Wir gehen auf Tour


Luftsprung: Ich darf im Frühjahr mit den besten Jungs durchs Land fahren und Konzerte spielen.

Weitere Termine folgen – hoffentlich auch in deiner Stadt. zu sein: Abonniere uns auf Facebook, um immer auf dem Laufenden zu sein.

Wenn du unseren Krach noch nicht kennst, ist dieses Video ein wunderbarer Einstieg:

Als nächstes hörst du dir dann am besten unser Album „In Sachen Lärm“ von vorne bis hinten an. Auf Spotify oder gerne auf CD – dazu Mail an mich.

Welche Bahncard ist die richtige für mich?

Ich habe hier schon viel zu lange keinen supernerdigen Kram mit Zahlen und Formeln und Diagrammen und Code gepostet. So wie damals, als ich beweisen wollte, dass der Versuch, den Ölpreis vorherzusagen, Quatsch istals ich den Balkan Safari Ice Cream Index erfand oder als ich ausrechnete, zu welcher Uhrzeit ich am besten meinen Newsletter verschicke. Solche Dinge also, die überhaupt keinen Sinn ergeben und wahrscheinlich auch niemanden interessieren, mir aber seltsamerweise Freude machen.

Nun, es wird mal wieder Zeit für Nerdkram. Dieses Mal ergibt es aber sogar Sinn. Ich habe etwas ausgerechnet und spare dadurch wahrscheinlich echtes Geld.

Jedes Jahr zum 28. Februar läuft meine Bahncard ab. Die Bahn schickt mir dann immer rechtzeitig eine neue (und gelegentlich kurz darauf eine Mahnung, weil ich zwar die neue Bahncard in meinen Geldbeutel räume, beiliegende Rechnung aber verlege). Es ist also bald wieder soweit und ich fragte mich neulich, ob ich vielleicht wechseln sollte.

Ich habe seit vielen Jahren eine Bahncard 25 (die kostet 62 Euro im Jahr und man bekommt dafür jede Fahrkarte um 25 Prozent billiger). Das hat für mich lange großen Sinn gemacht, weil ich jahrelang sehr häufig nach Österreich gefahren bin und die BC25, anders als die Bahncard 50 (255 Euro, 50 Prozent Rabatt) auch auf Auslandsfahrten gilt [1]. Inzwischen fahre ich nicht mehr so häufig nach Österreich, dafür insgesamt deutlich mehr mit dem Zug. Also kam mir der Verdacht, dass vielleicht ein Wechsel auf die Bahncard 50 klug wäre. Da ich für die aber zunächst fast 200 Euro mehr zahlen muss, wollte ich nachrechnen.

Wenn man innerhalb eines Jahres Fahrkarten im Wert von x Euro kauft, dann zahlt man dafür:

  • ohne Bahncard: x Euro
  • mit BC25: x Euro * 75% + einmalig 62 Euro
  • mit BC50: x Euro *  50% + einmalig 255 Euro

Eine Bahncard 25 lohnt sich dann, wenn das jeweils gesparte Viertel des Fahrpreises mehr ergibt als die einmalig gezahlte Gebühr für die Bahncard. Sie lohnt sich also dann – ich habe ja Formeln versprochen -, wenn x > 0.75 * x  + 62.

Das kann man ausrechnen: Wer im Jahr mindestens 4 * 62 Euro = 248 Euro für Fahrscheine der Deutschen Bahn ausgibt, sollte sich eine Bahncard 25 zulegen [2].

Und wann lohnt sich nun der Wechsel auf die BC50? Um ein weiteres Viertel des Fahrpreises einzusparen, werden nun zusätzliche 193 Euro fällig.
In Formel: x * 0.25 + 62 > x * 0.5 + 255.

Diese Grenze liegt bei 4 * 193 Euro = 772 Euro. Wer also jährlich Fahrkarten für mehr als 772 Euro kauft, für den lohnt sich die BC50. Der Betrag bezieht sich dabei auf den vollen Fahrpreis ohne Abzug irgendeines Bahncard-Rabatts.

Das ist übrigens das, was euer Mathelehrer immer meinte, als er von Geradenschnittpunkten sprach.

