevrolet durchs Stadion. Die ersten vier Innings sind wir ohnehin damit beschäftigt, uns von Frank die Regeln erklären zu lassen. Schlimm muss es für die Spieler sein, die haben weder Sitzplätze, noch Popcorn, noch Bier. Sie stehen drei Stunden auf dem Rasen und warten darauf, dass der Batter ausnahmsweise mal den Ball in ihre Richtung schlägt. Aber gut, haben sie sich vermutlich mal so ausgesucht. Unser Sport wird es jedenfalls nicht.

Was ich eher gern zu meinem Sport machen würde, ist Segeln. Frank ist Mitglied im Community Sailing Club von Milwaukee und nimmt uns mit aufs Wasser. Leider verlässt uns der Wind in dem Moment, als wir aufs Boot steigen. Nach einer Stunde paddeln durch den Hafen legen wir wieder am Steg an. Abends schauen wir immerhin Videos von Franks Karibik-Törns. Die nächsten Tage aktualisieren wir stündlich den Wind- und Wetterbericht, leider ergibt sich keine Gelegenheit mehr.

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Trotzdem haben wir vier schöne Tage in Milwaukee, bevor wir mal wieder in einen Greyhound-Bus steigen und zum großen Finale nach Chicago fahren. Genau rechtzeitig zum Blues Festival. Ein paar Stunden später sitzen wir im Grant Park und hören Shemekia Copeland und Band zu. Hinter der Bühne, über der Skyline, zieht ein Gewitter auf. Als Shemekia über verlorene Liebe in Memphis singt, schlägt ein Blitz in die Antenne des Willis Tower ein, mit 442 Metern höchster Turm Chicagos.

Millenium Park

Millenium Park

Zwei weitere Ereignisse beschäftigen Amerikas drittgrößte Stadt an diesem Wochenende: Die Chicago Black Hawks spielen im Finale des Stanley Cups um die nordamerikanische Eishockey-Meisterschaft. Und am Samstag Abend steigt der „Naked Bike Ride“. Etwa tausend Menschen fahren, großteils splitternackt, auf Fahrrädern durch die Stadt.

Den letzten Abend unserer Reise verbringen wir mit Rebecca und Ryan, zwei Reise-Bekanntschaften aus New York. Die Beiden nehmen uns mit zum John Hancock Building, wo wir in einer Bar im sechsundneunzigsten Stock ein Bier trinken, mit fantastischem Blick über Stadt und See.

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Die Damentoilette im 96sten Stock des Hancock Centers (bei den Jungs gibt’s kein Fenster)

Der Heimflug verläuft ähnlich verkorkst wie unsere Hinreise. Aber als wir auf europäischem Boden landen, macht der Pilot eine Durchsage: Während wir in der Luft waren, haben die Black Hawks das entscheidende Finalspiel gewonnen. In der Economy Class bricht Jubel aus.

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Haferbrei um halb fünf

tmp_31301-775964852Aus den Rocky Mountains wurden wir vom Regen rausgespült. Ein paar hundert Meilen weiter südlich finden wir uns in der trockenen Hitze von Utah wieder. Die windigen, staubigen Hochebenen, auf denen man das Lenkrad nicht fest genug halten kann, sind von spektakulären Schluchten durchzogen. Um sie zu erkunden, müssen wir früh aufstehen: Viele Campingplätze in den Nationalparks sind schon morgens ausgebucht. Vor allem aber wird es ab Mittag unerträglich heiß, nachmittags drohen Gewitter. Unser Rekord im Frühaufstehen liegt bei 4:30 Uhr: Frühstück kochen, Lager abbauen, ab Sonnenaufgang sieben Meilen marschieren, um elf im Schwimmbad ausruhen.
tmp_31301--183856421Erster Stopp: Bryce Canyon. An dieser Abbruchkante des Colorado-Plateaus haben sich beeindruckende Steintürme gebildet. Besonders schön sind die – wieder nix mit Ausschlafen – bei Sonnenaufgang.
tmp_31301-1385662752Zufällig entdecken wir unterwegs den ebenso schönen Red Canyon. Die meisten Leute fahren einfach vorbei, wir treffen den ganzen Wandertag lang nur ein paar Eidechsen. Und ganz zum Schluss einen Mountainbiker, der vom Trail auf den Thunder Mountain schwärmt.
tmp_31301--487183426Ein alter Cowboy in der Nähe hat sich gerade neue Leih-Räder angeschafft, und so folge ich dem Rat. Die Überquerung des Donnerbergs wird tatsächlich die anstrengenste, anspruchsvollste und schönste MTB-Tour die ich je gefahren bin. Den Tippgeber treffe ich unterwegs wieder, als er die dreißig Kilometer gerade zum dritten Mal innerhalb von zwei Tagen fährt.

