2015 – die ersten Male

Diese Liste geht zurück auf die gleichnamige von David Bauer, der sie wiederum von Mathias Möller geklaut hat. HIgh five auch an Max, der zu recht angemerkt hat, dass mein diesjähriger Jahresrückblick in Listen etwas knapp ausgefallen ist. Hier also eine unvollständige Liste der Dinge, die ich 2015 zum ersten Mal gemacht oder erlebt habe:

  • Zum ersten Mal auf unbestimmte Zeit meine Heimatstadt Augsburg verlassen (auch dieser Punkt ist übernommen von David Bauer). Zuvor habe ich schon in Berlin, München und Wien, auf einer Berghütte im Allgäu und zweimal monatelang als Nomade aus meinem Rucksack gelebt, aber eben nie auf unbestimmte Zeit. Wobei es von Augsburg nach München jetzt auch nicht so der große Sprung ist und ich fast jede Woche zurück fahre, weil Plan B sein Hauptquartier in Augsburg hat.
  • Zum ersten Mal eine eigene Wohnung bezogen.
  • Zum ersten Mal in New York gewesen.
  • Zum ersten Mal in Kanada gewesen.
  • Zum ersten Mal Adler und Bären in freier Natur gesehen und gelernt, ein bärensicheres Zeltlager zu errichten.
  • Meinen ersten „richtigen Job“ angetreten.
  • Zum ersten Mal Lokaljournalismus gemacht. Es dabei sehr zu mögen gelernt, „nah am Leben“ zu sein, auch wenn das furchtbar doof klingt. Aber so lassen sich ziemlich umittelbar Dinge bewegen – etwa Abschiebungen verhindern.
  • Zum ersten Mal backstage auf einem Festival rumgehangen.
  • Zum ersten Mal auf einem Parteitag gewesen.
  • Zur Akkreditierung auf selbigem erstmals ein Fax verschickt. Hoffentlich auch zum letzten Mal.
  • Zum ersten Mal ein Konzert meiner eigenen Band vepasst. Ich war tausende Meilen weit weg und die Jungs musste ohne Drummer auskommen. Haben sie toll gemacht, trotzdem kein gutes Gefühl.
  • Zum ersten Mal Injera gegessen. Und an einem Thanksgiving-Dinner teilgenommen.
  • Zum ersten Mal an einer buddhistischen Zeremonie teilgenommen.
  • Zum ersten Mal mit Menschen aus Ghana, Ruanda, dem Sudan, dem Senegal, Uganda und Eritrea gesprochen.
  • Zum ersten Mal die Freiheit gefunden.
  • Zum ersten Mal ein Jahr mit einem Purzelbaum beendet.

Das war 2015

Das war ein aufregendes Jahr: Ich bin drei Monate durch Nordamerika gereist, anschließend nach München gezogen und habe ein Volontariat bei der SZ angefangen. Ansonsten hat sich vieles um Plan B gedreht: Wir haben ein Bandcamp in Franken gemacht, ein paar Konzerte gespielt und Ende des Jahres mit den Aufnahmen zu unserem zweiten Album begonnen. Mein Jahr in Listen:

Bereiste Länder

  • Kanada (erstmals)
  • Österreich
  • Schweiz
  • Vereinigte Staaten von Amerika

