„Wer sich vorne hinstellt, hat verloren“

Interview mit dem Pirat Vinzenz Vietzke

erschienen in presstige #26

Mit Macht haben Piraten ein Problem. Darum achten sie sehr darauf, dass keiner von ihnen zu viel davon bekommt. Ist das der Grund für ihr Scheitern? Darüber sprachen wir mit Vinzenz Vietzke, bis Februar Vorsitzender der Piratenpartei in Augsburg.

Foto: privat

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presstige: Warum hast du dich vom Parteivorsitz zurückgezogen?

Vinzenz Vietzke: Ich hab das jetzt viele Jahre Vollgas gemacht und irgendwann ist die Luft einfach raus. Ich wollte auch mal wieder Zeit für andere Dinge haben.

Vor zwei Jahren gab es einen mega Hype um die Piraten, der inzwischen komplett vorbei ist. Was ist schiefgelaufen?

2012 waren wir in den Umfragen ja teilweise im zweistelligen Bereich. Dass das unrealistisch war, war klar. Trotzdem hätte man sich mehr erhofft. Im Nachhinein sehe ich schon, wo wir Fehler gemacht haben: Wir sind über dieses von der Öffentlichkeit hingehaltene Stöckchen „Ihr habt ja gar kein Programm!“ ganz lange reflexartig drüber gesprungen. Jetzt haben wir zu allen Themen irgendwelche Aussagen, die aber zum Teil unausgereift sind. Und was noch viel schlimmer ist: Wir haben dadurch unser Profil aufgeweicht. Wir sind nicht mehr die Netzpartei, sondern wir sind der zerstrittene Haufen, bei dem nicht klar ist, wofür der eigentlich steht. Das ist, glaube ich, der Grund, warum wir jetzt bei einem oder zwei Prozent rumdümpeln.

Ist das auch der Grund, warum ihr von der Snowden-Affäre so gar nicht profitiert habt? Weil ihr da schon zu oft gesagt habt: Wir sind gar keine Netzpartei?

Das trifft’s sehr genau. Wir haben uns abgestrampelt über den Sommer hinweg, haben gemacht, was nur ging, und es kam nichts dabei rum. Es passiert überhaupt keine Reaktion auf das, was du die ganze Zeit laut in die Welt schreist. Das verhallt einfach so. Das ist auch ein Grund, warum sich viele Leute inzwischen zurückziehen. Die Leute, die lange gestrampelt haben, sind einfach ausgebrannt.

Liegt das nicht eher an den Streitigkeiten innerhalb der Partei?

Ich könnte nicht sagen, was da überwiegt. Die inhaltliche Geschichte ist das Eine, das Andere ist dieses parteiintern nicht klare Verständnis, was Transparenz eigentlich bedeutet. Transparenz bedeutet nämlich nicht, ich muss jedem auf die Nase binden, mit wem ich mich gerade streite. Sondern, dass ich den Leuten deutlich machen muss, wie wir zu Entscheidungen kommen, wie Prozesse laufen, warum wir etwas so und so sehen.

Bei den Piraten wird häufig mit einer unglaublichen persönlichen Aggressivität gestritten.

Ja, wir hatten Fälle, die durchaus strafrechtlich relevant waren. Wenn mich so einer auf der Straße anredetet, dann zeig‘ ich den an. Und bei uns hieß es immer: Wir sind ’ne Freiheitspartei, soll doch jeder, wie er will. Nee, es gibt Grenzen! Diese Grenzen haben wir oft viel zu spät durchgesetzt. Wir müssen die Regeln, die wir für die Gesellschaft haben wollen, das Menschenbild, der respektvolle Umgang miteinander, auch intern umsetzen.

Die Piraten haben bei ihren Vorstandsämtern eine wahnsinnige Fluktuation. Eine Partei braucht aber bekannte Gesichter, um ihre Themen in der Öffentlichkeit zu transportieren.

Ja, wir haben’s nicht geschafft, die Persönlichkeiten, die wir in der Öffentlichkeit hatten, langfristig aufzubauen. Du kannst nicht ständig jemand Neuen hinstellen. Sowohl Marina Weisband als auch Katharina Nocun waren nach extrem kurzer Zeit wieder weg. Mittelfristig müssen wir dahin kommen, dass wir Leute für ihre politische Arbeit bezahlen. Wir können nicht erwarten, dass Leute das ganze Jahr durch die Gegend rennen, von Talkshow zu Talkshow, von Pressetermin zu Pressetermin, und dafür nichts bekommen außer den Fahrtkosten.

Gibt es nicht generell bei den Piraten eine riesige Skepsis gegenüber starken Führungspersönlichkeiten?

Ja, und diese Ablehnung von Machtpersönlichkeiten ist etwas, was die Piraten trotz aller Flügelkämpfe immer noch vereint. Wenn einer sich vorne hinstellt und sagt: „Ich bin der starke Max“, der hat verloren. Was uns die anderen Parteien aufgrund ihrer jahrzehntelangen Erfahrung voraushaben, ist, dass die in den entscheidenden Momenten Dinge intern klären. Es wäre viel gewonnen, wenn man den Bundesvorsitzenden nicht via Twitter anpflaumt, sondern ihm ’ne Mail
schreibt. Dann generiert man nicht sofort diese Empörungswelle.

Lernen die anderen Parteien denn auch von den Piraten?