tmp_31301-img20150608_15131315550479Anschließend brechen wir zu einer dreitägigen Wildnis-Expedition in die Kolob Canyons im Zion-Nationalpark auf. Wir folgen dem La Verkin Creek durch sein von Schlangen, Rehen, Berglöwen und wilden Truthähnen bevölkertes Tal. Uns beeindruckt die Vielfalt der Vegetation: Hier wachsen Kiefern, Eichen, Ahorn- und Haselnussbäume, Farne, Gräser, Blumen und blühende Kakteen. Links und rechts des Weges liegen schmale, von wenig Sonnenlicht erhellte Nebenschluchten, an deren Enden wir Höhlen und Wasserfälle erkunden.
tmp_31301-190383474tmp_31301--547057938Was Reisen anstrengend, aber auch spannend macht, ist das Fehlen jeglicher Routinen. Das gilt besonders für Rucksack-Touren ins Backcountry. Dinge wie Zähne putzen oder das Frühstücksmüsli löffeln funktionieren zu Hause ohne aktiven Gehirneinsatz. Hier muss erstmal Wasser aus dem Fluss geholt, durch ein Tuch gefiltert und chemisch behandelt werden. Dann braucht es einen windgeschützten Ort für den Gaskocher, worauf wir mangels Milch – weil mangels Kühlschrank – Haferbrei kochen, die Menge genau abgemessen, damit es auch noch für den nächsten Tag reicht. Dann löffeln zwei Hungrige aus dem gleichen Topf, man wollte ja nicht auch noch Teller schleppen. Am Ende wird das Geschirr mit Sand und einem Tropfen Ökoseife gespült, weit genug vom Fluss entfernt natürlich, um nicht das eigene Trinkwasser zu kontaminieren. Kaum sind eineinhalb Stunden vergangen, kann der Tag beginnen.

tmp_31301--1537581564Zurück in der sogenannten Zivilisation, wollen wir eigentlich einen Ruhetag einlegen. Die Ranger erwarten allerdings ein Ende der Schönwetterphase, daher kann unser nächstes Projekt nicht warten: Eine Tour durch die „Narrows“ funktioniert nur bei perfekten Bedingungen. Der Virgin River nimmt die volle Breite der schmalen Schlucht ein, wir waten die meiste Zeit durch knöchel- bis brusttiefes Wasser. Bei Regen können gefährliche Sturzfluten entstehen.
tmp_31301-771702018tmp_31301--1563688483Die Narrows sind die spektakuläre Zugabe unserer amerikanischen Outdoor-Saison. Auf dem Rückweg durch die Wüste nach San Diego kommen wir morgens durch Las Vegas. Sogar in den Tankstellen stehen hier Spielautomaten. Um acht Uhr sechsundvierzig sind drei von sieben besetzt. Alles gesehen, alles gesagt, wir fahren weiter.

Kalte Seen und heiße Quellen

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Am Ende eines langen Tages auf der Straße erreichen wir Golden, die letzte nennenswerte Ortschaft vor den Bergen, in der Dämmerung. Eine Nacht auf dem Truck Stop, unser Auto versteckt zwischen riesigen Lastwagen, um uns herum die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains. Raststätten können romantische Orte sein. Morgens frägt uns ein Trucker in gebrochenem Englisch nach einem Stück Draht, um seinen Frachter wieder in Bewegung zu bringen. Wir können leider nicht helfen.

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Die kanadischen Rockies sind weiträumig als Wildnis erhalten und stehen unter Schutz, aufgeteilt in die vier Nationalparks Banff, Jasper, Yoho und Kootenay. Im Besucherzentrum des Yoho sprechen wir mit einer Rangerin über schneefreie Wandermöglichkeiten. Sie empfiehlt einen Pfad zum Hamilton Lake. Wir kaufen ein Bear Spray, das letzte Mittel im Fall einer Grizzly-Begegnung, und brechen auf.

tmp_6544-1625082481 Vom glasklaren, von Fichten umgebenen Emerald Lake führt ein steiler Pfad durch den Wald hinauf. Da wir zur Bären-Abschreckung auch noch unser ganzes Repertoire an Punk-Songs in die Wildnis brüllen, geht mir schnell die Luft aus. „Schneefrei“ muss auch irgendwie ein Missverständnis gewesen sein; bald sinken wir bei jedem zweiten Schritt hüfttief ein. Spaß macht’s trotzdem oder genau deswegen. Nach Erreichen der Baumgrenze führt der Pfad über ein Geröllfeld in einen Kessel. Von den steilen Wänden gehen grollend kleine Lawinen ab. In der Mitte des Kessels liegt der Hamiltonsee. Wo er nicht von Eis und Schnee bedeckt ist, schimmert sein Wasser in Aquamarinblau und spiegelt die umliegenden Gipfel. Beim Abstieg haben wir die richtige Technik raus und gleiten elegant über die Schneeoberfläche.

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Als wir am Tag darauf im Kootenay-Nationalpark entlang eines Flusses wandern, gehen uns die Lieder aus und wir beschreiben den Grizzlies lauthals die Zubereitung von ordentlichen Kässspatzn. Wir bekommen Appetit, die Bären scheinen von den detaillierten Ausführungen zu Zwiebeln und stinkendem Bergkäse eher abgeschreckt zu sein, jedenfalls zeigt sich keiner. Das passiert erst Tage später und hunderte Meilen weiter südlich.

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Aber zuerst müssen wir zurück in die Vereinigten Staaten. An der Grenze erfahren wir, dass Südfrüchte nicht ins Land der Freien eingeführt werden dürfen. Zwei Bananen und eine Mango essen wir vor Ort. Zwei weitere Bananen und drei (kalifornische!) Orangen – gehen an den Mann vom Duty Free Shop, zusammen mit unserem Vorrat an Feuerholz.

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Im Abendlicht fahren wir durch die Hügel und Wälder von Montana. Wir zählen innerhalb von zwei Stunden 38 Rehe, überfahren zum Glück kein einziges, sehen aber zwei am Straßenrand liegen. Über eines macht sich gerade ein Weißkopfseeadler her, wovon wir kein Foto haben, aber diese Gedächtniszeichnung von M.E.:

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Nach einem weiteren Driving Day sind wir im ältesten, berühmtesten und am meisten von Selfie-Stick-schwingenden Touris malträtierten Nationalpark der USA: Yellowstone. In Karawanen aus Wohnmobilen und Reisebussen fahren sie durch den Park, stoppen für Bisonfotos und kurze Spaziergänge an den heißen Quellen. Im heißen Wasser gefällt es bestimmten Bakterien, die den Boden in leuchtendes Rot und Gelb färben. Verständlich, dass wir den Ort mit halb Indien teilen müssen.

