Windmühen

Illustration: Stefan Dimitrov

Strom kommt nicht aus der Steckdose und bald auch nicht mehr aus dem Atomkraftwerk. Wo der Strom stattdessen in Zukunft herkommt, das entscheidet sich in den Bürgersälen und Turnhallen der Republik. Im ganzen Land rebellieren die Bürger gegen Windkraftpläne. In Orten wie Mahlstetten auf der schwäbischen Alb steht oder fällt die Energiewende.

Der Konfliktberater Christoph Ewen versucht den Streit um die Windkraft so zu moderieren, dass Nachbarn darüber nicht zu Feinden werden. Ich war mit Ewen für die SZ unterwegs und habe mir im 800-Einwohner-Dorf Mahlstetten einen solchen Streit exemplarisch näher angesehen. Hier die Reportage.

Öko-Klamotten aus Augsburg

Morgen startet der FCA in seine fünfte Bundesliga-Saison. Diese an sich schon schöne Sache hat den ebenfalls schönen Nebeneffekt, dass den Menschen zum Thema Augsburg inzwischen manchmal mehr einfällt als die olle Puppenkiste. Und Hell Yeah, bald gibt es diese Menschen ja in ganz Europa.

Keine Angst, ich werde hier nicht über Fußball schreiben. Auch das Grandhotel Cosmopolis hat viel zu Augsburgs neuem, nicht mehr ganz so provinziellem Image beigetragen. Aber auch darum geht es mir nicht.

Team-Degree-Fabian-Wolfgang_blog

Nessa Ina Photographie

Ich will auf das nächste große Ding am Lech hinaus: ein faires, ökologisches und auch noch äußerst schickes Klamottenlabel names Degree Clothing. Ich habe die Jungs in den letzten Monaten immer wieder getroffen und kam immer verändert nach Hause. Fabi und Wolfgang machen ihr Ding mit einer dermaßen ansteckenden Leidenschaft und Begeisterung, Wahnsinn.

Ich finde, wir Journalisten könnten ruhig öfter positive Geschichten erzählen, von Leuten, die mit ihren Ideen die Welt ein bissl besser machen. Darum habe ich mit den Degree-Menschen im Juli ein Interview geführt. Die Jungs kamen gerade von einem Festival, ich auch, wir saßen zwischen den Kartons mit ihrer neuen Kollektion und haben uns über die Kaputtheit der Textilindustrie unterhalten, über neuartige Klamotten aus Brennnesseln und das Umsetzen verrückter Ideen. Jetzt ist das Gespräch bei Spiegel Online erschienen. Lest es, schaut im Laden am Oberen Graben vorbei und lasst euch von der Begeisterung der beiden anstecken.

The German Energiewende

Vor knapp zwei Wochen, der aufmerksame Zeitungsleser weiß es vielleicht, haben 36 Nobelpreisträger am Bodensee eine Erklärung zum Klimaschutz unterschrieben. Am Tag vorher gab es eine Pressekonferenz mit dem Initiator Brian Schmidt und vier weiteren Nobels: Pete Doherty, David Gross, George Smoot und dem ehemaligen US-Energieminister Steven Chu.

Steven Chu unterzeichnet die Mainau Declaration. Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Steven Chu unterzeichnet die Mainau Declaration. Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Die Herren hören sich alle ziemlich gern reden (Schmidt versuchte das einzudämmen, aus seiner Sicht hätte es gereicht wenn er selbst viel redet), und so war man bald über dem angesetzten Zeitlimit und es wurde schon mehrfach angekündigt, das sei nun wirklich die letzte Frage.