Gelesene Bücher

  • Oliver Ashford: Prophet – or Professor? The Life and Work of Lewis Fry Richardson
  • Jörg Böckem, Henrik Jungaberle, Immanuel Jork, Julia Kluttig: High sein
  • Robert S. Boynton: The New New Journalism
  • Robin Cook: Fatal Cure
  • Rick Curtis: The Backpacker’s Field Manual
  • Don DeLillo: Cosmopolis
  • William Faulkner: Licht im August
  • Giles Foden: Turbulence
  • Frederick Forsynth: Der Schakal
  • Jonathan Franzen: Unschuld
  • Wolf Haas: Das Wetter vor fünfzehn Jahren
    Mein erstes, aber eher nicht mein letztes Buch von Haas. Sehr witzig. Und irgendwie sehr österreichisch, glaube ich.
  • Jodi Kantor: The Obamas
  • Jack Kerouac: On The Road
  • Jon Krakauer: Into the Wild
    Der Film gehört seit vielen Jahren zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Seither habe ich oft gehört, dass das Buch ja noch viel besser sei. Ein Interview, in dem Krakauer über seine Arbeit daran spricht (im Buch New New Journalism, siehe oben) hat mich jetzt dazu gebracht, es endlich zu lesen. Und zwar in einem Zelt in der amerikanischen Wildnis.
  • Mercedes Lauenstein: Nachts
  • Charlie LeDuff: Detroit
  • Peter Lynch: The Emergence of Numerical Weather Prediction – Richardson’s Dream
  • John McPhee: Coming Into The Country
  • Nate Silver: The Signal and the Noise
    Auch das habe ich viel zu spät gelesen. Pflichtlektüre für alle, die sich für Wahrscheinlichkeiten interessieren. Silver schreibt über Prognosen aller Art: über die Vorhersage des Wetters, von Wahlen, Baseballspielen, Wirtschaftszahlen. Gut geschrieben und hoch interessant. Auch da ist meine Erinnerung mit einem Ort verknüpft, wo ich Teile davon gelesen habe: im 67. Stock des Rockefeller Center in New York.
  • Robert Sullivan: Cross Country (halb)
  • Leonard Susskind: The Black Hole War (halb)
  • Amy Waldman: Der amerikanische Architekt
  • Roger Willemsen: Das Hohe Haus
  • Tom Wolfe: The Right Stuff
  • Gao Xingjian: Das Buch eines einsamen Menschen
  • Kim Zetter: Countdown to Zero Day (cont.)

Besuchte Konzerte

  • Beatsteaks (Deichbrand)
  • Bosse (München)
  • Clueso (Deichbrand)
  • Donots (Zürich, Deichbrand, München)
  • Femoral (Los Angeles)
  • Fettes Brot (München)
  • Heisskalt (Deichbrand, Lindau am Bodensee)
  • Herbert Grönemeier (München)
  • Itchy Poopzkid (Deichbrand)
  • Jennifer Rostock (Deichbrand)
  • Lyvten (Zürich)
  • Madsen (München)
    Bestes Konzert des Jahres. Bin eigentlich wegen der Vorband hingegangen. Mann, war das eine fette, energiereiche Show.
  • Montreal (Deichbrand, München)
  • The Notwist (München)
  • The Revivalists (New Orleans)
  • Shemekia Copeland (Chicago)
  • Sportfreunde Stiller (München)
  • The Street Legends Brass Band (New Orleans)
  • The Subways (Deichbrand)
  • Tank and the Bangas (New Orleans)
  • Tocotronic (Deichbrand)
    Vorher nie live gesehen, Überraschungsfavorit des Jahres. Die haben auf dem Deichbrand nachts um halb zwei oder so auf einer kleinen Zeltbühne gespielt. Ich war müde und wollte nur noch in ein, zwei Songs reinhören. Bin dann bis zum Schluss geblieben.
  • Torben Tietz (Augsburg)
  • Wanda (München)

Plan! B! Zehn!

Es gibt wichtige Neuigkeiten aus dem Hause Plan B (der Band, bei der ich seit 10 Jahren an den Trommeln sitze):

Freunde! Nehmt mal bitte einen dicken schwarzen Filzstift in die Hand. Schlagt euren Kalender auf und blättert zum 19. März 2016. Da schreibt ihr bitte in großen Buchstaben „PLAN B ZEHN“ rein. „PLAN B 10“ ist auch okay, je nach Platz. Da haben wir jedenfalls Geburtstag. Und bringen unser neues Album raus, das „In Sachen Lärm“ heißen wird. 10 diebestezeitunsereslebens Jahre sind wir jetzt unterwegs. Unterwegs in Sachen Lärm. Das wollen wir feiern. Mit euch und uns und großartigen Gästen. Es wird ein lauter Abend in der Ballonfabrik Augsburg. 19. März 2016. Plan! B! Zehn!

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Bitte folgt Plan B auf Facebook.