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Größtes Spektakel und stärkster Besuchermagnet ist Old Faithful. Der Geysier bricht relativ berechenbar alle eineinhalb Stunden aus. Nach vier Minuten ist das größte Getöse vorbei, und wie im Kino gehen die meisten Leute vor dem Abspann. Ich genieße die plötzliche Ruhe und lege mich auf eine der verwaisten Bänke. Währenddessen erlebt Michi angewandte Sozialpsychologie: Drei Mädels gehen vorbei, wirken angewidert angesichts des herumlungernden Landstreichers. Erst als M. ein Foto macht, werden die Ladys interessiert und fotografieren sich gegenseitig in der identischen Pose.

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Abends auf dem Zeltplatz erzählt unser Nachbar Bryan, Finanzer und Fotograf aus New York, dass in der Vornacht etwas gegen seine Zeltwand gedrückt habe, dazu habe er ein Schnaufen gehört. Die Ranger würden auf Grizzlybär tippen. Wir schlafen im Auto.

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Unsere Grizzly-Begegnung folgt gleich am nächsten Morgen. Gemächlich grast er am Straßenrand. Vom Fahrersitz mache ich ein paar unscharfe Bilder, bis ein vorbeifahrender Reisebus den Bär zurück in den Wald treibt.

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Für unsere ganz in der Nähe geplante Wanderung tuen wir uns sicherheitshalber mit Margie und David zusammen. Das Rentnerpaar aus Washington State ist zum zwölften Mal im Yellowstone und kennt sich mit der hiesigen Tierwelt und ihren Spuren aus. In den nächsten Stunden zeigen sie uns die Fußabdrücke und Fäkalien von Bison, Schwarzbär, Koyote, Reh und Hirsch.

Auf der Flucht vor Regen verlassen wir anschließend die Rockies. Zurück im Flachland, finden wir das wahre Ziel jedes Reisenden: Die Freiheit. Sie liegt an der Grenze von Wyoming zu Idaho und hat 214 Einwohner.

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August im Mai

Meares Island

Fast wären wir gar nicht nach Vancouver Island gefahren. Unser Meilenzähler war schon vorher strapaziert und die $160 für die Fähre reißen ein Loch in die Backpacker-Kasse. Ausschlaggebend war die Behauptung dreier Insulanerinnen, die wir zufällig trafen, bei ihnen sei es immer ein paar Grad wärmer als auf dem Festland. Dafür waren wir nach der winterlichen Kälte in den Olympic Mountains zu haben. Und die Mädels hatten recht: Es ist warm hier. So warm, dass wir gleich mehrmals hören: „Ihr habt echt Glück jetzt hier zu sein, das ist gerade wie August im Mai.“

Erstmal müssen wir über die Grenze. Schon am Hafen in Anacortes bei Seattle informiert uns ein Schild, dass „einige Schusswaffen in Kanada nicht erlaubt“ seien. Schweren Herzens räumen wir unseren Ford aus und fahren deutlich leichter auf das Schiff. Der Grenzer in Sidney stellt dann allerdings nur ein paar harmlose Fragen und stempelt unsere Pässe mit Ahornblatt-Bildchen.

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Die Inselmetropole Victoria lassen wir schnell liegen und fahren in den kleinen Surfer-Ort Tofino. Der liegt auf einer Landzunge zwischen offenem Pazifik und einer ruhigen, mit kleinen bewaldeten Inseln besprenkelten Bucht. So paddeln wir an einem Tag mit Kayaks zwischen den Inselchen hindurch, während der Guide sein Wissen über Indianer, Adler und eine hier im Paradies geplante Kupfermine weitergibt.

Am nächsten Tag stürzen wir uns in eineinhalb Meter hohe Wellen. Neoprenanzüge lassen uns in 12°C kaltem Wasser auch nach drei Stunden nicht frieren. Dazu haben wir Body Boards ausgeliehen – kleine Styroporbretter für Leute, die zu weit vom Meer aufgewachsen sind um Surfen zu können. Großer Spaß mit wenig Anfängerfrust. Und nach der ersten bis zum Strand durchgerittenen Welle hat man immerhin eine kleine Ahnung vom Kick des Surfens.

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Abends entspannen wir jeweils im Whirlpool des Campingplatzes (der weniger kostet als manches kalifornische Etablissement ohne Duschen und Warmwasser).

 

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Auf dem Rückweg an die Ostküste der Insel überkommt uns die Reisemüdigkeit. Keine Lust weiterzufahren, keine Lust Neues zu sehen, Sehnsucht nach Alltag. Also bleiben wir ein paar Tage in der Kleinstadt Nanaimo hängen. Gehen ins Schwimmbad, bummeln, lesen im Café, ich arbeite einen Tag von der Bibliothek aus.

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Als wir nach drei Tagen immer noch nicht weiter wollen, der Walmart-Parkplatz als Bleibe aber langsam ungemütlich wird, ziehen wir auf die Farm von Joanne und Richard. Die beiden Althippies bauen hier Blaubeeren an, wir helfen gegen Kost & Logis ein paar Tage aus. Während Joanne hauptberuflich Bäuerin ist, verbringt Richard den Großteil seiner Tage und Nächte im Homestudio, wo er alle Arten von Musik produziert, vor allem aber die Alben seiner Tochter Hailey, die mit „More Than You Know“ vor ein paar Jahren einen ziemlichen Hit hatte. Richard hat eine Vergangenheit als Produzent von Hip-Hop im rauen Washington DC und Filmmusik in Portland. Er kann stundenlang Geschichten erzählen.