Ich wollte noch wissen, was die Herren eigentlich über die deutsche Energiewende denken. Kurz vorher kam ich aus Amerika zurück, wo ich mehrmals darauf angesprochen wurde. Ich traf mitten im Urwald eine Wanderin, und nach zwei drei Sätzen Small-Talk erzählte sie, wie begeistert sie doch sei von dieser Energiewende. Mich interessierte, ob die Nobelpreisträger auch so überzeugt sind vom deutschen Abenteuer, aus Kohlenstoff-Verbrennung und Nuklearenergie gleichzeitig auszusteigen. Da aber die Zeit eben fortgeschritten war, wollte ich die Sache kurz machen:

Sie können meine Frage sehr schnell beantworten, auf nonverbale Art. Bitte heben Sie die Hand, wenn Sie glauben dass man den Planeten von der Erderwärmung retten kann, ohne Atomkraft zu nutzen.

Chu und Schmidt hoben die Hand. Doherty und Smoot ließen ihre unten. Gross hatte die Hand oben, aber er muss die Frage falsch verstanden haben, denn er setzte zugleich zu einem Pladoyer für Atomkraft an [gekürzt]:

Ich bringe meine Unterstützung für Atomenergie zum Ausdruck, als eine moderne, sichere Energiequelle. Deutschland – da Sie ja aus Deutschland kommen – verhält sich da sehr unverantwortlich bei diesem Thema. Sie hatten eine Reihe fortschrittlicher Nuklearanlagen zur Stromversorgung. Als Reaktion auf emotionale und politische Argumente und der Angst vor einem Tsunami, der nach einem Erdbeben über den Atlantik kommen könnte, schalten Sie die jetzt alle ab. Zu einem enormen Preis für Europa und die Umwelt, entgegen Ihrer Ziele zur Senkung der CO2-Emissionen. Ich verstehe das nicht. Deutschland hat eine fortschrittliche, rationale Kultur. Ich verstehe es wirklich nicht.

Steven Chu argumentierte etwas differenzierter:

Ich war nicht glücklich, als Deutschland vorhandene Atomanlagen vor dem Ende der Lebenszeit abgeschaltet hat. Aber das ist Deutschlands Entscheidung. Es gibt auch Staaten in den USA, die sich gegen Atomkraft entschieden haben, das ist deren Entscheidung. Aber Atomkraft hat ein Problem, wir wissen nicht wie wir die nächste Generation rechtzeitig und im Kostenplan bauen sollen. Die Projekte sind alle hinter dem Zeitplan und werden viel zu teuer. Die kommen bis zum Ende ihrer Lebenszeit nicht mehr in die Gewinnzone. Erneuerbare Energien holen sehr schnell auf. Windenergie kostet ohne Subventionen inzwischen nur noch das gleiche wie Kohle. Aber es wird vier oder fünf Jahrzehnte dauern, um den Übergang hinzukriegen. Beispielsweise müssen wir Offshore-Wind deutlich günstiger machen, er kostet derzeit dreimal soviel wie Onshore. Dann wäre die Versorgung viel verlässlicher. Für den Übergang wäre Nuklearenergie nützlich.

Ausgezeichneter Unsinn

Eine Begegnung mit Nobelpreisträger und Klimaskeptiker Ivar Giaever

(c) Adrian Schröder/Lindau Nobel Laureate Meetings

(c) Adrian Schröder/Lindau Nobel Laureate Meetings

Beinahe wäre es das Beste, Ivar Giaever einfach zu ignorieren: Er ist ein alter Mann, der unsinnige Dinge sagt. Zu Themen, von denen er nach eigenem Bekunden nicht viel Ahnung hat.

Aber da gibt es ein Problem: Giaever ist Physik-Nobelpreisträger. Wenn er spricht, dann in großen Sälen. Im Publikum sitzen dann die besten Nachwuchswissenschaftler der Welt. Sie hören zu, wie er den Klimawandel bestreitet, mit einer Mischung aus Halbwahrheiten und Polemik. Ein paar klatschen sogar am Ende. Anschließend wird er dann von großen Zeitungen zitiert: Schaut her, wenn selbst Nobelpreisträger sagen, es gibt keinen Klimawandel – dann MUSS da doch was dran sein!

Also muss man sich mit Ivar Giaever auseinandersetzen. Ich habe ihn diese Woche auf der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee getroffen. Das kann man hier bei Spiegel Online nachlesen.