Ich denke schon, dass die Piraten etwas vorgelebt haben, wie Gruppen Entscheidungen finden können. Dass es nicht immer dieses Top-Down-Prinzip sein muss, wo die Führungsriege entscheidet, wie vorgegangen wird. Wenn man sich jetzt etwa den SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition anschaut: Die SPD ist 150 Jahre alt, die machen nicht so mal eben einen auf Basisdemokratie. Aber hey, sie tun zumindest mal ein Stück weit so. Da bewegt sich was. Es ist ein Diskurs da. Indirekt haben die Piraten da schon was angestoßen.

Was bedeutet Macht für dich?

Macht bedeutet, ein zweischneidiges Schwert in der Hand zu haben. Macht gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu bewegen, aber gleichzeitig muss ich unglaublich vorsichtig sein, dass ich beim Ausholen niemandem hinter mir die Rübe abschneide. Ich glaube, dass jeder Mensch Macht hat, dass Macht nicht zwingend an eine Machtposition gebunden ist. Wenn sich viele Menschen zusammenschließen, dann haben die deutlich mehr Macht, als jemand, der von der Hierarchie her eigentlich der Stärkere ist. Macht zu bekommen erfordert aber Ausdauer. Ob das jetzt das Hocharbeiten auf einer Karriereleiter ist oder das Formieren eines Protests, man braucht für beides ’nen langen Atem.

Wann korrumpiert Macht?

Macht korrumpiert dann, wenn man sich ihrer nicht von Anfang an selbst bewusst ist. Macht ist nichts Schlechtes, solange sie einer gesellschaftlichen Kontrolle unterliegt. Macht korrumpiert automatisch, wenn diese Kontrolle fehlt.

Auf deinem Blog steht: „Parteien sind alt, machtgierig und doof.“

Ja, sind sie. Und zwar alle. Ich behaupte, dass eigentlich kein Mensch gern in einer Partei arbeitet. Parteien funktionieren ganz okay, weil noch niemand was Besseres erfunden hat.

Die neue presstige: Ausgabe 26 über Macht

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Heute erschien die neue und 26ste Ausgabe von presstige, dem Augsburger Hochschulmagazin. Es widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema Macht. Ich durfte wieder als Teil der Chefredaktion mitarbeiten. Es ist eine wahnsinnig spannende Erfahrung, die Entstehung so eines Magazins komplett mitzuerleben. Vom ersten Brainstorming, über die Themenplanung, Recherche bis zur Endredaktion steht sehr, sehr viel Arbeit dahinter. An dieser Stelle einen großen Dank an das gesamte Team, allen voran an Petra, Natalia und Jan. Mit euch hat es immer Spaß gemacht. Ihr rockt!

Hier kann man die digitale Ausgabe durchblättern:

Die neue presstige ist am Start

Einer der vielen Gründe, warum ich das Bloggen hier in den letzten Wochen arg vernachlässigt habe, ist der, dass ich mich um die neue Ausgabe des Augsburger Hochschulmagazins presstige gekümmert habe. Das Magazin widmet sich diesmal schwerpunktmäßig dem Thema Essen. Dazu habe ich eine Titelgeschichte über Containern und das Problem der Nahrungsverschwendung geschrieben. Die und viele andere Artikel kann man im gedruckten Heft nachlesen – oder auf der presstige-Homepage, die wir nebenbei auch noch neu gebaut haben. Oder direkt hier im E-Paper:

Essen vom Müll

Containern als Protest gegen die Vernichtung von Nahrung

Eine Milliarde Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr weggeworfen. Menschen, die das unerträglich finden, holen einen Teil davon zurück. Containern ist ein Symbol gegen die Wegwerfkultur.

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Illustration: Natalia Sander

Lisa und Jakob stellen ihre Fahrräder ab, ziehen Handschuhe an und beugen sich über die Mülltonne. Mit ihren Taschenlampen leuchten sie hinein. Es riecht leicht nach Fäulnis, aber es ist nicht das, was man als Gestank bezeichnen würde. Vielleicht liegt es an den Blumen, die ganz oben liegen: ein bunt gemischter Strauß, schon etwas welk, aber eigentlich noch ganz schön. Darunter finden Lisa und Jakob Tomaten. Sie finden Paprika, gewöhnliche und kleine Süßpaprika. Sie finden Buttermilch, Naturjoghurt, Joghurt mit Schokomüsli und „Joghurt mit der Ecke”, Geschmacksrichtung Erdbeere. Sie finden viel Obst: Bananen, Orangen, Granatäpfel, Bergpfirsiche, Passionsfrüchte. Sie finden eine Kiste mit 23 Aprikosen. Davon sind 17 einwandfrei. Fünf sind etwas weich, sodass Lisa und Jakob sie direkt in die Buttermilch pürieren und trinken. Nur eine Aprikose ist kaputt, die werfen sie weg.