Wann lohnt sich welche Bahncard? Grafik erstellt mit Geogebra.

Das ist zwar eine schöne Erkenntnis, aber keine Antwort auf meine Frage. Ich wollte ja wissen, wann sich für mich der Wechsel lohnt. Und woher soll ich wissen, wie viel ich im Jahr für’s Bahn fahren ausgebe?

Nun ja, von der Bahn zum Beispiel, oder? Ich kaufe fast alle Fahrscheine über die DB-App, die mit meinem Kundenkonto verknüpft ist [3]. Daher hat die Bahn auf ihren Servern einen fast vollständigen Datensatz meiner Bahnfahrten. Und ein bisschen ist die Bahn sogar bereit, diese Daten zu teilen:

Ich müsste jetzt nur 47 Buchungen aufrufen und mir jeweils den Preis notieren, schon wüsste ich, wie viel Geld ich 2016 in DB-Zügen verfahren habe. Bloß ist mir das halt zu umständlich. Leider bietet die Bahn keine Möglichkeit, die Daten irgendwie zusammenzufassen oder gar zu exportieren. Sie bietet mir als Erzeuger also nur so eine Art Besuchsrecht für meine Daten an, das Sorgerecht möchte sie für sich allein behalten.

Zum Glück ist mein Bank digital etwas besser aufgestellt als der olle Staatskonzern. Dort kann ich alle Kontobewegungen der vergangenen 12 Monate in einem Datensatz herunterladen. Der kommt als handliche CSV-Datei. An der musste ich nur ein kleines bisschen herumbasteln, dann konnte ich sie in eine Statistik-Software laden und auswerten.

Ich habe aus allen 349 Kontobewegungen des vergangenen Jahres zunächst alle rausgefiltert, bei denen im Namen des Empfängers/Absenders die Buchstabenfolge „DB“ vorkam. Übrig blieben 47 Einträge. Diese habe ich mir genauer angesehen. Sie verteilen sich auf folgende Namen:

[1] DB Rent GmbH
[2] DB Vertrieb GmbH
[3] VISA DB BAHN AUTOMATEN
[4] VISA DB RENT GMBH

Das sind tatsächlich alles Tochterfirmen der Deutschen Bahn. Allerdings kümmert sich die DB Rent GmbH um das Fahrrad-Verleihsystem Call A Bike. Da es darauf keinen Bahncard-Rabatt gibt, muss ich diese Positionen aus meiner Rechnung ausnehmen. Dann filtere ich noch alle Positionen mit positivem Betrag – wo ich von der Bahn also Geld bekommen habe, etwa als Erstattung für Verspätungen -, und alle Positionen mit Betrag 23 oder 28 Euro. Das waren 2016 die Preise für ein Bayern-Ticket für eine bzw. zwei Personen und auf die Länder-Tickets gibt es ebenfalls keinen Bahncard-Rabatt.

Über alle übrig gebliebenen Posten bilde ich die Summe der Beträge und erhalte als Ergebnis 982,85 Euro [4]. Das liegt deutlich über der berechneten Schwelle von 772 Euro – also werde ich auf eine Bahncard 50 umsteigen.

Einem Spinner wie mir macht es zwar großen Spaß, so etwas auszurechnen. Trotzdem stellt sich aber die Frage, warum die Bahn das nicht selbst macht: Die haben ja alle Daten, müssten für alle Kunden nur ein einziges Mal ein Skript schreiben und könnten dann die Leute kontaktieren: Hey, uns ist aufgefallen dass für dich ein anderes Bahncard-Modell besser wäre, magst du vielleicht wechseln? [5]

Warum nutzt die Bahn die Daten nicht, die sie so rumliegen hat und versucht, daraus für sich und für ihre Kunden einen Nutzen daraus zu ziehen? Ich glaube, das wäre das, was Manager meinen, wenn sie von Digitalisierung und Big Data sprechen. Nun gut, manche wissen selbst nicht so genau, was sie meinen. Aber ich glaube das wäre das, was sie meinen wollen, oder so.