  • Update: Auf der gleichen Tagung haben 36 Nobelpreisträger eine entschiedene Erklärung für mehr Klimaschutz unterzeichnet.
  • Vor zwei Jahren traf ich in Lindau den mexikansichen Chemiker Mario Molina und sprach mit ihm auch über den medialen Lärm der Klimaskeptiker gesprochen.

Zurück auf Los

Wie ein Bio-Unternehmer seinen Idealismus wiederfand

Stefan Maran war ein Pionier der Bio-Bewegung, baute die Handelskette BioMaran auf. Desillusioniert über die Entwicklung der Branche, verkaufte er alles. Dann wagt er einen Neubeginn.

Im Juli 2013 starteten Stefan Maran und seine Frau Josefine ein neues Projekt: MaranVegan ist Österreichs erster Supermarkt ohne Tierprodukte. Denn für die Marans ist artgerechte Tierhaltung auch in der Bio-Landwirtschaft selten. Im Kühlregal von MaranVegan liegen Tofu-Bratwürste und Garnelen-Imitate. Durch niedrige Regale und warmes Licht wirkt der Laden hell und übersichtlich. Die fehlende Beschallung mit Chartmusik und Werbung schafft eine angenehme Ruhe, Kunden und Angestellte scheinen entspannt. Im integrierten Bistro gibt es Cappuccino mit Sojamilch und wechselnde Tagesgerichte.

Hier sitzt Maran nun, elegant in schwarz gekleidet, mit Brille; die langen, grauen Haare zur Seite gekämmt. Der 60-Jährige rührt Zucker in seinen Espresso, beginnt leise und konzentriert zu erzählen. Seit 28 Jahren ist er im Bio­-Geschäft; seine Geschichte spiegelt die der ganzen Branche.

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Stefan Maran in seinem Geschäft (Juni 2014)

Als Maran 1974 aus Rumänien nach Österreich einwandert, arbeitet er zunächst auf dem Bau. Er lernt seine heutige Frau Josefine kennen, eine gelernte Drogistin. Die Beiden stoßen auf einen insolventen Bioladen, den sie 1986 übernehmen. Da steht die Branche noch am Anfang, sie leisten viel Pionierarbeit.

1998 fühlen sich die Marans bereit für den nächsten Schritt: Auf den kleinen Laden folgt der Supermarkt BioMaran. Zu dieser Zeit beginnt ein Bio-Boom: Von 1997 bis 2010 vervierfacht sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche dagegen wächst deutlich langsamer; die Waren kommen zunehmend aus dem Ausland.

Die Marans wachsen mit, eröffnen weitere Filialen und ersetzten kleine Lieferanten durch Großbetriebe: “Der Kunde erwartet, dass der Apfel aus jeder Filiale gleich schmeckt.” Manchmal sind es auch die Bauern, die die Zusammenarbeit beenden. “Die haben gesagt: ‘Ihr gehört jetzt zu den Großen, euch beliefern wir nicht mehr.’“

An dieser Stelle bekommt Marans Stimme einen Anflug von Bitterkeit. „Wir waren Getriebene, sind kaum zum Nachdenken gekommen.“ 2010 haben sie genug und verkaufen ihre sechs Filialen. Sein Fazit: “Für mich ist das Bio-Projekt gescheitert. Heute sind es die gleichen Abläufe wie im konventionellen Handel, Bio ist nur die grüne Farbe auf dem Etikett.“

Rückzug in die ländliche Idylle

Wer Bio-Lebensmittel kauft, hat ein Bild im Kopf: Von Kühen, die auf grünen Wiesen grasen, und Schweinen, die sich vergnügt im Dreck suhlen. Beide umsorgt von einem naturliebenden Bauern, der nebenbei Tomaten und Salat anbaut. Dieses Bild ermöglicht den Mehrpreis, den Konsumenten für Bio bezahlen.

“Das Charmante, Überschaubare gibt es kaum noch”, sagt Stefan Maran. “Neulich zeigte mir ein Lieferant ein Feld, auf dem bis zum Horizont nur Karotten wachsen.” Die Branchengrößen sind heute börsennotiert und bewirtschaften zehntausende Hektar.