Krumme Gurken

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Dieses Wochenende haben wir die erste Lieferung von „Etepetete“ bekommen. Das ist eine Münchner Gemüse-Lieferkiste mit einer Besonderheit: Rein kommt nur Gemüse, dass nicht norm-gerecht ist und daher nicht in den regulären Handel kam. Das können zum Beispiel zweibeinige Karotten sein, zu große Kartoffeln oder Paprika, die sich nicht zwischen rot und grün entscheiden konnten. Die legendäre krumme Gurke war in der ersten Lieferung nicht dabei, aber das kommt bestimmt noch.

Etepetete ist ein Projekt dreier Mitt-Zwanziger, die das Gemüse bei Bio-Bauern und -Gärtnern im Münchner Umland einsammeln. Die Zusammenstellung ist jede Woche anders und erst bekannt, wenn man zu Hause die Kiste aufmacht. Gut fanden wir bei der ersten Fuhre, das auch viel länger haltbares Zeug dabei war: Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln. So muss man die vollen fünf Kilo nicht in ein paar Tagen verarbeiten. Bis auf die optischen Macken war die Ware makellos. Die Etepetete-Kiste kann wöchentlich oder alle zwei, drei oder vier Wochen bestellt werden.

Die Kiste kostet 19,90 Euro, also im Schnitt vier Euro pro Kilo. Ob das ein guter Preis ist, hängt von der Zusammenstellung ab. Andere Gemüsekisten-Anbieter geben das Gesamtgewicht einer Box nicht an, da ist kein Vergleich schwierig. Beim Rewe-Lieferdienst kosten beispielsweise Bio-Paprika 7,48 pro Kilo, Kartoffeln oder Zwiebeln etwa sind deutlich billiger als vier Euro. Bei Rewe kommen noch Liefergebühren zwischen drei und fünf Euro dazu, dafür kann man sich seine Lieferung frei zusammenstellen. Wobei dieses Überraschungselement auch spannend ist. Und Sachen wie Mangold oder Pastinaken, beides in unserer ersten Kiste drin, haben die Discounter und Supermärkte meistens gar nicht im Sortiment.

  • Eine andere, etwas aufregendere Methode zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung ist das Containern.

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Naivität scheidet aus

Meine erste Reaktion auf diese dreiste und simple Manipulation der Regelungssoftware bei VW: Wie konnten die so naiv sein zu glauben, dass sie damit vielleicht durchkommen? Dass das wirklich keiner merkt? Wenn ich ein bisschen weiterdenke, erscheint Naivität als Erklärung aber unplausibel. Das Management von VW ist bis zum obersten Boss mit Ingenieuren besetzt. Das sind Leute, die haben was im Kopf, die können denken und mit Zahlen umgehen. Naiv im klassischen Sinn werden da die wenigsten sein.

Die meisten VW-Manager werden eine ungefähre Vorstellung von Wahrscheinlichkeitsrechnung haben. Ein Außenstehender wie ich kennt aus den Medien nur die Fälle, in denen ein solcher Betrug aufgeflogen ist. Klar. Also muss ich für das Entdeckt-werden eines solchen Betrugs eine Wahrscheinlichkeit von hundert Prozent annehmen: Jeder Fall, den ich kenne, ist aufgeflogen. Jetzt unterstelle ich dem VW-Manager eben, dass er nicht doof ist. Also würde er nichts machen, wo er eine Erfolgswahrscheinlichkeit von oder nahe null Prozent sieht.

Das lässt nur einen Schluss zu: Dieser VW-Manager muss mehr wissen als ich. Der muss zumindest ein paar Fälle kennen, wo VW oder ein anderer Betrieb mit einer ähnlichen Masche durchgekommen ist. Es muss also eine ganze Reihe an ähnlich dreisten, ähnlich großangelegten Betrugsfälle, von denen nie einer was gemerkt hat. Nur so gibt das alles Sinn. Oder hab‘ ich da jetzt einen Denkfehler?