Lisa und Jakob durchsuchen die Abfälle eines Supermarkts nach Lebensmitteln, die weggeworfen wurden, aber noch genießbar sind. Sie gehen containern. „Am Anfang war es Neugier“, sagt Lisa. Inzwischen mache sie es aus Überzeugung: „Ich finde es pervers, was die Lebensmittelindustrie als schlecht deklariert und wegwirft.“ Außerdem mache containern Spaß: „Es ist immer wieder eine Überraschung, was man findet.“

Lisa und Jakob heißen eigentlich anders. Es ist nicht ganz klar, ob es legal ist, was die beiden tun. Alles, was sie finden, war für die Vernichtung bestimmt. Doch bis die Müllabfuhr die Abfälle abholt, sind sie nach deutschem Recht Eigentum des Wegwerfenden, in diesem Fall des Supermarkts. Für eine Verurteilung wegen Diebstahl reicht das in der Regel zwar nicht. Doch ungehindert kommt man selten an den Müll; die meisten Supermärkte haben dafür gesorgt, dass ihre Container unzugänglich sind, hinter Zäunen oder Mauern. Oft sind die Tonnen zusätzlich mit Vorhängeschlössern gesichert. Klettern die Müllsammler über einen Zaun, um an die Behälter zu gelangen, ist das Hausfriedensbruch. Dann werden manchmal Sozialstunden oder Geldstrafen verhängt.

Alle fünf Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind unter zehn Jahren an Unterernährung, schreibt der Autor Jean Ziegler in seinem Buch „Wir lassen sie verhungern“. Zugleich wird weltweit etwa ein Drittel der produzierten Nahrung weggeworfen, schätzen die Vereinten Nationen, das sind 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr. Allein in Deutschland werden jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Abfall entsteht bei allen Schritten der Verwertungskette. In der Landwirtschaft, bei der Weiterverarbeitung, im Handel, beim Verbraucher.

Was nicht makellos ist, wird aussortiert

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Nahrungsverschwendung in Mitteleuropa und dem Hunger in Entwicklungsländern? Natürlich gibt es den. Nicht, weil man die aussortierten Lebensmittel statt zur Müllverbrennung in den Niger fahren könnte. Sondern weil die Überproduktion für den Müll die Weltmarktpreise in die Höhe treibt. Der Nahrungspreisindex der Welternährungsorganisation FAO hat sich seit 2002 mehr als verdoppelt. Für Welthunger und steigende Nahrungspreise gibt es viele Ursachen, etwa Überbevölkerung und Spekulation auf Lebensmittel. Aber auch die Produktion für den Müll ist ein Grund. Dazu kommt die unnötige Umweltbelastung, der Verbrauch an Boden, Wasser, Dünger und Treibstoffen.

Man muss morgens, direkt nach Ladenöffnung, in einen Supermarkt gehen, dann kann man den Angestellten beim Aussortieren der Obst- und Gemüsetheke zuschauen. Kisten füllen sich mit Trauben, Tomaten, Bananen. Es sind Kisten für den Müll. Das Wenigste ist verdorben, es sieht halt nicht mehr so schön aus, ist weich und hat ein paar dunkle Stellen. „Was wir selbst nicht mehr kaufen würden, werfen wir weg“, sagt die Mitarbeiterin. Ob man die Sachen denn mitnehmen könne? „Nein, das dürfen wir nicht weitergeben. Einmal die Woche kommt die Tafel, der Rest landet im Müll, leider.“

In den Werbefilmen der Handelsketten sieht man prall gefüllte Theken mit Früchten in leuchtenden Farben. Damit die Kunden kaufen, muss es es nicht nur im Film leuchten, sondern auch im Laden. Darum wird jeden Morgen aussortiert, was optisch nicht mehr dem Ideal entspricht. Der Kunde will es so, sagen die Händler, und wahrscheinlich haben sie recht. Aber ist es nötig, dass fast alle Supermärkte ihre Mülltonnen schützen wie Banken ihre Tresore?

Der Müll schmeckt am Besten

„Aus ethischer und ökologischer Sicht sind vermeidbare Lebensmittelverluste nicht akzeptabel“, so steht es in einem Beschluss des Deutschen Bundestages. Die Realität sieht anders aus: Die massenweise Vernichtung von Nahrungsmitteln wird hingenommen. Zugleich ist es verpönt, im Müll nach Essbarem zu suchen.

Für viele arme Menschen ist Containern der einzige Weg, satt zu werden. Doch viele, die im Müll nach Essbaren suchen, könnten sich auch einen Einkauf leisten. Für sie ist Containern ein Symbol des Protests gegen die Überfluss- und Wegwerfkultur. Eine Lösung des Problems ist es freilich nicht.

Für die Meisten ist es undenkbar, etwas zu essen, was aus dem Müll kommt. Aber jeder könnte ab und zu ein Stück Obst kaufen, dessen Schale nicht mehr ganz makellos aussieht. Dann muss es am nächsten Morgen nicht aussortiert werden.

Lisa und Jakob pürieren einen Teil der Bananen und Pfirsiche und rühren sie in die Buttermilch. Aus den weichen und stellenweise angedätschten Tomaten und Paprika kochen sie eine fruchtige Soße und füllen sie in alte Marmeladengläser. Ein paar Tage später sind Freunde zu Gast, die dem Containern äußerst skeptisch gegenüberstehen. Am Ende eines gemeinsamen Abendessens stellen sie nichts ahnend fest, die Soße sei das Beste von allem gewesen.

Ursprünglich erschienen in presstige #25.

Deutsch ist such a nette language

Gegen die Hygienewächter der deutschen Sprache

Ursprünglich erschienen im presstige ePaper #5

Durch zunehmendes Eindringen fremder Wörter ist die deutsche Sprache und damit unsere Kultur bedroht, heißt es immer wieder. Eine Erwiderung.

