Zurück auf Los

Wie ein Bio-Unternehmer seinen Idealismus wiederfand

Stefan Maran war ein Pionier der Bio-Bewegung, baute die Handelskette BioMaran auf. Desillusioniert über die Entwicklung der Branche, verkaufte er alles. Dann wagt er einen Neubeginn.

Im Juli 2013 starteten Stefan Maran und seine Frau Josefine ein neues Projekt: MaranVegan ist Österreichs erster Supermarkt ohne Tierprodukte. Denn für die Marans ist artgerechte Tierhaltung auch in der Bio-Landwirtschaft selten. Im Kühlregal von MaranVegan liegen Tofu-Bratwürste und Garnelen-Imitate. Durch niedrige Regale und warmes Licht wirkt der Laden hell und übersichtlich. Die fehlende Beschallung mit Chartmusik und Werbung schafft eine angenehme Ruhe, Kunden und Angestellte scheinen entspannt. Im integrierten Bistro gibt es Cappuccino mit Sojamilch und wechselnde Tagesgerichte.

Hier sitzt Maran nun, elegant in schwarz gekleidet, mit Brille; die langen, grauen Haare zur Seite gekämmt. Der 60-Jährige rührt Zucker in seinen Espresso, beginnt leise und konzentriert zu erzählen. Seit 28 Jahren ist er im Bio­-Geschäft; seine Geschichte spiegelt die der ganzen Branche.

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Stefan Maran in seinem Geschäft (Juni 2014)

Als Maran 1974 aus Rumänien nach Österreich einwandert, arbeitet er zunächst auf dem Bau. Er lernt seine heutige Frau Josefine kennen, eine gelernte Drogistin. Die Beiden stoßen auf einen insolventen Bioladen, den sie 1986 übernehmen. Da steht die Branche noch am Anfang, sie leisten viel Pionierarbeit.

1998 fühlen sich die Marans bereit für den nächsten Schritt: Auf den kleinen Laden folgt der Supermarkt BioMaran. Zu dieser Zeit beginnt ein Bio-Boom: Von 1997 bis 2010 vervierfacht sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche dagegen wächst deutlich langsamer; die Waren kommen zunehmend aus dem Ausland.

Die Marans wachsen mit, eröffnen weitere Filialen und ersetzten kleine Lieferanten durch Großbetriebe: “Der Kunde erwartet, dass der Apfel aus jeder Filiale gleich schmeckt.” Manchmal sind es auch die Bauern, die die Zusammenarbeit beenden. “Die haben gesagt: ‘Ihr gehört jetzt zu den Großen, euch beliefern wir nicht mehr.’“

An dieser Stelle bekommt Marans Stimme einen Anflug von Bitterkeit. „Wir waren Getriebene, sind kaum zum Nachdenken gekommen.“ 2010 haben sie genug und verkaufen ihre sechs Filialen. Sein Fazit: “Für mich ist das Bio-Projekt gescheitert. Heute sind es die gleichen Abläufe wie im konventionellen Handel, Bio ist nur die grüne Farbe auf dem Etikett.“

Rückzug in die ländliche Idylle

Wer Bio-Lebensmittel kauft, hat ein Bild im Kopf: Von Kühen, die auf grünen Wiesen grasen, und Schweinen, die sich vergnügt im Dreck suhlen. Beide umsorgt von einem naturliebenden Bauern, der nebenbei Tomaten und Salat anbaut. Dieses Bild ermöglicht den Mehrpreis, den Konsumenten für Bio bezahlen.

“Das Charmante, Überschaubare gibt es kaum noch”, sagt Stefan Maran. “Neulich zeigte mir ein Lieferant ein Feld, auf dem bis zum Horizont nur Karotten wachsen.” Die Branchengrößen sind heute börsennotiert und bewirtschaften zehntausende Hektar.