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Joanne ist ehrenamtliche Chefin von Broombusters, einem Verein zur Bekämpfung der überall auf der Insel wuchernden invasiven Pflanze Scottish Broom, die zwar hübsch blüht, aber heimische Arten verdrängt. Joanne hat sich mit missionarischem Eifer ihrer Ausrottung verschrieben und schickt uns jeden Tag mit großen Zangen an den Highway zum „Broombusten“. Ansonsten helfen wir im Garten und beim Holz. Nach Feierabend radeln wir mit unseren Kollegen aus Australien, England und Spanien zum Baden, spielen Fußball oder hören Musik. Am Sonntag nimmt uns Joanne zu einer Feuerzeremonie im buddhistischen Tempel mit. Nach einer knappen Woche Farmleben zieht es uns weiter. Auf in die Rocky Mountains!

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Fifty Shades Of Green

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Auf 1280 Metern Höhe kehren wir um. Der Schnee liegt knietief und mehr davon rieselt vom dunkelgrauen Himmel auf unsere Schultern. Auf einer Lichtung verlieren sich die Spuren, denen wir bisher gefolgt waren. Wie der Weg weiter geht, lässt sich nur erahnen. Nasse Füße haben wir schon vorher unterhalb der Schneegrenze bekommen, als wir eine verunglückte Trinkflasche aus dem eisigen Fluss retten mussten.

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Bereits in der vergangenen Nacht haben wir festgestellt, dass es Ende April in den Olympic Mountains ziemlich winterlich zugehen kann – an der Temperatur im Zelt. Der Olympic National Park liegt in Washington und markiert die nordwestliche Ecke der USA, von Alaska und Hawaii abgesehen. Wir sind hier drei Tage mit dem Rucksack unterwegs. Michi trägt das Zelt, ich alle Lebensmittel in einer großen Plastiktonne mit bärensicherem Schraubverschluss, die wir nachts 70 Fuß vom Schlafplatz entfernt deponieren sollen.

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tmp_2551--893024332 Am ersten, regnerischen Tag folgen wir dem Sol Duc River, der uns auch als Trinkwasserquelle dient, und schlagen unser Lager an seinem Ufer auf. Am zweiten Tag wärmen wir uns mit Hampelmännern auf und starten den Aufstieg. Spätestens beim Rückmarsch an Tag drei hat sich das Frieren gelohnt. Es zieht auf, der Wald leuchtet in allen Grüntönen. Ein dicker, heller Moosteppich überzieht den Boden. Darüber wachsen, etwas dunkler, Flechten und Gräser. Dornen und Farne bilden die dritte Etage. Dann ragen gigantische Nadelbäume in die Höhe. Bis wir den Parkplatz erreichten, sind auch die Stiefel trocken.

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Nach unserer Wildnisexpedition gönnen wir uns ein Bad in den heißen Quellen des Sol Duc Valley (allein das Duschen war die zwölf Dollar wert). Kurzer Versorgungsstopp in Forks, einem der wenigen Orte in der Gegend. Nicht spektakulär, aber nette Menschen, die einen an der Kasse mit „Genießt den sonnigen Tag“ verabschieden. So zumindest unser Eindruck, die Bloggerkollegen von Road Trippin, mit deren Beobachtungen wir sonst meistens konform gehen, haben hier nur Rednecks und Junkies getroffen. Interessant, wie sich die Wahrnehmung unterscheiden kann.

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Dann fahren wir ans Meer – der Olympic-Nationalpark besteht aus einem Inlands- und einem Küstenteil. Der Pazifik verschlingt nach und nach den Wald am Ufer, so dass die Strände mit toten Bäumen übersät sind. Ohne Rinde liegen die nackten Stämme im Sand.

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Unser Lieblingsstrand liegt am Sandpoint, einer spitzen Halbinsel, die nur per Fünf-Kilometer-Fußmarsch durch sumpfigen Wald erreichbar ist. Hier sehen wir hundert Meter vor uns endlich das Tier, dessen Hunger uns seit Wochen zu umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen zwingt. Zugleich hat der Schwarzbär auch uns gesehen und trottet zurück ins Dickicht. Trotzdem verstauen wir die Vorräte an diesem Abend besonders gut, bevor wir ins Zelt kriechen, vor uns die heranrauschende Flut, hinter uns irgendwo der Bär und meilenweit keine Straße.

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Unverfänglicher sind die Wildlife-Begegnungen an den Stränden von Kalaloch: Während Michi die Klippen nach Seesternen absucht, beobachte ich zwei Weißkopfseeadler beim Anbandeln in den Baumkronen.

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Die Woche auf der Olympic-Halbinsel war vorläufig der Höhepunkt unserer Reise. Danach fahren wir nach kurz Seattle, wo wir spannende Menschen treffen, es sonst aber nicht viel zu erzählen gibt. Dann geht es nach Kanada – Fortsetzung folgt.

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Amerika in grün

Wir gehören zu diesen seltsamen Menschen, die ihre Freizeit am liebsten in der Natur verbringen, aber nirgendwo anders leben könnten als in der Großstadt. Auch auf Reisen haben wir gelegentlich das Bedürfnis nach Straßenlärm, Konsumkapitalismus und überhöhten Übernachtungskosten.