Die Deutsche Bahn spricht jetzt wieder Deutsch. Der Konzern hat eine Liste mit 2.200 Anglizismen erstellt, die künftig durch ein deutsches Wort ersetzt werden sollen. Statt Flyer heißt es dann wahlweise Handzettel oder Broschüre, aus Counter wird Schalter und Service Point wird zu DB Information. Im Verkehrsministerium, das die Deutschoffensive der Bahn angestoßen hat, spricht man in diesem Zusammenhang von „Sprachreinheit“.

Die Bahn hat für die Englischkenntnisse ihrer Mitarbeiter („Senk ju vor träwelling“) in der Vergangenheit viel Spott kassiert. Aber kann es die Lösung sein, in Zukunft wieder voll auf Deutsch zu setzen? Bei einem Verkehrsunternehmen, dessen Kunden Reisende sind und somit häufig Nichtdeutsche?

Wie wir wissen, war früher alles besser, oder zumindest das meiste. Seit dem Ende von Früher geht es unaufhaltsam bergab. Klar, dass dieser Trend auch vor der deutschen Sprache nicht Halt macht. In diesem speziellen Fall manifestiert sich der Niedergang in der zunehmenden Durchsetzung von Wörtern aus dem Englischen. Dieses Problem hat nicht nur die Bahn erkannt, es gibt sogar einen eigenen Verein zur Reinhaltung der Sprache. Er nennt sich etwas ideenlos Verein Deutsche Sprache e.V. Dort kämpfen 36.000 Mitglieder gegen „überflüssige englische Brocken“. Schuld an der Sprachverhunzung ist für den Verein „die weltweite Ausbreitung des American Way of Life, hinter dem die politische und wirtschaftliche Macht der USA steht“. Bei den Deutschen erkennen die Sprachreiniger eine „gierige Bereitschaft zur Anbiederung ans Englische“. Ottmar Hitzfeld und Hape Kerkeling sind prominente Mitglieder des Vereins.

Natürlich, es gibt ziemlich bescheuerte Anglizismen. Das macht sich zum Beispiel immer dann bemerkbar, wenn uns der Einzelhandel in großen roten Buchstaben „SALE“ entgegenbrüllt, weil das Wort Schlussverkauf irgendwie aus der Mode gekommen ist. Oder das Schild, an dem ich letztens in Berlin vorbeigeradelt bin: „rent a bike ab 5“. Berlin ist eine weltoffene Stadt, viele Menschen hier sprechen kein Deutsch, ich habe vollstes Verständnis, wenn Dienstleistungen auf Englisch angepriesen werden. Aber dann muss es heißen „rent a bike starting at 5“. Ähnliches Beispiel: Der „Coffee to go auch zum Mitnehmen“.

The German Energiewende

Wer die deutsche Sprache von allem Fremden reinhalten möchte, verteidigt damit die letzte Bastion einer Ideologie, die eigentlich längst überwunden sein sollte. Genau wie Zuwanderungskritiker meist nicht wahrhaben wollen, dass die Zuwanderung in Deutschland in schlechten Jahren unter der Abwanderung liegt und in guten Jahren mit Müh und Not den Bevölkerungsrückgang auffangen kann, genauso wird oft unterschlagen, dass Wortwanderungen in beide Richtungen stattfinden. Die Liste deutscher Wörter in der englischen Sprache ist meterlang, sie geht vom Klassiker Kindergarden über Hinterland bis zu abstrakten Begriffen wie Angst, Zeitgeist und Schadenfreude. Ein ziemlich junger deutschstämmiger Neuzugang im angelsächsischen Sprachschatz ist die Energiewende. Als im Frühjahr der FC Bayern und der BVB Dortmund ihre spanischen Kontrahenten Barca und Real mit 4:0 und 4:1 vom Platz fegten, titelte die Londoner Boulevardzeitung Sun mit dem grandiosen Wortspiel „Foursprung durch Technik“. Mit ein bisschen Fantasie und Kreativität wird aus fremden Eindringlingen eine ungeheure Bereicherung für die eigene Sprache.

Wie schwierig es sein kann, das moderne Leben in einem konservierten Deutsch zu beschreiben, musste übrigens auch die Bahn feststellen: Für die Neubennenung ihrer Hotline ist ihr nichts Besseres eingefallen als ServiceNummer. Dabei wäre Hilfestellungsfernsprecheinrichtung doch total sexy, pardon, adrett gewesen.

Die Unerwünschten

Ein Besuch bei Flüchtlingen in Augsburg

Flüchtlinge leben hierzulande am Rande der Gesellschaft, häufig zu unwürdigen Bedingungen und sozial isoliert. Ein Besuch bei Menschen, die sich integrieren wollen, aber nicht gelassen werden.

[erschienen in presstige e-Paper #4 / Fotos: Corinna Scherer]

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Von außen wirkt das Gebäude wie das, was es ist: eine ehemalige Kaserne, im Verfall begriffen. Der rote Backstein über Jahrzehnte vom Ruß geschwärzt, die Fenster milchig, im Erdgeschoss vergittert. Wir gehen nach innen, das Bild bleibt stimmig. Der Flur ist kalt, schmutzig und trostlos. Die Wände sind marmoriert mit Schimmel und Dreck. Weiter in die Küche: Auch hier Schimmel, die Bodenleisten sind mit einem schwarzen Film überzogen, ein paar uralte Öfen stehen herum. Auf der Toilette herrscht unerträglicher Gestank.