However, wenn man das dann ausgerechnet hat, bleibt ja immer noch der tatsächliche Bahncard-Wechsel. Auch den macht die Bahn einem nicht so richtig einfach. Einen Monat vor Ablauf der alten anrufen und fragen, ob sie einem zum Tauschdatum ne 50er schicken können, funktioniert schon mal nicht: Die 25er sei schon „in Produktion“, hieß es (bei einem kostenpflichtigen Telefonat nach mehreren Minuten in der Warteschleife). Die Lösung sieht so aus: Man fische die neue Bahncard aus dem Briefkasten, fahre zum Bahnhof, gehe ins Reisecenter, ziehe eine Nummer, warte bis man dran ist, tausche dann die BC25 gegen eine vorläufige BC50. Die richtige BC50 bekommt man dann später per Post. Yo.

Lustigerweise war ich kürzlich bei einer Pressekonferenz zum neuen kostenlosen Wlan, das es jetzt in den ICEs ein bisschen gibt. Es war glaube ich der letzte gemeinsame Auftritt von Verkehrsminister Dobrindt und Rüdiger Grube, bevor letzterer seinen Job als Bahnchef hinwarf. Dobrindt sagte dort, dass „die Bahn  das Verkehrsmittel des digitalen Zeitalters ist“. Nun ja. 

Die Debatte auf Facebook

Anmerkungen

[1] Die Logik dahinter habe ich noch nie verstanden. Bei der Bahn sagten sie damals, die beiden Karten würden eben unterschiedliche Kundengruppen ansprechen.

[2] Ausgenommen davon sind Spezialtickets wie das Bayern-Ticket und das Quer-durchs-Land-Ticket, auf die gibt es keinen Bahncard-Rabatt.

[3] Wenn ich doch mal ein Ticket am Automaten kaufe, identifiziere ich mich dort in der Regel mit meiner Bahncard, so dass auch diese Daten erfasst werden.

[4] Hier noch der Quellcode meiner Analyse in R:

ing <- read.csv("ing.csv",sep=";")
> ing <- tbl_df(ing)
> db <- filter(ing,grepl("DB",Name))
> unique(db$Name)
[1] DB Rent GmbH
[2] DB Vertrieb GmbH
[3] VISA DB BAHN AUTOMATEN
[4] VISA DB RENT GMBH
> dbx <- filter(db,!grepl("Rent",Name))
> dbx <- filter(dbx,!grepl("RENT",Name))
> dbxx <- filter(dbx,!Betrag==23)
> dbxx <- filter(dbxx,!Betrag==28)
> dbxx <- filter(dbxx,Betrag<0)
> sum(dbxx$Betrag)
[1] -982.85

[5] Durch Googeln bin ich noch auf ein gut verstecktes Tool gestoßen, mit dem sich Pendler ausrechnen können, ob sich eine Bahncard lohnt. Für mich hat das aber keinerlei Wert.

Augsburg und die Bombe

„Journalismus ist der erste rohe Entwurf der Geschichte“ habe ich neulich auf einer Pinnwand gelesen. Der Spruch wird Phil Graham, dem ehemaligen Herausgeber der Washington Post zugeschrieben, stammt aber vermutlich nicht von ihm. Wie auch immer. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, journalistisch ein Ereignis zu begleiten, das zumindest in die Lokalgeschichte meiner Heimatstadt Augsburg eingehen wird: die Entschärfung einer Fliegerbombe am 1. Weihnachtsfeiertag 2016, samt der größten Evakuierung der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wenn Journalismus der erste Entwurf der Geschichte ist, dann sind soziale Medien ja häufig der erste Entwurf von Journalismus. Darum möchte ich den Tag der Bombenentschärfung in Tweets und Facebook-Posts nacherzählen – und so für die Geschichte festhalten.

 

Posted by Christian Endt on Sonntag, 25. Dezember 2016

Windmühen

Illustration: Stefan Dimitrov

Strom kommt nicht aus der Steckdose und bald auch nicht mehr aus dem Atomkraftwerk. Wo der Strom stattdessen in Zukunft herkommt, das entscheidet sich in den Bürgersälen und Turnhallen der Republik. Im ganzen Land rebellieren die Bürger gegen Windkraftpläne. In Orten wie Mahlstetten auf der schwäbischen Alb steht oder fällt die Energiewende.