Wer in Europa Nahrung als Bio kennzeichnen will, muss die Anforderungen der EG-Öko-Verordnung erfüllen. Vorgeschrieben sind etwa der Verzicht auf Gentechnik, Pestizide und Kunstdünger sowie mehr Platz für die Tiere. Dennoch ermöglicht die Verordnung die Herstellung von Bio-Produkten für den Massenmarkt. Für ein paar Cent Aufpreis gibt es Milch und Eier mit Bio-Label in jedem Discounter. Werte wie regionale, kleinteilige Strukturen und faire Geschäftsbeziehungen bleiben dabei auf der Strecke. “Das funktioniert längst industriell”, sagt Stefan Maran. “Für mich gibt es keinen Unterschied, ob man Discounter-Bio kauft oder konventionelle Ware.”

Das sieht inzwischen auch die EU-Kommission so. Die Öko-Verordnung sei „durch Ausnahmen und unklare Bestimmungen weichgespült“, heißt es in einem internen Dokument, aus dem Mitte Januar der SPIEGEL zitierte. Die EU will die Regeln deutlich verschärfen. Sonst drohe der Verlust des Verbrauchervertrauens.

Nach dem Verkauf ihrer Supermarkt-Kette zogen sich die Marans auf einen kleinen Bauernhof ins Burgenland zurück, “um den Radieschen beim Wachsen zuzuschauen”. Belustigt erzählt der energiegeladene Unternehmer von dieser Idylle. “Das gemächliche Tempo der Natur waren wir nicht gewöhnt”. Daher der Neubeginn mit MaranVegan. Nebenbei führen sie den Hof weiter, das im Laden verkaufte Obst und Gemüse stammt zum Teil aus eigenem Anbau. Ihre Kette verkauften die Marans damals aus Unzufriedenheit, aber zu einem günstigen Zeitpunkt. So haben sie jetzt ein finanzielles Polster, das sie den Neustart gelassener angehen lässt, nachhaltiger für die Umwelt und sich selbst. “Wir müssen wirtschaftlich nicht mehr alles raus holen”, sagt Stefan Maran, “wir gehen abends entspannter schlafen.” Man möchte ihm das glauben, wenn man sieht, wie er lässig durch sein Geschäft schlendert. Mit ehrlichem Lächeln ruft er Stammkunden zum Abschied ein paar Worte zu. Maran hat seinen Platz zwischen Unternehmertum und Idealismus gefunden.

Recherchiert und geschrieben im Januar 2014

Elektro-Lastenräder für Berlin

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In Metropolen sind Fahrradkuriere oft die schnellste Möglichkeit, wichtige Dokumente von A nach B zu bringen. Mit ihren leichten Rennrädern schlängeln sich die Kuriere zwischen den kriechenden Autos durch und müssen am Zielort keinen Parkplatz suchen.

Das Berliner Start-up Velogista überträgt dieses Erfolgsprinzip auf den Warentransport. Wenn es also um mehr geht als um ein paar Blätter Papier, die der Kurier in seinen Rucksack steckt. Velogista verwendet Lastenräder, die bis zu 250 Kilogramm transportieren können – unterstützt durch einen Elektromotor. Der Kastenaufbau am Heck der Fahrräder hat Platz für eine Europalette. Dank des 250 Watt-Motors würden die Kuriere dennoch eine Geschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde schaffen, schrieb mir Milan von Velogista. Eine Akkuladung reiche für 60 bis 70 Kilometer.

blog_2Die Akkus der Fahrrad-Flotte werden mit Ökostrom aufgeladen. Das Transportkonzept verschont also nicht nur die Stadt mit Abgasen und Lärm, sondern ist auch klimafreundlich. Derzeit bedient Velogista mit zwei Fahrzeugen nach eigenen Angaben 30 Kunden in Berlin, für die sie mit einer eigenen Logistiksoftware auch die Tourenplanung übernimmt. Darunter ist zum Beispiel eine Firma, die Haushalte mit Biokisten beliefert. Bei deren Kunden kommen die Öko-Kuriere bestimmt gut an.

Heute startet Velogista mit einer Crowdfunding-Kampagne. Damit will die Firma unter anderem drei weitere Lastenräder  finanzieren. Langfristig wollen die Kreuzberger in andere Städte expandieren.