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Streetart, the Portland way

In Oregon kommt dazu Dauerregen ab Grenzübertritt, so dass wir einen Großteil des Staates nur durch die nassen Seitenscheiben anschauen und direkt nach Portland durchkacheln. Die Locals* dort machen uns natürlich ein schlechtes Gewissen, weil wir soviel verpasst hätten. So etwa Jacob, den wir in einem Food Market kennenlernen. Diese klassischen Portland-Institutionen gibt es an jeder Ecke. Auf einem freien Grundstück stehen Bänke, Tische und verschiedene Imbissbuden. An der Mississippi Street beispielsweise Italienisch, Indisch und „Typical German“: Döner, Wiener Schnitzel und Currywurst. Dazu ein Smoothie-Stand, der seine Saftpresse mit einem Fahrrad antreibt – wer möchte, kann selbst in den Sattel steigen.

Fahrradfahren ist überhaupt groß hier. Es gibt in der Stadt viele kleine Fahrradhersteller (unser Gastgeber Jeremy ist totaler Radnerd und arbeitet bei einer solchen), Radwege, Radmagazine, Bikepolo spielende Jungs im Park und ganz viel schicke Bikes auf den Straßen.

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Die meiste Zeit verbringen wir, auf Empfehlung eines Blogs und vieler Portländer, auf der Alberta Street. Ateliers, kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants reihen sich hier kilometerlang aneinander. Im „Petite Provence“ findet die Zuckerbäckerin der Reisegruppe – erstmals in Amerika – Törtchen, Makronen und Brot, die in Vielfalt und handwerklicher Verarbeitung auch nach europäischen Standards herausragen. Da feine Törtchen allein nicht satt machen, kehren wir auch noch im Waffle Window und dem vegetarischen Café Vita ein. Die Cafés haben ihren Kaffee meistens aus kleinen, lokalen Röstereien; die Geschäfte führen regionale Produkte. Große Ketten sehen wir kaum (in Los Angeles gibt es allein auf dem Sunset Boulevard mindestens fünf Starbucks-Filialen). Sehr sympathisch, dieses Portland.

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Weniger Stadtbesuche bedeuten auch selteneren WLAN-Zugang. Dadurch brauchen wir, wenn es mal wieder soweit ist, auch immer länger um mit Reiseplanung, Blog und E-Mails aufzuholen. Trotzdem haben wir in Portland eine gute Zeit und sind nach drei Tagen bereit, uns an die Küste zu wagen. Und damit in den Regen.

Der Pelican Pub in Pacific City gehört zu Michis liebsten Erinnerungen aus ihren früheren Amerika-Reisen in den wilden Neunzigern. Inzwischen ist das Lokal zu einem ziemlich teuren Touristenfang geworden – steht aber immer noch direkt am Strand. Nach einem überragenden Quinoa-Süßkartoffel-Pie mit grünem Spargel (wir teilen uns eine Portion für 16$) können wir direkt zur Erkundung der steilen Sandsteinklippen starten. Dann heizen wir auch schon weiter nach Washington.

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* Ich mag das englische Wort Local lieber als den deutschen Einheimischen. Ein Local ist laut Oxford Dictionary jemand, der am jeweiligen Ort lebt. Ein Einheimischer ist laut Wictionary eine „Person, die in einem bestimmten Bereich geboren ist und seit eh und je lebt“. Diese Festlegung auf die Herkunft ist nicht nur blödsinnig, sondern in Amerika auch unbrauchbar: Wir haben hier kaum einen Erwachsenen getroffen, der noch am Ort seiner Geburt lebt. Eine Alternative wäre noch Ortsansässiger/i> (Duden: „an einem bestimmten Ort (2a) ansässig, wohnhaft, zu Hause“), aber das ist ein umständliches, unschönes Wort.

Endlich am Pazifik

Im Song „Kalifornia“ von den Subways heißt es:

If you see
Kalifornia
You will know it’s been
Waiting for you

Kalifornien hat auf uns gewartet? Dieses Land wartet auf niemanden. Höchstes darauf, dass wir wieder gehen. Hier sind schon längst mehr Leute, als ein Stück Wüste ertragen kann. Verkehrschaos und Zersiedelung sind brutal. Am Tag, als wir in Kalifornien ankommen, titelt die Los Angeles Times mit den Wassersparmaßnahmen, die der Gouverneur der Dürre entgegensetzen will. Manche Gemeinden sollen 35 Prozent ihres Verbrauchs einsparen. Die warten bestimmt nicht darauf, die letzten Tropfen mit uns zu teilen.

So zumindest unser erster Eindruck. Der ändert sich schnell, als wir mit den ersten Kaliforniern ins Gespräch kommen. So viel Freundlichkeit ist selbst für amerikanische Verhältnisse ungewohnt. Mit Jonathan, unserem Gastgeber in San Diego, gehen wir gleich am ersten Abend gemeinsam essen. Händler beraten uns auch eine Viertelstunde nach Ladenschluss in aller Ruhe. Im Asia-Supermarkt erklärt uns eine Miteinkäuferin ausführlich die verschiedenen Knollen und gibt Tipps zur Zubereitung von Purple Yam, einer Art Süßkartoffel (es funktioniert und schmeckt hervorragend).

Die coolste Szene ereignet sich auf dem Sunset Boulevard in Hollywood: An der Ampel hält ein Auto neben unserem. Durch die offenen Fenster ruft der Fahrer: Schau, wie nah wir sind, wir können uns die Hand geben! Lachend schlagen wir unsere Fäuste gegeneinander. Dann schaltet die Ampel auf grün.