Der Konfliktberater Christoph Ewen versucht den Streit um die Windkraft so zu moderieren, dass Nachbarn darüber nicht zu Feinden werden. Ich war mit Ewen für die SZ unterwegs und habe mir im 800-Einwohner-Dorf Mahlstetten einen solchen Streit exemplarisch näher angesehen. Hier die Reportage.

Das war 2016

Mit ziemlicher Verspätung und obwohl ich zwischenzeitlich schon beschlossen hatte, es einfach ausfallen zu lassen, blicke ich nun doch noch auf mein Jahr 2016 zurück. Motivationsdank gebührt hierbei Katharina.

Weltgeschehentlich war das ja nun sicher kein gutes Jahr. Privat eher auch nicht, aber aufregend war’s, und das ist vielleicht sogar das Wichtigere. Was jetzt vor alem mit Blick auf die Welt zynisch klingen mag; aber Zynismus liegt mir fern. Wenn der Zynismus siegt, haben wir verloren. Bleiben wir aufrecht, bleiben wir bei der Wahrheit, und hören wir bitte nicht auf zu lachen. Das nehme ich mit hinüber in dieses neue, bessere, weiterhin aufregende, primzahlige Jahr 2017.

Besonders war 2016 natürlich wegen einigen Begegnungen und Bekanntschaften, die ich machen durfte. Kryptisch und weil ich diesen Blog ja auch als Privatarchiv für mich selbst schreibe, seien aufgezählt: C., J., L., M., M., P., T., V. und W. Ganz besonders und mich immer noch mit großer Freude, Begeisterung und Stolz erfüllend war 2016 aber zuallererst eines: die Veröffentlichung unseres zweiten Plan B-Albums „In Sachen Lärm“. Wir haben sehr viele gute Reaktionen darauf bekommen; doch vor allem ist es ein Album geworden, das ich mir selbst sehr gerne anhöre. Mindestens ebenso schön wie das Ergebnis war der Weg dorthin. Die Bandproben, die Bandcamps, die beiden Wochen im Studio, die Videodrehs, der Videoschnitt (High five, Ju!), die Fotoshootings, die Plakatier-Radltour, sogar die vielen Orgameetings und das verkaterte Putzen der verwüsteten Ballonfabrik. Danke für alles an die besten Bandkollegen der Welt! Auf weitere zwölf Jahre Kekse, Bier und Anarchie.

2016 war außerdem das Jahr, in dem ich versucht habe, mir das menschenmäßig größte Land der Erde zu erschließen. Inwiefern das geglückt ist, könnt ihr in einer kleinen Reiseblog-Serie nachlesen. Verbunden damit war ein Experiment im WhatsApp-Bloggen, das großen Spaß gemacht hat und das ich weiterverfolgen möchte. Zudem bin im vergangenen Jahr in einen Sportverein eingetreten und gehe seitdem sehr regelmäßig zum Training. Das ist toll.

Nun ja, gearbeitet habe ich auch ein bisschen. Moment: 2016 war das erste Jahr meines Lebens, in dem ich von Januar bis Dezember in einer festen Anstellung war! Ich bin nicht restlos überzeugt von dieser Art der Lebensführung, aber ich habe das Glück, einen Job zu haben, den ich jeden Tag gerne mache und in dem ich jeden Tag neues lerne. Daher kann das gerne so bleiben. Zu den Lieblingsprojekten meines Berufsjahres gehören „Im Reich der toten Tiere“ über Naturkundemuseen und Taxonomen, „Heiter bis tödlich“ über den Wetter- und Friedensforscher Lewis Fry Richardson, „6:45 Uhr Bad Aibling“ über ein furchtbares Zugunglück, „Was, euch gibt’s immer noch?“ über die Killerpilze und last but alles andere als leastAlles nur geerbt„, unser Volo-Projekt übers Erben.

Zum Schluss folgen aus gutem Brauch und weil Listen toll sind, einige Listen.

Gelesene Bücher 2016

Alle Bücher seit 2014 stehen hier.