Die Kirche, das Geld und die Flüchtlinge

Schon seit längerem erscheinen mir die Kirchen in der Flüchtlingsfrage relativ still. In Rom findet der Papst sehr klare Worte. Aber was machen die Bischöfe und Pfarrer vor Ort? Nun habe ich eine Geschichte gefunden, die meinen Verdacht ein Stück weit bestätigt. In Parsdorf im Landkreis Ebersberg besitzt die Kirche ein großes Wirtshaus, das seit über einem Jahr leersteht. Das Landratsamt hat bereits 2014 angefragt, ob dort Flüchtlinge einziehen könnten. Stattdessen bereitet die Kirche nun einen Verkauf vor. Überzeugende Gründe, warum der Gasthof als Flüchtlingsunterkunft nicht in Frage kommt, konnten die Verantwortlichen auf meine Nachfragen nicht nennen. Hier die ganze Geschichte in der Ebersberger SZ.

Schuld und Bühne

Das war eine der eher spaßigen Recherchen: Im Juli war ich mit der Band Montreal unterwegs auf dem Deichbrand-Festival in Cuxhaven. Total spannend, hinter die Kulissen so einer Veranstaltung zu schauen. Und natürlich total super, nach dem Konzert mit den Jungs von Montreal (mit denen wir vor vielen Jahren im Augsburger Kerosin gespielt haben) abzuhängen.

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In der Woche darauf hatte ich einen völlig anderen Termin: Da war ich in Berlin auf dem Sozialgericht und habe mir Verhandlungen angesehen, zu so Themen wie Schwerbehindertenrecht. Auch spannend.

Beide Termine waren für das selbe Projekt: Yonas, der Gitarrist von Montreal, ist im Hauptberuf nämlich Richter. Ich habe ihn auf beiden Seiten seines Doppellebens begleitet. Seine Geschichte steht am Dienstag unter dem Titel „Der Richter und sein Tourbus“ in der Süddeutschen Zeitung und kann hier auch online gelesen werden.

Was wir brauchen, ist Mittelmaß

In der New York Times erschien heute ein Artikel namens „Inside Amazon“. Es geht um die Arbeitsbedingungen in der Amazon-Zentrale in Seattle. Also nicht um das Fußvolk in den Lagern des Versandhändlers, über dessen Ausbeutung ja schon oft berichtet wurde. Sondern um Software-Entwickler, Vertriebler, Manager. White-collar nenenn das die Amis, frei übersetzt also Hemdenträger. Amazon-Chef Jeff Bezos hat demnach einmal geschrieben, man könne sich bei ihm nicht zwischen viel Arbeit, harter Arbeit oder schlauer Arbeit entscheiden: Man müsse alles drei bringen. Amazon hat ein ausgeklügeltes System, um die Leistung seiner Mitarbeiter ständig genau zu erfassen und in Zahlen auszudrücken. In Sitzungen soll Kritik nicht diplomatisch, sondern schonungslos formuliert werden, alles andere schade der Qualität. Mitarbeiter sind aufgefordert, ihre Kollegen per Online-Tool bei Vorgesetzten zu bewerten.

In dem Text erzählen Amazon-Mitarbeiter, sie würden keinen einzigen Kollegen kennen, der noch nie in der Arbeit geweint hätte. Es ist von 80-Stunden-Wochen die Rede und von Telefonkonferenzen am Ostersonntag und sogar am den Amerikanern heiligen Thanksgiving. Von MItarbeitern, die nach einer Krebserkrankung, einem Pflegefall in der Familie oder einer Fehlgeburt brutal aus dem Job gedrängt wurden. Weil sie durch die private Extremsituation den hohen Anforderungen im Job zeitweilig nicht perfekt entsprechen konnten.

Auf den Punkt: Arbeitsbedingungen und Leistungsdruck bei Amazon sind extrem hart und extrem unmenschlich.

Gut, denkt man sich: Sollen die Leute, die diesen Ansprüchen nicht genügen können oder wollen, halt woanders arbeiten. Aber dank Amazon gibt es dieses Woanders immer weniger. Amazon fährt einen Verdrängungskurs gegen zig Branchen auf einmal, gegen den Einzelhandel, Verlage, Videotheken und Fernsehsender. Und wer bisher verschont blieb, kommt als nächstes dran.