Los Angeles von den Hollywood Hills

Los Angeles von den Hollywood Hills

Überhaupt haben wir in Los Angeles eine gute Zeit. Im Staples Center sehen wir die Dallas Mavericks mit Dirk Nowitzki gegen die Lakers gewinnen. Beim Wandern durch die Hollywood Hills sammeln wir wilden Salbei, der bis nach Kanada unsere Backpacker-Mahlzeiten aufbessern wird. Am Santa Monica State Beach (gibt es in Deutschland eigentlich Bundesstrände?) ist das Baden umsonst – wenn auch im April sehr kalt – das Wohnen nicht ganz: Die Einzimmerwohnung liegt in Santa Monica bei 4000 Dollar monatlich, erzählt ein Anwohner.

In einem Club namens The Smell erleben wir ein unglaublich verrücktes Konzert. Der Laden liegt in einer schmalen, dunklen Gasse. Am Eingang hängt ein Schild: „No Alcohol“. Dahinter stinkt es nach Pisse. Es sind etwa fünfzig Leute im Raum. Ein paar trinken Wasser; die meisten stehen nur da und hören zu. Femoral aus Austin, Texas, machen furchtbaren Lärm. Ihr Sound ist so laut, so verzerrt, so unmelodisch, man möchte sofort wieder gehen – bewegt sich aus Neugierde aber doch nach vorne. Und ist fasziniert. Da spielen drei Jungs nicht auf, sondern vor der leeren Bühne. Der Bassist steht mit geschlossenen Augen an der Wand. Der Gitarrist trägt Moustache und dunkle lange Haare und brüllt Unverständliches in sein Mikrofon. Beide wirken ziemlich abgedreht. Die Sensation aber ist der Drummer: Bis auf spitze Lederstiefel ist sein Äußeres unauffällig. Er sitzt mit dem Rücken zum Publikum vor einem minimalistischen Schlagzeug, auf das er einprügelt wie Obelix auf einen römischen Legionär. Seine schnellen 16tel wirken völlig planlos, ergeben mit dem wilden Geschrammel und Gebrüll der Kollegen aber doch so etwas wie Musik. Songstrukturen sind nicht erkennbar, ab und zu scheint aber ein Stück zu enden. Die Saiteninstrumente beginnen dann ein neues, während der Trommler aufsteht und völlig verschwitzt und atemlos durchs Publikum nach hinten taumelt. Unvermittelt stürzt er nach vorne, nimmt Platz und knüppelt weiter. Die Ansage am Ende: „Thank you for supporting us in our mission of yelling at people.“

Erstes Lagerfeuer der Saison

Erstes Lagerfeuer der Saison

Nach diesen Erlebnissen haben wir trotzdem genug von Großstadt. Schließlich sind wir inzwischen von leather tramps zu rubber tramps (die Unterscheidung habe ich bei Jon Krakauer gelesen) aufgestiegen, haben also Autoreifen statt Wanderstiefeln unter den Füßen. Wir sind bereit, die große Weite des amerikanischen Westens zu erkunden.

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Sanddollar Beach

Sanddollar Beach

Erstmal halten wir uns an den Pazifik. Die Küstenstraße ist schmal und kurvig. Wirklich voran kommen wir nicht – zumal immer wieder ein unterhalb der Klippen gelegener Strand einen Zwischenstopp erfordert. Zum Beispiel der Sanddollar Beach, ein Streifen aus weißem Sand zwischen zwei nach vorne ragenden Felswänden. Oder der Pfeiffer Beach, durch den ein solcher Wind weht, dass einem die Sandkörner wie Geschosse gegen die Waden schlagen. Solche Stopps lassen uns für die 600 Kilometer bis San Francisco volle drei Tage brauchen.

Pfeiffer Beach

Pfeiffer Beach

Die Ankunft in Frisco ist kompliziert. Wir haben der Aussage unserer Airbnb-Gastgeberin vertraut, zwei Straßen von ihrer Wohnung könne man frei parken. Das erweist sich als Unsinn – man kann hier nirgendwo frei parken. Wir stellen unseren Ford also für 50 Dollar zwei Tage ins Parkhaus. Um dann von besagter Gastgeberin versetzt zu werden: Die Hausverwaltung hat mitbekommen, dass Roxanne ihre Wohnung vertragswidrig untervermietet. Wir nehmen also das, was kurzfristig (es wird gerade dunkel) an Hostelzimmern noch zu haben ist. Dieser unglückliche Start vermiest uns San Francisco etwas. Nach eineinhalb unspektakulären Tagen sind wir weg.

Golden Gate Bridge: Die Schönheit liegt im Detail

Golden Gate Bridge: Die Schönheit liegt im Detail

Upper Yosemite Fall

Upper Yosemite Fall

Im Yosemite Valley wandern wir zu den gleichnamigen Wasserfällen (Nach einigen Monaten in Neuseeland dachte ich, Wasserfälle kriegen mich nicht mehr. Aber der ist besonders: Das Wasser fließt nicht gleichmäßig hinab, sondern fällt in Schwaden aus dem Fels, die dann langsam zerfallen). Wir zelten abends mit dutzenden Kletterern unter den Granitwänden, wo die Huberbuam ihre Speedkletter-Höchstleistungen erzielt haben.

Yosemite Valley

Yosemite Valley

Redwood National Park

Redwood National Park

Letzte Station in Kalifornien ist der Redwood National Park. Undurchdringlicher Regenwald: Farne, Moose, Dornensträucher und gigantische Bäume, auf deren Querschnitt mehrere Zelte Platz hätten. Die Redwoods ragen hundert Meter in den Himmel oder liegen nach ihrem Tod wie riesige Mikado-Stäbchen kreuz und quer übereinander. Manchmal kracht und ächzt es beunruhigend in den Kronen über uns. Am Ende der Dschungelwanderung stehen wir direkt am Pazifik, zelten abends am Strand und grillen Tortillas über dem Feuer.