  • Laszlo Bock: Work Rules!
  • Charles Dickens: Great Expectations
  • Hannah Dübgen: Strom
  • Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
  • Jonathan Franzen: Die 27ste Stadt
  • Julia Friedrichs: Wir Erben
  • Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo
  • Robert Harris: Imperium
  • John Heilemann, Mark Halperin: Game Change
  • Yu Hua: China in ten words
  • Ryszard Kapuściński: The Shadow of the Sun
  • Elizabeth Kolbert: The Sixth Extinction
  • John Lanchester: Kapital
  • Mian Mian: Panda Sex
  • Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger
  • Randall Munroe: What If?
  • B. Obermayer, F. Obermaier: Panama Papers
  • Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
  • Philip Tetlock, Dan Gardner: Superforcasting
  • Uwe Timm: Kopfjäger
  • Edward O. Wilson: Half-Earth
  • Mo Yan: Das rote Kornfeld

Betanzte Konzerte 2016

  • Alligatoah (München)
  • Annenmaykantereit (Modular Festival, Augsburg)
  • Elbtonal Percussion (Grasbrunn)
  • Feine Sahne Fischfilet (Modular Festival, Augsburg)
  • Finding Feelings (Augsburg)
  • Fjørt (München)
  • Killerpilze (Augsburg, 2x München)
  • Moop Mama (München)
  • Schmutzki (Modular Festival, Augsburg)
  • Paincake (Augsburg, München)
  • Torben Tietz (Augsburg, Wohnzimmerkonzert)

Erste Male 2016

Nach einer Idee von David Bauer. Hier die Liste von 2015.

  • Zum ersten Mal selbstgemachte Musik auf eine Schallplatte pressen lassen (Auflage: zwei).
  • Zum ersten Mal eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt.
  • Zum ersten Mal einen Artikel auf der Titelseite geschrieben.
  • Zum ersten Mal Espresso und Schnaps gemischt.
  • Zum ersten Mal in China gewesen.
  • Zum ersten Mal einen 3000 Meter hohen Berg bestiegen.
  • Zum ersten Mal Lotuswurzel gegessen.
  • Zum ersten Mal Akupunktur (die drei letzten Punkte geschahen alle am gleichen Tag).
  • Zum ersten Mal Angst gehabt, jemand, der mir wichtig ist, könnte Opfer eines Terroranschlags sein.
  • Zum ersten Mal wirklich verstanden, wovon all die Lieder handeln.

Hier meine Jahresrückblicke auf 2015 und 2014.

Trump und wir

  • Am Morgen nach der Präsidentenwahl in den USA habe ich im Schock ein paar Zeilen auf Facebook geschrieben. Zu Archivzwecken stelle ich sie auch hier ein.

Wir sollten jetzt besser nicht kopfschüttelnd zu diesen Amerikanern rüberschauen. Ja, in den USA ist vieles besonders krass und grell. Und ich hoffe sehr, dass jemand wie Trump in Europa nicht gewählt werden würde. Aber die Zutaten dieser Katastrophe gibt es alle auch bei uns: den Vertrauensverlust in Politik und Medien. Den Abstieg der Mittelschicht. Millionen Leute, die in prekären Scheißjobs festhängen. Den Hass.

Ich fürchte, die Zeiten in denen Amerika die Trends für die gesamte westliche Welt setzt, sind noch nicht vorbei. Wir müssen jetzt für unsere Demokratie kämpfen.

Daraufhin entstand eine kleine Diskussion, die sich unter anderem darum drehte, wie schlimm das mit diesem Trump nun wirklich ist, wie schlimm es noch wird und was wir tun können.

Von den vielen Artikeln, die ich seither über die Wahl und ihre Folgen gelesen habe, möchte ich zwei kurz zitieren und verlinken.

  • Johannes Kuhn ist SZ-Reporter in New Orleans. Er schreibt auf seinem Blog kopfzeiler.org:
    „Was Deutschland lernen kann? Redet miteinander, auch wenn Eure Freunde andere politische Meinungen haben. Respektiert das Landleben, respektiert das Anderssein, seht den Menschen, bleibt den Tatsachen treu. Glaubt nicht, dass liberaler Fortschritt ein Naturgesetz ist. Arbeitet daran, die Dinge besser zu machen.“
    Hier der ganze Artikel.
  • Und bei Neon schreibt Lars Weisbrod:
    „Ruhe. Pause. Keine Empörung mehr. Wir können das am besten, klar. Aber sich jetzt zu empören, das ist nur noch mehr von dem, was nicht funktioniert hat. Und wenn wir jetzt noch mehr und mehr draufkippen, warum sollte es dann plötzlich etwas helfen?“
    Hier der ganze Artikel.