Das Haus in der Calmbergstraße ist eine von sechs Unterkünften für Asylbewerber in Augsburg. 144 Männer leben hier, bis zu fünf teilen sich ein Zimmer. Küche und Sanitäreinrichtungen sind auf dem Gang. Flüchtlingsheime sind hierzulande meist keine Wellnesshotels; die Unterbringung soll, so steht es in der einschlägigen Verordnung, „die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern“. Dennoch gelten die Zustände in der Calmbergstraße unter Fachleuten als besonders miserabel. „Die Calmbergstraße muss geschlossen werden“, fordert Mathias Fiedler vom Augsburger Forum Flucht und Asyl. Verantwortlich für die Unterkunft ist die Regierung von Schwaben. Dort heißt es nur, man habe keine anderen Gebäude zur Verfügung, die Suche nach geeigneten Immobilien sei schwierig.

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Wie lebt es sich in solchen Unterkünften? Pouya Shakib erzählt von Lärm,  lauter Musik und Trinkgelagen. Streit und Gewalt gehören zum Alltag. Lesen oder Lernen seien unter diesen Bedingungen unmöglich, sagt der Afghane. Häufig sind die Flüchtlinge von den Erlebnissen in ihrer Heimat traumatisiert, haben psychische Probleme. Shakib leidet an Magenproblemen und Schlaflosigkeit. „Ich habe Angst, verrückt zu werden.“

Integration unerwünscht

Viele der Bewohner wollen nicht mit uns sprechen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass Pressekontakte von den Behörden nicht gern gesehen sind und mit Repressionen beantwortet werden. Nicht offiziell natürlich, aber auf Umwegen. Außerdem seien schon so viele Medien dagewesen, „sogar das ZDF, aber ändern tut sich nichts“.

Wenn dann bei einer Tasse Tee doch jemand ein bisschen erzählt, anonym und hinter verschlossenen Türen, geht es schnell um die harten Themen. Residenzpflicht, Arbeitsverbot, den Kampf mit der Bürokratie. Viele sind seit vielen Jahren da, sprechen gut Deutsch, wollen arbeiten und sich integrieren. Saman ist seit fünf Jahren in Deutschland, er stammt aus dem Irak und hat eine Duldung mit eingeschränkter Arbeitserlaubnis (siehe Kasten). Er arbeitet bis zu elf Stunden täglich an sechs Tagen der Woche als Küchenhilfe. Und bekommt einen lächerlichen Lohn. Mehr kann ihm der Arbeitgeber nicht zahlen, sonst wäre die Stelle auch für Deutsche attraktiv und Saman dürfte sie nicht antreten. „Es ist politisch gewollt, dass die Flüchtlinge sozial isoliert bleiben. Eine Integration in die Gesellschaft ist nicht vorgesehen“, meint dazu Mathias Fiedler.

Essenspakete und Arbeitsverbot

Immerhin erhalten die Asylbewerber nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 2012 inzwischen etwas mehr Geld, 346 statt bisher 224 Euro. 134 Euro werden in bar ausgezahlt, der Rest sind Sachleistungen, vor allem Essenspakete. Zwei Wochen im Voraus müssen die Lebensmittel bestellt werden. Auf einem Formular kann aus verschiedenen Kategorien eine festgelegte Menge ausgewählt werden, etwa „1 x Süßwaren/Knabbereien“ oder „3 x Fleisch/Fisch/Fertiggerichte“.  Geliefert werden die Pakete für fast ganz Bayern von einer Firma in Baden-Württemberg. Laut Recherchen des Bayerischen Flüchtlingsrats aus dem Jahr 2010 liegen die Kosten gut 20 Prozent über dem Einkaufspreis vergleichbarer Waren im Supermarkt. Die Bevormundung der Asylbewerber kommt Staatshaushalt und lokalem Einzelhandel teuer zu stehen.

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In Afghanistan hat Shakib als Zahnarzt für eine französische Hilfsorganisation gearbeitet. Doch die Taliban, die immer noch großen Einfluss im Land haben, verurteilen die Zusammenarbeit mit Nichtmuslimen. Zudem verstößt er als Musiker gegen deren radikale Auslegung des Islam. Shakib erhielt Morddrohungen, bei einem Bombenanschlag auf das Haus der Familie in Herat wurde sein Vater getötet. Shakib musste Frau und Kinder verlassen und fliehen. Nach einer einjährigen Odyssee durch den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien und unzähligen Festnahmen kam er schließlich nach Augsburg. Er beantragte Asyl und fand Arbeit in einem Altenheim, bekam jedoch keine Arbeitserlaubnis. Auch sein Asylantrag wurde mehrfach abgelehnt, ihm droht die Abschiebung. Der 29-Jährige würde erneut fliehen: „Ich kann nicht in Afghanistan bleiben.“ Seine Wünsche für die Zukunft klingen bescheiden. „Ich wünsche mir ein normales Leben. Ich möchte arbeiten. Ich möchte singen“. Selbstverständliche Dinge, die ihm in Afghanistan verwehrt werden. In Deutschland bisher auch.

Update August 2013: Eine aktuelle Petition fordert, Pouya endlich Asyl in Deutschland zu gewähren. Bitte unterschreiben!