Verpackungsfrei einkaufen

Vier Millionen Tonnen Verpackungsmüll werden in Deutschland pro Jahr produziert. Ein Geschäft in Wien zeigt, dass es auch anders geht – zum Vorteil für die Kunden.

erschienen bei ZEIT ONLINE

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Uncle Ben’s, Barilla, Persil: Wer beim Einkaufen nach Reis, Nudeln oder Waschmittel sucht, findet hauptsächlich Marken. Bunte Logos prangern in großen Buchstaben auf den Kartons, Dosen und Folien. Das Produkt wird zur Nebensache; Supermarktregale sind vor allem riesige Werbeflächen.

Beim ersten Besuch wirken die Regale von „Lunzers Maß-Greißlerei“ daher irritierend leer. Die Warenauslage beschränkt sich auf zwei Regale, zwei lange Tische und eine große Theke mit Käse und Gebäck. Milchprodukte und Getränke stehen im Nebenraum. Vor allem aber werden alle Produkte ohne Verpackungen verkauft.

Eine Greißlerei ist in Österreich das, was man in Deutschland einen Tante-Emma-Laden nennt. Das Geschäft nahe des Praters in Wien besinnt sich also auf ein sehr altes Konzept, das im heutigen Einzelhandel dennoch sensationell neu wirkt. Im März erhielt das Unternehmen den Umweltpreis der Stadt Wien.

Ein radikaler Ansatz

Maß-Greißlerei-Gründerin Andrea Lunzer arbeitete früher im Marketing eines großen Discounters und beschäftigte sich dort viel mit Verpackungen. Bereits im Studium gehörten nachwachsende Rohstoffe zu Lunzers Schwerpunkten, dieses Wissen wollte sie in die Industrie tragen. „Die waren zunächst interessiert, verlangten aber nach einer schnellen Greenwashing-Lösung. Ein bisschen Bio-Plastik, und dann die grüne Flagge.“

Lunzer war das nicht genug, die 32-Jährige suchte „einen radikalen Ansatz“. Die Gelegenheit für das eigene Geschäft ergab sich zufällig, als ein Laden in ihrem Haus aufgab. Innerhalb von vier Tagen musste sie sich entscheiden. „Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, viel durchgerechnet habe ich nicht.“

Lunzers Vorbild ist der „Unpackaged“-Shop in London, der bereits 2007 eröffnete und das gleiche Konzept verfolgte, bis er Anfang des Jahres schließen musste. Kürzlich hatte Lunzer wiederum drei Gründerinnen zu Besuch, die mit „Original Unverpackt“ ein ähnliches Projekt in Berlin planen und demnächst mit dem Crowdfunding beginnen möchten. Bisher fehlen aber geeignete Geschäftsräume.P1120248xe

Alle drei Unternehmen eint das Streben nach Nachhaltigkeit. Verkaufsverpackungen, vor allem aus Plastik, sind ein großes Umweltproblem. Über vier Millionen Tonnen Verpackungsmüll werden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland pro Jahr eingesammelt. Die Herstellung der Kunststoffe verbraucht große Mengen Erdöl, Wasser und Energie.

Die Recyclingmöglichkeiten sind begrenzt, häufig werden die Plastikabfälle verbrannt oder gelangen in die Natur. Chemiekonzerne und Handelsketten setzen daher inzwischen teilweise auf Bioplastik, das etwa aus Maisstärke hergestellt wird und kompostierbar ist. Studien belegen jedoch, dass die Ökobilanz dieser Materialen nicht besser ist als die von herkömmlichem Kunststoff. Bisher löst nur Vermeidung das Plastikproblem.

Ein Nebeneffekt des verpackungsfreien Einkaufens: Die Kunden können genau die Mengen abwiegen, die sie benötigen, und müssen zu Hause weniger Reste wegwerfen.

Viele kommen ohne zu kaufen

Die Maß-Greißlerei ist inzwischen gut zwei Monate geöffnet. Gerade was frische Produkte angeht, ist das Sortiment überschaubar. Das ist gewollt: Lunzer legt Wert auf regionalen Bezug von Obst und Gemüse. Zucchini oder Tomaten sucht man Anfang April daher vergeblich. Dafür gibt es mit Mangold und Süßkartoffeln auch Sorten, die in den meisten Supermarktregalen fehlen. Alle Lebensmittel bei Lunzer sind bio-zertifiziert. Die Gründerin ist selbst auf dem elterlichen Bio-Bauernhof aufgewachsen, von wo sie nun einen Teil ihrer Waren bezieht.