Damit kehre ich zurück zu nachdenklichem Schweigen.

Wir sind Piloten unserer Träume

Lange haben wir nach der richtigen Form für dieses Lied gesucht. Ein Lied über das Reisen, über das Feiern, über Euphorie auf der Bühne und über gute Zeiten mit guten Freunden. Jetzt haben sich Max und Marko einfach in die untergehende Sonne gesetzt und das Ding akustisch eingespielt. Ich habe sie dabei gefilmt.

Danke an Markus und an Matthias von HeadApe Records.

Wälder roden für den Klimaschutz?

Die gute Nachricht: In Europa werden immer mehr Kohlekraftwerke abgeschaltet.

Die nicht so gute Nachricht: Viele dieser Anlagen gehen nach einer kurzen Umbauphase wieder in Betrieb. In den Kesseln landet dann keine Kohle mehr, sondern zu Pelltes gepresstes Holz. Das gilt als nachwachsender Rohstoff, die erzeugte Energie damit als CO2-neutral. Und die Betreiberfirma erhält Subventionen, wegen Klimaschutz und so.

Holzpellets sind an sich eine gute Sache, um Holzabfälle als Brennstoff zu verwerten. Aber wenn du ein Großkraftwerk nach dem nächsten mit dem Zeug betreiben willst, gehen dir irgendwann die Abfälle aus. Was machst du also? Richtig, Bäume fällen.

Acht Millionen Tonnen Holzpellets importierte die EU im Jahr 2014 aus dem Ausland, vor allem aus den USA: Dort klagen Umweltschützer, dass wertvolle Wälder gerodet werden. Damit wir Europäer einen auf Klimaschutz machen können.

Darüber habe ich diese Woche in der SZ geschrieben.

6.45 Uhr, Bad Aibling

zuggegenzug

Am 9. Februar 2016 prallten im oberbayerischen Bad Aibling zwei Regionalzüge frontal aufeinander. 12 Menschen starben. Meine Kollegin Lisa Schnell und ich haben mit Opfern, Rettungskräften und Bahnexperten gesprochen und den Unglückstag für die SZ in einem Minutenprotokoll rekonstruiert. Die Geschichte erschien nicht nur als klassischer Zeitungsartikel, sondern auch als Digitalreportage mit Fotos, Videos und Infografiken. Der Beginn des Artikels ist frei lesbar, der ganze Beitrag ist zahlenden Kunden vorbehalten.

Sieben Tage in Tibet

China-Reiseblog, Teil fünf: Yading

Eine Woche war ich im tibetischen Teil der Provinz Sichuan unterwegs. Das Hochland ist kalt, karg und weit weg von allem. Aber auch sehr schön. Ich bin dort gewandert, geradelt – und war in einer Karaoke-Bar.

wp-1475515752786.jpg

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Abstecher machen soll. Wangchao, mein Freund vom Emei Shan, sagte: Wenn du Natur und Wandern magst, musst du nach Yading. Aber dorthin zu gelanden, in die tibetischen Gebiete im Westen der Provinz Sichuan, bedeutet zwei volle Tage im Bus nach Daocheng (der Rückweg ist, weil es hauptsächlich bergab geht, in einem langen Tag zu schaffen). In Daocheng, 3700 Meter über dem Meeresspiegel, wird empfohlen, ein oder zwei Tage zu bleiben, zur Gewöhnung an die Höhe. Dann folgt ein weiterer halber Tag ins Yading Nature Reserve. Insgesamt, das war klar, würde mich das Abenteuer mindestens eine Woche kosten. Und ich hatte ja nur vier Wochen in China, eh schon viel zu wenig für dieses riesige Land.