Wer in Europa Nahrung als Bio kennzeichnen will, muss die Anforderungen der EG-Öko-Verordnung erfüllen. Vorgeschrieben sind etwa der Verzicht auf Gentechnik, Pestizide und Kunstdünger sowie mehr Platz für die Tiere. Dennoch ermöglicht die Verordnung die Herstellung von Bio-Produkten für den Massenmarkt. Für ein paar Cent Aufpreis gibt es Milch und Eier mit Bio-Label in jedem Discounter. Werte wie regionale, kleinteilige Strukturen und faire Geschäftsbeziehungen bleiben dabei auf der Strecke. “Das funktioniert längst industriell”, sagt Stefan Maran. “Für mich gibt es keinen Unterschied, ob man Discounter-Bio kauft oder konventionelle Ware.”

Das sieht inzwischen auch die EU-Kommission so. Die Öko-Verordnung sei „durch Ausnahmen und unklare Bestimmungen weichgespült“, heißt es in einem internen Dokument, aus dem Mitte Januar der SPIEGEL zitierte. Die EU will die Regeln deutlich verschärfen. Sonst drohe der Verlust des Verbrauchervertrauens.

Nach dem Verkauf ihrer Supermarkt-Kette zogen sich die Marans auf einen kleinen Bauernhof ins Burgenland zurück, “um den Radieschen beim Wachsen zuzuschauen”. Belustigt erzählt der energiegeladene Unternehmer von dieser Idylle. “Das gemächliche Tempo der Natur waren wir nicht gewöhnt”. Daher der Neubeginn mit MaranVegan. Nebenbei führen sie den Hof weiter, das im Laden verkaufte Obst und Gemüse stammt zum Teil aus eigenem Anbau. Ihre Kette verkauften die Marans damals aus Unzufriedenheit, aber zu einem günstigen Zeitpunkt. So haben sie jetzt ein finanzielles Polster, das sie den Neustart gelassener angehen lässt, nachhaltiger für die Umwelt und sich selbst. “Wir müssen wirtschaftlich nicht mehr alles raus holen”, sagt Stefan Maran, “wir gehen abends entspannter schlafen.” Man möchte ihm das glauben, wenn man sieht, wie er lässig durch sein Geschäft schlendert. Mit ehrlichem Lächeln ruft er Stammkunden zum Abschied ein paar Worte zu. Maran hat seinen Platz zwischen Unternehmertum und Idealismus gefunden.

Recherchiert und geschrieben im Januar 2014

Elektro-Lastenräder für Berlin

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In Metropolen sind Fahrradkuriere oft die schnellste Möglichkeit, wichtige Dokumente von A nach B zu bringen. Mit ihren leichten Rennrädern schlängeln sich die Kuriere zwischen den kriechenden Autos durch und müssen am Zielort keinen Parkplatz suchen.

Das Berliner Start-up Velogista überträgt dieses Erfolgsprinzip auf den Warentransport. Wenn es also um mehr geht als um ein paar Blätter Papier, die der Kurier in seinen Rucksack steckt. Velogista verwendet Lastenräder, die bis zu 250 Kilogramm transportieren können – unterstützt durch einen Elektromotor. Der Kastenaufbau am Heck der Fahrräder hat Platz für eine Europalette. Dank des 250 Watt-Motors würden die Kuriere dennoch eine Geschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde schaffen, schrieb mir Milan von Velogista. Eine Akkuladung reiche für 60 bis 70 Kilometer.

blog_2Die Akkus der Fahrrad-Flotte werden mit Ökostrom aufgeladen. Das Transportkonzept verschont also nicht nur die Stadt mit Abgasen und Lärm, sondern ist auch klimafreundlich. Derzeit bedient Velogista mit zwei Fahrzeugen nach eigenen Angaben 30 Kunden in Berlin, für die sie mit einer eigenen Logistiksoftware auch die Tourenplanung übernimmt. Darunter ist zum Beispiel eine Firma, die Haushalte mit Biokisten beliefert. Bei deren Kunden kommen die Öko-Kuriere bestimmt gut an.