Die Kundschaft der Maß-Greißlerei besteht laut Lunzer aus jungen Leuten und umweltbewussten Familien genauso wie aus „älteren Damen, die sich freuen, dass sie wieder ein einzelnes Stück Knoblauch kaufen können“. Viele Besucher würden sich alles in Ruhe ansehen, ohne zu kaufen: „Wien ist nicht New York, hier ist man sehr vorsichtig gegenüber Neuem.“ Während das verpackungsfreie Verkaufskonzept noch auf Zurückhaltung stößt, sorgt ein kleines, integriertes Café von Anfang an für Einnahmen.

Die Kunden bringen im Idealfall eigene Behälter mit, in die sie etwa Mehl, Nüsse, Gewürze und Obst füllen; bezahlt wird nach Gewicht. Alternativ liegen Papiertüten bereit. Wer möchte, kann bei Lunzer auch Vorrats- und Einmachgläser kaufen. Nur Getränke und Milchprodukte verkauft die Greißlerin in Pfandflaschen, Butter und Käse sind in Papier eingewickelt. „Überraschend viele Leute kommen mit ihren eigenen Gefäßen“, erzählt Lunzer. „Denen gehen die Verpackungen so auf die Nerven, die machen das mit Lust.“

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Jeder Griff ins Regal ist eine politische Handlung. […] Niemand, der Fair Trade kauft, tut etwas Gutes. Sondern bloß etwas Faires. […] Dass jemand, der am Markt fair agiert, schon als gut gilt, und jener, der mit seinem Konsum die Ausbeutung vorantreibt, als normal, zeigt, wie pervers der Markt geworden ist.

Benedikt Narodoslawsky in Falter 20/2014

Plastikmeer

Heineken auf 950 Metern Tiefe. Foto: Pham et al.

Heineken auf 950 Metern Tiefe. Foto: Pham et al.

Nochmal eine kleine Notiz zu Plastik im Meer: Ein Forscherteam hat über 10 Jahre gründlich nach Müll im Mittelmeer gesucht. Und überall welchen gefunden. Einer der Forscher wird im Guardian so zitiert:

This survey has shown that human litter is present in all marine habitats, from beaches to the most remote and deepest parts of the oceans. Most of the deep sea remains unexplored by humans and these are our first visits to many of these sites, but we were shocked to find that our rubbish has got there before us.

Es gibt also, zumindest im Mittelmeer, keine unberührte Tiefsee mehr. Der Müll ist überall. Die häufigsten Abfallarten im Mittelmeer sind Plastiktüten, Glasflaschen und Fischernetze. Wirklich überrascht zeigen sich die Forscher in ihrem Fazit nicht, schließlich gäbe es von anderen Erdteilen ähnliche Ergebnisse. Südlich von Japan habe man noch in 7216 Metern Tiefe Abfälle gefunden.

Jeder EU-Bürger verbraucht pro Jahr 198 Plastiktüten, schätzt die EU-Kommission. Immer wieder wird über ein Verbot oder eine Besteuerung diskutiert, um diese Zahl zu senken. Vielleicht tut sich nach den Europawahlen etwas.

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Schuhe vom Strand

Man müsste viel öfter einfach mal machen, dachte ich mir beim Ansehen dieses Videos. Ein paar Jungs aus UK gehen darin ans Meer, sammeln wahllos Plastikmüll ein und stellen daraus Sneakers her. Die auch noch ziemlich cool aussehen. Also ich würde sie anziehen. Gibt es aber leider nicht zu kaufen. Da hilft nur selbst mal wieder ans Meer zu fahren…

via Grist

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Rana Plaza, ein Jahr danach

Heute vor einem Jahr starben 1.129 Menschen* beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch. 2.500 Arbeiterinnen überlebten das Unglück, die meisten verletzt und/oder traumatisiert. Ein Untersuchungsbericht stellte grobe Fahrlässigkeit als Hauptursache fest. Zu den Unternehmen, die in der Fabrik produzieren liesen, gehören C&A, Mango, KiK und mindestens 25 weitere westliche Marken.