Ich musste dann an meine Neuseeland-Reise denken. Als die vor siebeneinhalb Jahren langsam zu Ende ging, fragte mich Felix, ob wir nicht acht Tage gemeinsam durch den Regenwald wandern wollen. Damals habe ich ja gesagt. Ich bin anschließend ziemlich ins Hudeln gekommen, um rechtzeitig für meinen Rückflug zurück in Wellington zu sein. Aber die gute Woche im Regenwald werde ich nie vergessen.

wp-1475515757448.jpg

Ich fahre also zum Busbahnhof in Chengdu und kaufe eine Fahrkarte nach Daocheng für den nächsten Morgen.
Schon am ersten Tag unterwegs bereue ich die Entscheidung erstmals. Auf vier Stunden halbwegs flüssiger Fahrt folgen fünf Stunden Stillstand. Irgendetwas blockiert vor uns die Straße. Eine endlose Kette von Autos, Lastwägen und Bussen windet sich bewegungslos die kurvige Straße nach oben. Zwar steht mein Bus zufälligerweise genau auf Höhe eines kleinen Dorfs mit Basketballplatz, ein paar Jungs und ich vertreiben uns die Zeit mit Korbwürfen. Nervig ist es trotzdem.

mmexport1474133581341.jpg

Lustig wird es, als wir um ein Uhr nachts endlich unser Zwischenziel in Kanding erreichen. Das Hotel ist furchtbar, die Wände sind kahl und schmutzig, das Bad auf dem Flur widerlich. Aber ich teile mir ein Zimmer mit der Kanadierin Hana, die unter hanaonthemap.com lesenswert über ihre Weltreise bloggt, und den beiden Chinesen Gavin und Police (ich kann mir seinen Namen nicht merken und habe ihn irgendwann nur noch nach seinem Beruf genannt). Zum ersten Mal erfahre ich etwas von dem chinesischen Brauch, vor dem Schlafengehen ein warmes Fußbad zu nehmen. Muss man in so einer Situation natürlich sofort ausprobieren. Da sitzen wir also nachts um zwei in einem miesen Hotel am Ende der Welt auf unseren Betten und stecken unsere müden Zehen in verbleichte Plastikschüsseln. Interessante Gesprächsatmosphäre.

Dann noch drei Stunden schlafen, um sechs fährt der Bus weiter. Um neun gibt es an einer Raststätte Reis und Gemüse zum Frühstück. Das hygienische Niveau der Klos sinkt von Halt zu Halt rapide, inzwischen bestehen sie nur noch aus einem stinkenden Loch im Boden. Gegen Mittag halten wir an einem Kontrollpunkt. Ein junger Polizist mit Maschinenpistole und verspiegelter Sonnenbrille betritt den Bus, kontrolliert die Ausweise und Pässe aller Passagiere. Aber immerhin der Verkehr ist heute unser Freund. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir nachmittags den Ort Daocheng.

Offiziell ist Daocheng eine Stadt. Ich stelle allerdings schnell fest, dass es hier keine einzige Buchhandlung gibt, was meiner Ansicht nach ein notwendiges Kriterium zur Verleihung des Stadtrechts sein sollte. Sonst ist der Ort aber ganz brauchbar. Die in ganz China beliebten Teigtaschen füllen sie hier mit leckerem Yakfleisch. Die meisten Menschen auf den Straßen sind keine Han-Chinesen, sondern Tibeter, haben lederfarbene Haut, etwas größere Augen und Supergene, mit denen sie die dünne Höhenluft besser vertragen.

Vor ein paar Jahren hat die Kommunistische Partei beschlossen, Daocheng zu einem Tourismusort auszubauen. Daher gibt es hier einen neu gestalteten Platz mit großer Berg-Skulptur und Regionalmuseum. In den umliegenden Straßen stehen ein paar schicke Hotels, die häufig ein “Grand” im Namen im tragen.

wp-1475329951888.gif

So richtig geht die Strategie bisher nicht auf. Viele der Gebäude wurden nie fertig gebaut, Touristen sind auf den Straßen wenige zu sehen. Stattdessen streunt ein fettes Schwein umher. Ein alter Mann knattert auf einem uralten Traktor vorbei, den Hänger mit Brennholz beladen, eine pechschwarze Rußwolke hinter sich herziehend.