Heute startet Velogista mit einer Crowdfunding-Kampagne. Damit will die Firma unter anderem drei weitere Lastenräder  finanzieren. Langfristig wollen die Kreuzberger in andere Städte expandieren.

Verpackungsfrei einkaufen

Vier Millionen Tonnen Verpackungsmüll werden in Deutschland pro Jahr produziert. Ein Geschäft in Wien zeigt, dass es auch anders geht – zum Vorteil für die Kunden.

erschienen bei ZEIT ONLINE

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Uncle Ben’s, Barilla, Persil: Wer beim Einkaufen nach Reis, Nudeln oder Waschmittel sucht, findet hauptsächlich Marken. Bunte Logos prangern in großen Buchstaben auf den Kartons, Dosen und Folien. Das Produkt wird zur Nebensache; Supermarktregale sind vor allem riesige Werbeflächen.

Beim ersten Besuch wirken die Regale von „Lunzers Maß-Greißlerei“ daher irritierend leer. Die Warenauslage beschränkt sich auf zwei Regale, zwei lange Tische und eine große Theke mit Käse und Gebäck. Milchprodukte und Getränke stehen im Nebenraum. Vor allem aber werden alle Produkte ohne Verpackungen verkauft.

Eine Greißlerei ist in Österreich das, was man in Deutschland einen Tante-Emma-Laden nennt. Das Geschäft nahe des Praters in Wien besinnt sich also auf ein sehr altes Konzept, das im heutigen Einzelhandel dennoch sensationell neu wirkt. Im März erhielt das Unternehmen den Umweltpreis der Stadt Wien.

Ein radikaler Ansatz

Maß-Greißlerei-Gründerin Andrea Lunzer arbeitete früher im Marketing eines großen Discounters und beschäftigte sich dort viel mit Verpackungen. Bereits im Studium gehörten nachwachsende Rohstoffe zu Lunzers Schwerpunkten, dieses Wissen wollte sie in die Industrie tragen. „Die waren zunächst interessiert, verlangten aber nach einer schnellen Greenwashing-Lösung. Ein bisschen Bio-Plastik, und dann die grüne Flagge.“

Lunzer war das nicht genug, die 32-Jährige suchte „einen radikalen Ansatz“. Die Gelegenheit für das eigene Geschäft ergab sich zufällig, als ein Laden in ihrem Haus aufgab. Innerhalb von vier Tagen musste sie sich entscheiden. „Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, viel durchgerechnet habe ich nicht.“

Lunzers Vorbild ist der „Unpackaged“-Shop in London, der bereits 2007 eröffnete und das gleiche Konzept verfolgte, bis er Anfang des Jahres schließen musste. Kürzlich hatte Lunzer wiederum drei Gründerinnen zu Besuch, die mit „Original Unverpackt“ ein ähnliches Projekt in Berlin planen und demnächst mit dem Crowdfunding beginnen möchten. Bisher fehlen aber geeignete Geschäftsräume.P1120248xe

Alle drei Unternehmen eint das Streben nach Nachhaltigkeit. Verkaufsverpackungen, vor allem aus Plastik, sind ein großes Umweltproblem. Über vier Millionen Tonnen Verpackungsmüll werden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland pro Jahr eingesammelt. Die Herstellung der Kunststoffe verbraucht große Mengen Erdöl, Wasser und Energie.

Die Recyclingmöglichkeiten sind begrenzt, häufig werden die Plastikabfälle verbrannt oder gelangen in die Natur. Chemiekonzerne und Handelsketten setzen daher inzwischen teilweise auf Bioplastik, das etwa aus Maisstärke hergestellt wird und kompostierbar ist. Studien belegen jedoch, dass die Ökobilanz dieser Materialen nicht besser ist als die von herkömmlichem Kunststoff. Bisher löst nur Vermeidung das Plastikproblem.