Was Bezos bei Amazon nicht dulden und überall anders vernichtet, hat einen Namen: Mittelmäßigkeit. Die Beratung bei einem typischen Karstadt-Einkauf zum Beispiel ist ja eher mittelmäßig. Vielleicht sind auch Vertrieb und Marketing und Management bei Karstadt eher mittelmäßig und vielleicht ist Karstadt darum andauernd beinahe-pleite bis pleite, weil diese Karstadt-Mittelmäßigkeit mit dieser Amazon-Extremperformance nicht mithalten kann. Wenn man das weiterdenkt, zerschlägt sich das Argument, dass wer Amazon nicht will halt woanders arbeiten soll: Das Ziel von Amazon ist ja, dass es bald kein Woanders mehr gibt.

Mittelmäßigkeit hat einen nicht nur mittelmäßigen, sondern eher einen schlechten Ruf. Und wenn irgendwann ein seltener Tumor bei mir entdeckt wird, möchte ich auch, dass die beste Chirurgin der Welt den rausschneidet. Aber der Assistenzarzt, der am nächsten Tag die Nachkontrolle übernimmt, und die Krankenschwester, die mir den Verband wechselt, die können doch durchaus auch mittelmäßig sein.

Es gibt für Mittelmäßig noch einen anderen Begriff: Ordentlich. Ich glaube, wir brauchen ein paar wenige Leute, die richtig richtig gute Arbeit machen. Wir brauchen aber auch sehr viele Leute, die einfach ordentliche Arbeit machen.

Eine Welt, in der von jedem jederzeit Exzellenz verlangt wird, lässt erstens sehr viele Menschen zurück. Und diejenigen, die in der Lage sind den Anforderungen zumindest eine Zeitlang zu genügen: Wollen die wirklich in so einer Welt leben? Eine Welt, in der Mittelmäßigkeit keinen Platz findet, ist eine totalitäre, grausame Welt.

Ich habe heute übrigens meinen Amazon-Account löschen lassen. Anscheinend ist es für Jeff Bezos wichtig, dass irgendjemand dafür noch am Sonntag Vormittag eine Bestätigungsmail schreibt. Mir hätte es auch am Montag Nachmittag gereicht.

Öko-Klamotten aus Augsburg

Morgen startet der FCA in seine fünfte Bundesliga-Saison. Diese an sich schon schöne Sache hat den ebenfalls schönen Nebeneffekt, dass den Menschen zum Thema Augsburg inzwischen manchmal mehr einfällt als die olle Puppenkiste. Und Hell Yeah, bald gibt es diese Menschen ja in ganz Europa.

Keine Angst, ich werde hier nicht über Fußball schreiben. Auch das Grandhotel Cosmopolis hat viel zu Augsburgs neuem, nicht mehr ganz so provinziellem Image beigetragen. Aber auch darum geht es mir nicht.

Team-Degree-Fabian-Wolfgang_blog

Nessa Ina Photographie

Ich will auf das nächste große Ding am Lech hinaus: ein faires, ökologisches und auch noch äußerst schickes Klamottenlabel names Degree Clothing. Ich habe die Jungs in den letzten Monaten immer wieder getroffen und kam immer verändert nach Hause. Fabi und Wolfgang machen ihr Ding mit einer dermaßen ansteckenden Leidenschaft und Begeisterung, Wahnsinn.

Ich finde, wir Journalisten könnten ruhig öfter positive Geschichten erzählen, von Leuten, die mit ihren Ideen die Welt ein bissl besser machen. Darum habe ich mit den Degree-Menschen im Juli ein Interview geführt. Die Jungs kamen gerade von einem Festival, ich auch, wir saßen zwischen den Kartons mit ihrer neuen Kollektion und haben uns über die Kaputtheit der Textilindustrie unterhalten, über neuartige Klamotten aus Brennnesseln und das Umsetzen verrückter Ideen. Jetzt ist das Gespräch bei Spiegel Online erschienen. Lest es, schaut im Laden am Oberen Graben vorbei und lasst euch von der Begeisterung der beiden anstecken.