Am nächsten Tag leihe ich mir mit Hana Fahrräder aus und wir erkunden die Hügel in der Umgebung. Beim Bergauffahren bilde ich mir ein, die Höhe zu spüren. Oder kann die Kondition von einem Sommer Isartraining so schnell wieder weg sein?
Nachmittags fahren wir zu viert weiter ins Dorf Riwa, das Tor zum Yading Naturreservat. Unser Fahrer lädt noch zwei weitere Passagiere ein. Wir sitzen zu siebt im Sechssitzer, als ein entgegenkommendes Auto Zeichen gibt: Eine Polizeistreife sei unterwegs. Schnell biegen wir von der Straße ab, parken hinter einer Mauer, bis wir im Rückspiegel die Polizei vorbei fahren sehen. Dann geht die Reise weiter, unterbrochen nur noch von den einen oder anderen Yakherde auf der Fahrbahn.

wp-1475515764177.jpg

In den Naturpark selbst kommt man nur per Bus. Der fährt heute nicht mehr, also beziehen wir Quartier in Riwa. Nach einem tibetischen Abendessen führt uns Police in eine Karaoke-Bar. Wir beziehen zu viert ein Separée. Auf dem Tisch stehen Bier und Popcorn, Melonenschnitze und Cocktail-Tomaten. Der Computer enthält neben allen wichtigen Hits der chinesischen und amerikanischen Popgeschichte auch Songs von Rammstein und Sarah Connor und “Dragosteo din tei” von O-Zone. Wir haben großen Spaß…

wp-1475515768712.jpg

Im Morgengrauen schleicht unser Bus die Passstraße nach oben. Die Aussicht auf die bestimmt ganz atemberaubenden Berge bleibt hinter dichtem Nebel versteckt. Es beginnt zu schneien. Frierend steige ich im Dorf Yading aus, schleppe mich von Haus zu Haus, auf der Suche nach einer Unterkunft. Wir quartieren uns in einem Haus aus groben, unverputzten Steinen ein. Es gibt keine Heizung.

Die nächsten Tage verbringe ich abwechselnd unter drei Decken im Bett und draußen in einer der schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe. Mich erstaunt vor allem, wie viel hier oben auf 4000 Metern noch wächst. Ab und an ziehen die Wolken auf und geben den Blick auf die umliegenden Sechstausender frei.

wp-1475515764177.jpg

Man könnte hier im Yading zu tagelangen Trekkingtouren durch die Wildnis aufbrechen. Leider fehlen mir dazu Ausrüstung, Zeit und auch die nötige Fitness. Ich merke, wie schnell mir hier oben die Luft ausgeht. Ich merke, wie mir der plötzliche Wintereinbruch zusetzt. Und ich merke, dass mein Knie nicht besonders gern tagelang in Bussen eingeklemmt ist. Also kann ich nur einen kleinen, ersten Eindruck von der Schönheit der tibetischen Berge mitnehmen. Ich werde wiederkommen müssen.

Am letzten Abend nimmt mich der Wirt meiner Herberge mit zu einem Besuch bei einer tibetischen Familie. In einem schummerigen, von einer nackt an der Decke baumelnden Glühbirne beleuchteten Raum kauern sie sich um einen Holzofen, essen Reis aus kleinen Schüsselchen und backen Hirsefladen über dem Feuer. Kein Tisch steht im Zimmer, zum Sitzen nur ein paar mickrige Schemel. Kaum zu glauben, dass ich immer noch in China bin. Dem Land der Megacities mit den höchsten Wolkenkratzern und den größten Shoppingmalls. Das Land, das manchen Statistiken zufolge bereits die stärkste Volkswirtschaft des Planeten ist. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum Ausländern eine Weiterreise noch tiefer in die tibetischen Gebiete verboten ist: Die erschreckende Armut soll der Welt verborgen bleiben.

wp-1475515777688.jpg

Nach einer knappen Woche im kargen, kalten Hochgebirge sehne ich mich, kaum zu glauben, tatsächlich etwas nach dem Trubel einer chinesischen Großstadt. Kurz überlege ich, zurück nach Chengdu zu fliegen. Allerdings sind über eine Woche alle Flüge ausgebucht. Ist wohl richtig so. Was man anfängt, sollte man auch auf ehrliche Art zu Ende bringen. Also ab zum Busbahnhof.

wp-1475515761065.jpg