Ein Nebeneffekt des verpackungsfreien Einkaufens: Die Kunden können genau die Mengen abwiegen, die sie benötigen, und müssen zu Hause weniger Reste wegwerfen.

Viele kommen ohne zu kaufen

Die Maß-Greißlerei ist inzwischen gut zwei Monate geöffnet. Gerade was frische Produkte angeht, ist das Sortiment überschaubar. Das ist gewollt: Lunzer legt Wert auf regionalen Bezug von Obst und Gemüse. Zucchini oder Tomaten sucht man Anfang April daher vergeblich. Dafür gibt es mit Mangold und Süßkartoffeln auch Sorten, die in den meisten Supermarktregalen fehlen. Alle Lebensmittel bei Lunzer sind bio-zertifiziert. Die Gründerin ist selbst auf dem elterlichen Bio-Bauernhof aufgewachsen, von wo sie nun einen Teil ihrer Waren bezieht.

Die Kundschaft der Maß-Greißlerei besteht laut Lunzer aus jungen Leuten und umweltbewussten Familien genauso wie aus „älteren Damen, die sich freuen, dass sie wieder ein einzelnes Stück Knoblauch kaufen können“. Viele Besucher würden sich alles in Ruhe ansehen, ohne zu kaufen: „Wien ist nicht New York, hier ist man sehr vorsichtig gegenüber Neuem.“ Während das verpackungsfreie Verkaufskonzept noch auf Zurückhaltung stößt, sorgt ein kleines, integriertes Café von Anfang an für Einnahmen.

Die Kunden bringen im Idealfall eigene Behälter mit, in die sie etwa Mehl, Nüsse, Gewürze und Obst füllen; bezahlt wird nach Gewicht. Alternativ liegen Papiertüten bereit. Wer möchte, kann bei Lunzer auch Vorrats- und Einmachgläser kaufen. Nur Getränke und Milchprodukte verkauft die Greißlerin in Pfandflaschen, Butter und Käse sind in Papier eingewickelt. „Überraschend viele Leute kommen mit ihren eigenen Gefäßen“, erzählt Lunzer. „Denen gehen die Verpackungen so auf die Nerven, die machen das mit Lust.“

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Plastikmeer

Heineken auf 950 Metern Tiefe. Foto: Pham et al.

Heineken auf 950 Metern Tiefe. Foto: Pham et al.

Nochmal eine kleine Notiz zu Plastik im Meer: Ein Forscherteam hat über 10 Jahre gründlich nach Müll im Mittelmeer gesucht. Und überall welchen gefunden. Einer der Forscher wird im Guardian so zitiert:

This survey has shown that human litter is present in all marine habitats, from beaches to the most remote and deepest parts of the oceans. Most of the deep sea remains unexplored by humans and these are our first visits to many of these sites, but we were shocked to find that our rubbish has got there before us.

Es gibt also, zumindest im Mittelmeer, keine unberührte Tiefsee mehr. Der Müll ist überall. Die häufigsten Abfallarten im Mittelmeer sind Plastiktüten, Glasflaschen und Fischernetze. Wirklich überrascht zeigen sich die Forscher in ihrem Fazit nicht, schließlich gäbe es von anderen Erdteilen ähnliche Ergebnisse. Südlich von Japan habe man noch in 7216 Metern Tiefe Abfälle gefunden.

Jeder EU-Bürger verbraucht pro Jahr 198 Plastiktüten, schätzt die EU-Kommission. Immer wieder wird über ein Verbot oder eine Besteuerung diskutiert, um diese Zahl zu senken. Vielleicht tut sich nach den Europawahlen etwas.