Golden Bluffs Beach, Redwoods National Park

Golden Bluffs Beach, Redwood National Park

Auf Schienen Richtung Westen

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Züge sind in Amerika kein sehr gängiges Reisemittel. Wer Geld hat, fährt Auto oder fliegt. Wer keins hat, nimmt den Greyhound-Bus. Am Busbahnhof in Nashville saß neben uns ein Kerl mit riesigem Rucksack, der noch den ganzen Weg bis Seattle vor sich hatte – fast 4000 Kilometer oder einmal von Wien nach Bagdad. Auch wir waren bisher im Greyhound unterwegs. Für die Weiterreise an die Westküste haben wir spontan ein günstiges Angebot genutzt und einen Amtrak-Zug gebucht.

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Der Sunset Limited soll uns jetzt in 48 Stunden von New Orleans nach Los Angeles bringen, durch fünf Bundesstaaten und drei Zeitzonen. Das ist eine von nur vier Strecken in den Westen und der Zug fährt nur dreimal pro Woche. Von LA nehmen wir einen Anschlusszug, den Pacific Surfliner, entlang der Küste nach Süden bis San Diego.

Die ersten Stunden rollen wir durch die Sümpfe Lousianas (Filmtipp: Beasts Of The Southern Wild). Der Blick aus dem Fenster verfängt sich nach wenigen Metern im Dickicht. Nur gelegentlich passieren wir eine Raffinerie oder ein paar Häuser. Viel zu sehen gibt es also nicht – Zeit für Bücher und Gespräche. Neben uns sitzt Randall. Vor fünfundvierzig Jahren ist er auf Güterzügen quer durch die Staaten getrampt (Linktipp: tolle Reportage über diese Art des Reisens). Inzwischen nach Australien ausgewandert, wiederholt er die Reise gerade mit etwas mehr Komfort und schwelgt in Erinnerungen.

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Komfortabel ist die Fahrt tatsächlich. Die Beinfreiheit würde sogar Dirk Nowitzki genügen. Das Personal ist zuvorkommend (ganz anders im Greyhound, dort ist man eher notwendiges Übel als zahlender Kunde). Abendessen wird im Dining Car serviert. Wir teilen den Tisch mit einer älteren Dame aus New York. Viel Make-up, pinker Blazer, egozentrisch, konservativ. Und ignorant: Als ich vom Housing Works Bookstore als meinem Lieblingsort in ihrer Stadt erzähle, antwortet sie: Was, es gibt noch Obdachlose in New York? Dann verwickelt sie mich in eine Diskussion über Al Quaida, den Irak und Edward Snowden. Der Speisewagen ist inzwischen fast leer, das Personal räumt auf. Nur David sitzt noch am Nebentisch. Der Demokrat aus Louisiana schaltet sich ins Gespräch ein und gibt mir Schützenhilfe. Als die New Yorkerin irgendwann auf das tolle New Orleans zu sprechen kommt, springt David auf, reicht ihr die Hand und ruft: Wir sind uns endlich einig! Beide sind außerdem sicher, dass Hillary Clinton die nächste Präsidentin wird.

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Inzwischen fahren wir durch Texas. Der wuchernde Sumpf wird nach und nach trockener und weniger üppig, schließlich weicht er karger, staubiger Einöde. Die schiere Weite ist beeindruckend. Niedrige Büsche wachsen hier in erstaunlich vielen Farben und die Kakteen blühen gerade. Alle paar Meilen steht eine einsame Kuh oder Ziege in der Landschaft.

Mein Lieblingsplatz an Bord ist das Ende des letzten Waggons. Dort endet der Flur an einer Tür mit Fenster, durch das man den besten Blick auf die große texanische Weite hat. Michi sitzt dagegen schon frühmorgens im Panorama-Abteil und sieht durch die großen Fenster die Sonne aufgehen.

Der Panorama-Waggon

Der Panorama-Waggon

Zwischen zwei Büchern spiele ich mit Braden, einem etwas verfilzten Landstreicher, Mancala und höre mir seine Lebensphilosophie an. Gemeinsam streifen wir durchs nächtliche San Antonio, wo wir wegen Motorproblemen einige Stunden halten.

Von LA nach San Diego fahren wir direkt am Strand entlang.

Von LA nach San Diego fahren wir direkt am Strand entlang.

Als es wieder hell wird, sind wir immer noch in Texas. Immer noch karge Landschaft. Trotzdem wird das Raus-Schauen nicht langweilig; das Tempo des Zuges spult die gemächlich dahinfließende Landschaft im richtigen Tempo ab. Um 10:37 eine SMS: „Willkommen in Mexiko“. Tatsächlich fahren wir gerade in Sichtweite zum Grenzzaun, der Einwanderer von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück fernhalten soll.

Nachmittags erreichen wir El Paso, in dessen grüner Umgebung Pekannüsse angebaut werden. Dann wieder Wüste. Von New Mexico und Arizona sehen wir in der Dunkelheit nicht viel. Am nächsten Morgen sind wir in Kalifornien. Ein neues Kapitel unserer Reise beginnt.

NOLA And The Bangas

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America has only three cities: New York, San Francisco, and New Orleans. Everywhere else is Cleveland.