Info: Asylrecht in Bayern

Gemäß der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und dem deutschen Grundgesetz wird politisch Verfolgten in Deutschland Asyl gewährt. Dieses Grundrecht wurde durch den sogenannten Asylkompromiss 1993 massiv eingeschränkt, in der Folge ging die Zahl der Asylanträge stark zurück. Bis zur Entscheidung über den Antrag erhalten die Flüchtlinge den Status Asylbewerber. Sie dürfen den Regierungsbezirk nicht verlassen (Residenzpflicht), dürfen weder arbeiten noch eine Ausbildung machen (ab dem zweiten Jahr sind Ausnahmen möglich), sind in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht und erhalten vornehmlich Sachleistungen. Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, deren Abschiebung aber nicht möglich ist, erhalten eine Duldung. Sie können unter Umständen aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen und einer Arbeit nachgehen, wobei Vorrang für Deutsche und EU-Bürger besteht. Ihre Residenzpflicht ist auf den Freistaat Bayern ausgedehnt.

 

Bürgermeister, Mönch und Kürbis

Ein Reporter auf Themensuche

Ein kalter Freitagnachmittag im November: Das Team der presstige trifft sich zum Redaktionsworkshop. Wir haben drei Stunden Zeit, um eine Reportage zu schreiben. Auf der Suche nach einem Thema nehme ich die Straßenbahn zum Moritzplatz. Als wir das Rathaus passieren, fällt mein Blick auf ein Schild am linken Nebeneingang des Gebäudes. Alteingesessene wissen, dass dort früher die Polizei beheimatet war. Jetzt hängt an der Wand ein blaues Schild mit zwölf gelben Sternen und dem Wort „Europabüro“. Ich bin an dieser Tür schon hundert Mal vorbei gelaufen, aber ich habe keine Ahnung, was das Europabüro ist und was die da machen. Das müsste sich doch in Erfahrung bringen lassen: Thema gefunden. Zuerst brauche ich allerdings was zu essen. Mit ein paar Kolleginnen aus der Redaktion geht es auf ein Halloumi-Sandwich zur Dönerbude am Judenberg. Frisch gestärkt mache ich mich auf den Weg zum Rathaus. Und stehe vor verschlossenen Türen: Selbstverständlich ist das Europabüro freitags ab 13 Uhr geschlossen. Ohne große Hoffnung rufe ich noch die angegebene Telefonnummer für Termine außerhalb der Öffnungszeiten an, erwartungsgemäß nimmt niemand ab. Zum Glück liegt die nächste Themenidee nur ein paar Meter entfernt: Das Wahrzeichen der Stadt, der Augsburger Perlachturm. Auf dem Weg sehe ich vor meinem geistigen Auge schon einen etwa hundertjährigen Turmwärter, der mir die nächsten eineinhalb Stunden die abenteuerlichsten Geschichten erzählen wird.

 Kurz darauf rüttele ich an einem verschlossenen, kalten Eisengitter. Der Perlachturm ist wegen Umbau geschlossen. Damit hat sich auch meine zweite Reportage-Idee in Luft aufgelöst. Frierend und ohne Ziel laufe ich durch die Innenstadt und suche nach auf der Straße liegenden Themen. Ich komme meiner Wohnung und der darin befindlichen Kaffeemaschine bedrohlich nahe, kann der Versuchung aber widerstehen. Unbewusst führt mein Weg wieder zurück zum Moritzplatz, wo ich zufällig ein aus der Lokalpresse bekanntes Gesicht erblicke. Der Mann hat lange Beine und ist ziemlich flott unterwegs, aber es gelingt mir, ihn einzuholen. „Herr Gribl, ich bin vom Hochschulmagazin presstige, hätten Sie vielleicht kurz Zeit?“ Hat er natürlich nicht.

 In großer Not sucht der Mensch Zuflucht in der Religion. So trete ich kurz darauf durch eine schwere gusseiserne Tür am Elias-Holl-Platz. Mir schlägt Weihrauchduft entgegen, ich bin im Kloster Maria Stern. Ich kenne Nonnen und Mönche nur aus Mittelalter-Romanen. Hier möchte ich herausfinden, wie klösterliches Leben im Jahr 2012 aussieht. Die Schwester an der Pforte begegnet meinem Ansinnen mit Skepsis, führt mich dann aber doch in einen kleinen Warteraum. Ich blättere in christlichen Zeitschriften und höre auf die Geräusche im Flur. Nach kurzer Zeit kommt die Mutter Oberin ins Zimmer. Ich bitte sie um ein kurzes Gespräch über das Klosterleben. Leider kann sie mir so kurzfristig keine Auskunft geben. Man müsse erst gemeinsam entscheiden, was man preisgeben möchte. Ich könne es aber noch bei den Mönchen von St. Stephan versuchen. Ich bedanke mich höflich und folge dem geistlichen Rat. Bei St. Stephan werde ich freundlich empfangen, allerdings „sind die Oberen gerade weg, und ohne deren Erlaubnis dürfen wir nicht reden“. Vielleicht steckt in dieser Aussage schon alles Wissenswerte zum Leben im Dienst der Kirche.