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Schuhe vom Strand

Man müsste viel öfter einfach mal machen, dachte ich mir beim Ansehen dieses Videos. Ein paar Jungs aus UK gehen darin ans Meer, sammeln wahllos Plastikmüll ein und stellen daraus Sneakers her. Die auch noch ziemlich cool aussehen. Also ich würde sie anziehen. Gibt es aber leider nicht zu kaufen. Da hilft nur selbst mal wieder ans Meer zu fahren…

via Grist

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Die Marmelade meiner Oma

In diesen Tagen habe ich auf Facebook eine Kolumne von Silke Burmester geteilt, in dem diese sich zum Gutmenschentum bekennt. Die Journalistin versteht darunter, nicht bei Firmen wie Amazon, Nestlé oder dem Billig-Imbiss um die Ecke einzukaufen. Sie schreibt:

Ich stehe zu meinem Anspruch, dass mein Dasein auf dieser Welt so wenig Schaden wie möglich anrichten soll und andere nicht für mich leiden sollen.

Da der Begriff Gutmensch in unserer Gesellschaft meistens als Schimpfwort gebraucht wird, fand ich den Text wichtig, und habe ihn weiterverbreitet. In einem Kommentar warf ein Freund daraufhin die berechtigte Frage auf, was man denn überhaupt noch kaufen könne: „Wer sind die Guten?“ schrieb er und postete dazu eine Grafik, aus der ersichtlich ist, das nahezu jede halbwegs bekannte (Lebensmittel-)Marke zu einem der ganz ganz großen Konzerne gehört:

top-10-nahrungskonzerne

Angemerkt wurde dann auch, dass scheinbar korrekte Marken wie das Bio-Fairtrade-Eis Ben & Jerry’s zu bösen Multis wie Unilever gehören. Das Gleiche gilt für die tierversuchsfreie Kosmetik-Kette The Body Shop, die zu L’Óreal gehört, welche wiederum über ein Joint-Venture mit Big Evil Nestlé verbandelt sind.

Auf die im Raum stehende Frage „Was kann man eigentlich noch guten Gewissens konsumieren?“ habe ich dann geantwortet:

Die Marmelade von meiner Oma, die gehört zu niemandem!

Daraufhin kam dann natürlich die Nachfrage, ob ich denn nun zum Selbstversorger werde. Und tatsächlich habe ich seit fünf Jahren keine Marmelade mehr gekauft. Die von Oma schmeckt einfach am Besten. Und wenn ich irgendwann eine Wohnung mit Balkon habe, pflanze ich da vielleicht auch Tomaten an. Oder zumindest ein paar Kräuter. Aber insgesamt kann es dieses Selbstversorger-Ding doch auch nicht sein.

Ich hab allen Respekt vor Leuten, die sich ein Stück Land irgendwo am Ende der Welt kaufen und dann versuchen von dem zu leben, was da so wächst. Neuseeland ist voll von denen, und ich fand’s cool. Ich bewundere Menschen wie Raphael Fellmer, der versucht ohne Geld durch das Leben zu kommen. Das ist total wichtig, um zu zeigen, dass es immer auch anders geht. Das nichts so sein muss, wie es ist. Aber ein Modell ist es nicht. Es muss irgendwie möglich sein, gut zu leben (ich meine das gut, das auch in Gutmensch vorkommt), ohne auf den Lebensstandard des 16. Jahrhunderts zurück zu fallen. Geld war ist eine ziemlich gute Idee. Eine noch bessere ist Arbeitsteilung, also dass jeder das macht, was er am besten kann, und den Rest von anderen einkauft. Aus diesem Prinzip ergibt sich unser komplexes Wirtschaftssystem samt Ungeheuern wie Nestlé und BP. Aber das ermöglicht auch ein hochentwickeltes Gesundheits- und Bildungssystem, und vieles mehr.

Wobei ich überhaupt nichts gegen Do-It-Yourself sagen will. Selbstgemacht ist immer cooler. Egal ob es um Marmelade geht oder um ein Schlüsselbrett aus Treibholz, selbst gesammelt an den Ufern des Bodensee. Aber die Welt rettet man damit nicht. Und da das weiterhin mein Ziel ist, werde ich vorerst kein Selbstversorger.

Das wollte ich nur kurz klarstellen.

Update: Neben den Kommentaren unten ist auch auf Facebook eine interessante Diskussion zum Thema des Artikels entstanden.