Tennessee Williams

New York und San Francisco waren von Anfang an Eckpfeiler unserer Reiseplanung. Die dritte amerikanische Stadt nach Williams ist erst relativ kurzfristig auf der Agenda gelandet. Die richtige Entscheidung! Wenn Nashville Music City ist, dann ist New Orleans definitiv Music Capital. Was wir hier in ein paar Tagen an großartigen Konzerten erlebt haben!
Drei Höhepunkte:

  • The Revivalists rocken an einem Mittwoch Abend ein Stadtteilfest, in das wir zufällig stolpern.
  • Die Street Legends Brass Band steht samstags im Maison gleich zu siebt auf der Bühne. In der ersten Reihe stehen zwei Bläser und ein Sänger, der aussieht wie Mike Tyson. Die Drei geben Vollgas und grinsen sich dabei einen ab. Livemusik macht Spaß, wenn man sieht dass die Band Spaß hat.
  • Beeindruckend ist auch der Auftritt von Tank And The Bangas. Tank ist eine füllige schwarze Sängerin. Im bunten Rock steht sie auf der Bühne und fängt ganz leise an eine Geschichte zu erzählen, es geht um die Liebe als Achterbahnfahrt. Langsam steigen zwei Background-Sängerinnen und ein Querflötist mit ein. Während Tank vom Erzählen zu Gesang übergeht, steigt nach und nach die ganze Band mit Saxophon, Trompete, Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug mit ein.

Dazu kommen unzählige andere Bands und Straßenmusiker, die irgendwo sitzen oder mit ihren Instrumenten fröhlich lärmend durch die Straßen ziehen, immer mit ein paar Zuhörern im Gefolge.

New Orleans ist nicht nur Halligalli. Vor zehn Jahren wütete hier Hurrikan Katrina. Die Stadt musste komplett evakuiert werden. Bis heute sind viele der damaligen Einwohner nicht zurückgekehrt. Arme konnten sich den Wiederaufbau ihrer Häuser einfach nicht leisten. Wo vor der Flut Sozialsiedlungen standen, ließ die Stadt anschließend gemischte Viertel bauen – mit deutlich weniger Wohnraum. Natürlich betraf das vor allem die schwarze Bevölkerung.

Häuser in Algiers Point

Häuser in Algiers Point

Die Weißen leben in eigenen Vierteln. Algiers Point etwa liegt auf der anderen Seite des Mississippi. An einem sonnigen Nachmittag setzen wir mit der Fähre über. Die Leute grüßen genauso freundlich wie in unserem (schwarzen) Viertel. Die Häuser sind hier allerdings in viel besserem Zustand, in den Vorgärten blüht der Frühling prachtvoller. Die Pick-ups glänzen frisch gewaschen. Eine Idylle. Erst als wir wieder über den Fluss sind, lese ich in der Wikipedia die Katrina-Geschichte von Algiers Point: Damals bildeten die Bewohner eine Bürgerwehr und erschossen Schwarze, die sich aus den überschwemmten Gebieten hierher flüchteten. [Quelle: The Nation]

Louis-Armstrong-Park, (c) M.E.

Louis-Armstrong-Park, (c) M.E.

Auch wenn es Zuschüsse von Staats- und Bundesregierung gab, war der Wiederaufbau für die Stadt ein immenser Kraftakt. Heute ist in den meisten Gegenden vom Hurrikan nichts mehr zu sehen. Für Schulen und öffentlichen Nahverkehr sei seither aber viel zu wenig Geld da, erzählt mir der Journalist Alex Woodward beim Kaffee. Letzteres beobachten wir selbst: Die Straßenbahnen sind keine zehn Meter lang und so langsam, man könnte nebenher laufen. Wir halten sie zuerst für eine Touri-Attraktion. Bis wir am Morgen feststellen, dass viele New Orleanser damit wirklich zur Arbeit fahren. Die Busse fahren oft nur einmal die Stunde und nie dann, wenn es im Fahrplan steht.

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Alex schreibt zur Zeit viel über die Wohnungsnot in New Orleans. Wohnraum ist seit dem Hurrikan knapp; in den letzten Jahren sind außerdem viele neue Leute hergezogen. Eine weitere Ursache für Alex: das Vermieten von Wohnraum an Touristen via Airbnb. Wir fühlen uns etwas schuldig, sind doch auch wir auf diese Art bei Meiloni untergekommen. Das ist komfortabler und günstiger als ein Hostel. Vor allem aber unterhalten wir uns einfach gern mit den Locals und sehen, wie sie leben. Sonst wüssten wir jetzt nicht, was ein Shotgun-Haus ist: Traditionell wohnt man hier in langen, schmalen Häusern, in denen alle Zimmer ohne Flur hintereinander liegen. In Windrichtung ausgerichtet, konnte man so alle Räume trotz subtropischer Hitze halbwegs kühl halten. Auch Meilonis Haus ist so angelegt (dank Klimaanlage kann man aber die Türen zumachen).

"Karma" von Do-Ho Suh

„Karma“ von Do-Ho Suh

Eine andere Möglichkeit der Hitzeflucht sind die vielen Parks der Stadt. Im City Park hat das New Orleans Museum of Art einen herrlichen Skulpturengarten angelegt. Und als wir gerade beim Picknick im Louis-Armstrong-Park sitzen, kommt auf der anderen Seite des Bachs ein junges Paar vorbei: Sie mit Babybauch, er mit Krücken. Plötzlich landen die Krücken auf dem Boden und der Kerl vor ihr auf den Knien. Und zieht eine Schachtel mit zwei Ringen aus der Tasche.

Nachtrag: Eine lesenswerte Ergänzung mit Fokus auf die sozialen Folgen von Katrina ist dieser Beitrag von Eva Schulz (via Simon).

  • Alle Beiträge unserer Nordamerika-Reise sind unter #noam15 gesammelt.