 Für meine Reportage ist es trotzdem zu wenig. In einer knappen Stunde soll der Text fertig sein und ich stehe mit leeren und inzwischen ziemlich kalten Händen da. Frustriert ziehe ich weiter und stolpere fast über einen Kürbis, der vor mir auf dem Gehweg liegt. Ich hebe den Blick und sehe ins Schaufenster eines kleinen Lebensmittelgeschäfts. So eine Art von Laden, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt, weil längst von Supermärkten und Discountern verdrängt. Ein Tante-Emma-Laden. Und genau das steht auch auf dem bunten Logo an der Scheibe: Tante Emma. Dann steht da noch was von einem Projekt zur Qualifizierung schwer vermittelbarer Arbeitsloser. Meine Neugierde ist geweckt und ich gehe durch die Tür. Einen Moment später erklärt mir eine sympathische junge Frau das Konzept von Tante Emma. Ich habe mein Thema gefunden. Und sogar einen Kaffee bekommen.

Die Jugend von Heute – eine Jugend ohne Zukunft?

Über Risiken und Nebenwirkungen einer Generation

[aus presstige #23]

Zu viel Alkohol, zu wenig Manieren. Facebook statt Fußballplatz, Porno statt Picasso. Ist die heutige Jugend schlimmer als jede zuvor? Eine Bestandsaufnahme.

Die erste Zigarette mit neun Jahren, der Vollrausch mit zwölf. Wer sich nicht gerade vom Komasaufen erholt, hängt am Smartphone, schaut Trash-TV oder erstellt Einladungen zu Facebook-Partys. Eine ganze Generation versinkt im Sumpf aus Alkohol, Drogen und ungewollten Schwangerschaften. Kein Wunder, dass der Jugend von Heute keine Zeit mehr für Werte, Anstand und Moral bleibt.

Und es wird immer schlimmer. Inzwischen sind auch die Studenten, ehemals Nachwuchs-Elite der Nation, weit vom rechten Weg abgekommen. Klar, dass bei exzessiver Feierei und unentwegtem Medienkonsum die humboldtsche (oder war es humanistische?) Bildung auf der Strecke bleibt. Professoren diagnostizieren bei ihren Studenten zunehmende Inkompetenz. So stellt Gerhard Wolf, Germanistik-Professor an der Uni Bayreuth, mangelnde Sprachkompetenz bei Erstsemestern fest. Viele Studienanfänger seien nicht in der Lage, den roten Faden eines Textes zu erkennen oder schlüssige Mitschriften aus Vorlesungen anzufertigen. Die Politik-Dozentin Christiane Florin beklagt die Unfähigkeit, alle deutschen Kanzler in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen.* Auch mit der Nennung der drei Gewalten seien ihre Studenten überfordert. Während der Bummelstudent der Siebziger seine Bildungslücken wenigstens mit unermüdlichem Einsatz für Gerechtigkeit und Weltfrieden begründen konnte, ist es heutzutage auch mit politischem Engagement nicht mehr weit her. Um es mit den Worten der Band Kraftklub zu sagen: „ Die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr.“

Das Ende der Welt ist nahe“

Googelt man „die Jugend von heute“, findet man jede Menge lesenswerter Zitate – Beispiel: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Mit diesen weisen Worten hat der griechische PhilosophAristoteles um 300 vor Christus den Niedergang prophezeit. Ähnliches findet man bei Sokrates: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Noch früher, bereits vor 4000 Jahren, wussten die Leute aus Ur im heutigen Irak, wo das alles hinführt: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“ Nahe ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Aber seltsam ist es schon, dass das Ende gar so lange auf sich warten lässt. Seit 4000 Jahren richtet die Jugend die Welt zu Grunde – und kein Ende in Sicht.

 Weniger Drogen, weniger Gewalt

 Klar, manchmal kann einem schon unbehaglich werden. Etwa beim Anblick bekiffter Zwölfjähriger nachmittags am Badesee, oder angesichts der Videoaufzeichnungen von U-Bahn-Schlägern. Bilder von krassen Einzelfällen stürzen in gewaltigen medialen Flutwellen auf uns ein. Unklar bleibt: Ist die Gesamtlage objektiv schlimmer geworden, oder verschiebt sich nur unsere Wahrnehmung, weil wir zunehmend live dabei sind? Ein Blick auf die Fakten: Laut dem Drogenbericht der Bundesregierung ging der Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zurück. Beispielsweise haben 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen im Monat vor der Befragung mindestens einmal fünf oder mehr Gläser Alkohol getrunken – nicht wirklich wenig, aber der niedrigste Wert seit dem Beginn der Statistik 2004. Auch die Jugendkriminalität nimmt seit 2004 jedes Jahr ab, wie die Statistik des Bundeskriminalamts zeigt. Die registrierte Gewaltkriminalität unter den 14- bis 21-Jährigen ging von 2007 bis 2010 um elf Prozent zurück, so der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer.

 Die Sorge um eine verwahrloste Jugend ist so alt wie die Menschheit. Der subjektive Eindruck, es werde immer schlimmer, hält einer Überprüfung jedoch nicht stand. Prinzipiell ist die Jugend immer ein Abbild der Gesellschaft, in die sie hinein geboren wird und in der sie aufwächst. Bei Problemen wie Alkoholmissbrauch wäre es sicher hilfreich, wenn man diese Vorbildfunktion etwas ernster nehmen würde. Dann können wir das Ende der Welt bestimmt noch ein paar Jahrtausende hinauszögern. Im Aufschieben ist die Jugend von Heute nämlich ziemlich unschlagbar.

* Richtige Antwort: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel.