The German Energiewende

Vor knapp zwei Wochen, der aufmerksame Zeitungsleser weiß es vielleicht, haben 36 Nobelpreisträger am Bodensee eine Erklärung zum Klimaschutz unterschrieben. Am Tag vorher gab es eine Pressekonferenz mit dem Initiator Brian Schmidt und vier weiteren Nobels: Pete Doherty, David Gross, George Smoot und dem ehemaligen US-Energieminister Steven Chu.

Steven Chu unterzeichnet die Mainau Declaration. Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Steven Chu unterzeichnet die Mainau Declaration. Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Die Herren hören sich alle ziemlich gern reden (Schmidt versuchte das einzudämmen, aus seiner Sicht hätte es gereicht wenn er selbst viel redet), und so war man bald über dem angesetzten Zeitlimit und es wurde schon mehrfach angekündigt, das sei nun wirklich die letzte Frage.

Ich wollte noch wissen, was die Herren eigentlich über die deutsche Energiewende denken. Kurz vorher kam ich aus Amerika zurück, wo ich mehrmals darauf angesprochen wurde. Ich traf mitten im Urwald eine Wanderin, und nach zwei drei Sätzen Small-Talk erzählte sie, wie begeistert sie doch sei von dieser Energiewende. Mich interessierte, ob die Nobelpreisträger auch so überzeugt sind vom deutschen Abenteuer, aus Kohlenstoff-Verbrennung und Nuklearenergie gleichzeitig auszusteigen. Da aber die Zeit eben fortgeschritten war, wollte ich die Sache kurz machen:

Sie können meine Frage sehr schnell beantworten, auf nonverbale Art. Bitte heben Sie die Hand, wenn Sie glauben dass man den Planeten von der Erderwärmung retten kann, ohne Atomkraft zu nutzen.

Chu und Schmidt hoben die Hand. Doherty und Smoot ließen ihre unten. Gross hatte die Hand oben, aber er muss die Frage falsch verstanden haben, denn er setzte zugleich zu einem Pladoyer für Atomkraft an [gekürzt]:

Ich bringe meine Unterstützung für Atomenergie zum Ausdruck, als eine moderne, sichere Energiequelle. Deutschland – da Sie ja aus Deutschland kommen – verhält sich da sehr unverantwortlich bei diesem Thema. Sie hatten eine Reihe fortschrittlicher Nuklearanlagen zur Stromversorgung. Als Reaktion auf emotionale und politische Argumente und der Angst vor einem Tsunami, der nach einem Erdbeben über den Atlantik kommen könnte, schalten Sie die jetzt alle ab. Zu einem enormen Preis für Europa und die Umwelt, entgegen Ihrer Ziele zur Senkung der CO2-Emissionen. Ich verstehe das nicht. Deutschland hat eine fortschrittliche, rationale Kultur. Ich verstehe es wirklich nicht.

Steven Chu argumentierte etwas differenzierter:

Ich war nicht glücklich, als Deutschland vorhandene Atomanlagen vor dem Ende der Lebenszeit abgeschaltet hat. Aber das ist Deutschlands Entscheidung. Es gibt auch Staaten in den USA, die sich gegen Atomkraft entschieden haben, das ist deren Entscheidung. Aber Atomkraft hat ein Problem, wir wissen nicht wie wir die nächste Generation rechtzeitig und im Kostenplan bauen sollen. Die Projekte sind alle hinter dem Zeitplan und werden viel zu teuer. Die kommen bis zum Ende ihrer Lebenszeit nicht mehr in die Gewinnzone. Erneuerbare Energien holen sehr schnell auf. Windenergie kostet ohne Subventionen inzwischen nur noch das gleiche wie Kohle. Aber es wird vier oder fünf Jahrzehnte dauern, um den Übergang hinzukriegen. Beispielsweise müssen wir Offshore-Wind deutlich günstiger machen, er kostet derzeit dreimal soviel wie Onshore. Dann wäre die Versorgung viel verlässlicher. Für den Übergang wäre Nuklearenergie nützlich.