Der beste Platz am Pool

Was über die Deutschen gedacht wird – vom Sinn und Unsinn der Vorurteile

[aus presstige #23]

Fleißig, pünktlich und diszipliniert. Verkrampft, arrogant und geizig. Bewundert für Braukunst und Mercedes-Benz, zugleich belächelt wegen mangelndem Humor und „German Angst“. So oder ganz anders stellt man sich da draußen in der Welt den „typischen Deutschen“ vor. Was ist wirklich dran an Klischees und Stereotype? Sind sie nützliche, weil oft zutreffende Orientierungshilfen im Umgang mit fremden Kulturen oder pauschaler, diskriminierender Unsinn?

Klischees sind vorgeprägte Wendungen, die ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden“, so kann man es im Sachwörterbuch der Literatur nachlesen. Vorgeprägt, ohne Überzeugung, unbedacht übernommen – soweit klar. Aber vielleicht dennoch mit wahrem Kern? Dazu muss man zunächst in Erfahrung bringen, welche Eigenschaften den Deutschen konkret zugeschrieben werden.

Eine kurze Umfrage unter Bekannten aus verschiedenen Ländern soll Orientierung geben. Bei einer Charakterisierung stehen Stichwörtern wie ordentlich, strukturiert, förmlich im Umgang ganz oben. Weiter: Hart arbeitend, direkt und zupackend. Auch Folklore (Tracht, Bier, Blasmusik) scheint für uns Deutsche typisch zu sein. Einem Freund aus den USA ist aufgefallen, dass man in Deutschland eher einen Hund als ein Kleinkind mit ins Restaurant bringen könne. Im Internet stößt man andauernd auf die alte Geschichte mit den Badetüchern, die von deutschen Touristen schon frühmorgens auf dem Liegestuhl platziert werden, um diesen zu reservieren.

Mentalitäten schuld an Wirtschaftskrise?

Man könnte das ganze Thema für überflüssig und längst überholt halten, doch gerade in diesen Monaten ist es hochaktuell. Im Zuge der Euro-Krise wird diskutiert, ob germanische Arbeitswut auf der einen und mediterrane Disziplinlosigkeit auf der anderen Seite Schuld sind am wirtschaftlichen Nord-Süd-Gefälle in der EU. Geht es dabei um eine mehr oder weniger gelungene Regierungsführung, also um die Arbeit einiger Spitzenpolitiker – oder um Mentalitätsunterschiede in den europäischen Völkern? Wäre letzteres der Fall, so bräuchten die Krisenvölker ein bisschen mehr von den deutschen Tugenden, und es ginge wieder aufwärts. Im Gespräch mit Italienern kann man tatsächlich diesen Eindruck bekommen. Egal ob junge Akademiker, Handwerker, Geschäftsleute oder Rentner wie Vincenzo, der 40 Jahre Gastarbeiter in Deutschland war und im Ruhestand nach Neapel zurückkehrte, wo ich ihn auf der Straße traf: Alle verzweifeln am italienischen Wahnsinn, an Chaos und Unzuverlässigkeit. Und als Gegenmodell, als leuchtendes Vorbild in Sachen Ordnung und Fleiß wird immer wieder Deutschland genannt. Viele der Jüngeren liebäugeln mit einem Umzug über die Alpen, auf der Suche nach einer beruflich besseren Zukunft.

Spießertum und Tagesschau

Wären sie dann wirklich so begeistert vom deutschen Alltag? Oder enttäuscht von Hektik, Spießertum und Bordsteinen, die außerhalb der Metropolen spätestens zur Tagesschau um 20.00 Uhr hochgeklappt werden? Es gibt eben immer zwei Seiten, und dem gängigen Klischee nach kann man im Norden zwar besser arbeiten, dafür versteht man es im Süden gut zu leben.

Vielleicht sind die Unterschiede in Wahrheit gar nicht so groß. Kann man denn heutzutage überhaupt noch von nationalen Eigenheiten reden, sind sie nicht durch Vernetzung, Austauschprogramme und Einwanderung längst verblasst? Wird die nationale Identität, in der sich die Charakterzüge unserer Vorfahren spiegeln, nicht überlagert durch den Einfluss von türkischstämmigen Schulfreunden, Thailand-Reisen und amerikanischen Filmen? Wie oft gibt es ihn noch, den typischen Deutschen: Konservativ, fleißig und auf den besten Liegestuhl am Pool erpicht?

Eigentlich ist das alles großer Quatsch. Aber, und das klingt jetzt wie eine Weisheit von Lothar Matthäus: Deutschland ist nicht Italien. Natürlich gibt es nationale Eigenheiten – und darauf beruhen, verallgemeinert und zugespitzt, unsere Klischees. Würden die Leute überall gleich ticken, bräuchten wir nicht mehr verreisen, und die Welt wäre ziemlich langweilig. Mit Klischees ist es eben wie mit Lothar Matthäus: Kein Mensch braucht sie, aber ohne hätte man wesentlich weniger zu lachen. Man darf das alles einfach nicht so ernst nehmen.

Studentenfutter mit Gourmet-Faktor

Die neue Mensa an der Uni Augsburg

Nach zwei Jahren Verköstigung im provisorischen Zelt durften wir zu Beginn des Sommersemesters die Eröffnung der neuen Mensa an der Uni Augsburg erleben. Ich bin für das Augsburger Hochschulmagazin presstige der Frage nachgegangen, ob sich das Warten gelohnt hat. Den Artikel findet ihr hier.