Alle zusammen, schreibt Zeit Online, machen einen Jahresumsatz von 20 Milliarden Dollar. Für die Entschädigung der Opfer von Rana Plaza wurde ein Hilfsfond eingerichtet, der von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern unterstützt wird. 40 Millionen Dollar sollen die Modekonzerne einzahlen, das sind 0,5 Prozent ihres Umsatzes. Bisher kamen gerade einmal 15 Millionen zusammen.

Insgesamt arbeiten in Bangladesch 3,8 Millionen Menschen in der Textilindustrie. Auch wenn die Meisten nur Hungerlöhne bekommen, sind diese Jobs für die Wirtschaft des Landes überlebenswichtig. Würden die Modekonzerne aufgrund des Imageschadens, den die Rana Plaza-Katastrophe für den Produktionsstandort Bangladesch bedeutet, auf andere Staaten ausweichen, wäre das der Worst Case für die Bangladescher. Die Alternative ist eine Verbesserung der Sicherheitsstandards. Tatsächlich gibt es dazu vielversprechende Ansätze, bei denen zum Teil rechtsverbindliche Abkommen geschlossen wurden. Natürlich gibt es Lücken, etwa wurden Sub-Subunternehmen nicht einbezogen. In anderen Bereichen konnte man auch in Bangladesch durchaus etwas bewegen, schreibt Amy Yee in der New York Times:

Change can happen in Bangladesh. It has before. The country, for instance, has a surprisingly effective cyclone warning system that relies on village volunteers. This simple, grass-roots system has been credited with saving tens of thousands of lives during violent storms.

Eine schöne Übersicht, welche Modemarken wo produzieren lassen, und welche Standards dort herrschen, liefert diese interaktive Grafik von Zeit Online.

Kürzlich jährte sich auch die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko. Der Atlantic nahm beide Jahrestage zum Anlass für die schöne Analyse „Why corporations fail to do the right thing“. Zu den Gründen, die die Autorin fand, gehören Kommunikationsprobleme in den Konzernen, die Nicht-Sichtbarkeit von ausbleibenden Katastrophen und die Tatsache, dass Kunden für bessere Sozial- und Umweltstandards keinen Mehrpeis bezahlen möchten.

Zum Schluss und völlig ohne Zusammenhang zwei Links zu empfehlenswerten Faitrade-Modelabels:

*Zahl aus der New York Times, in anderen Quellen abweichend

Die Marmelade meiner Oma

In diesen Tagen habe ich auf Facebook eine Kolumne von Silke Burmester geteilt, in dem diese sich zum Gutmenschentum bekennt. Die Journalistin versteht darunter, nicht bei Firmen wie Amazon, Nestlé oder dem Billig-Imbiss um die Ecke einzukaufen. Sie schreibt:

Ich stehe zu meinem Anspruch, dass mein Dasein auf dieser Welt so wenig Schaden wie möglich anrichten soll und andere nicht für mich leiden sollen.

Da der Begriff Gutmensch in unserer Gesellschaft meistens als Schimpfwort gebraucht wird, fand ich den Text wichtig, und habe ihn weiterverbreitet. In einem Kommentar warf ein Freund daraufhin die berechtigte Frage auf, was man denn überhaupt noch kaufen könne: „Wer sind die Guten?“ schrieb er und postete dazu eine Grafik, aus der ersichtlich ist, das nahezu jede halbwegs bekannte (Lebensmittel-)Marke zu einem der ganz ganz großen Konzerne gehört:

top-10-nahrungskonzerne

Angemerkt wurde dann auch, dass scheinbar korrekte Marken wie das Bio-Fairtrade-Eis Ben & Jerry’s zu bösen Multis wie Unilever gehören. Das Gleiche gilt für die tierversuchsfreie Kosmetik-Kette The Body Shop, die zu L’Óreal gehört, welche wiederum über ein Joint-Venture mit Big Evil Nestlé verbandelt sind.

Auf die im Raum stehende Frage „Was kann man eigentlich noch guten Gewissens konsumieren?“ habe ich dann geantwortet:

Die Marmelade von meiner Oma, die gehört zu niemandem!

Daraufhin kam dann natürlich die Nachfrage, ob ich denn nun zum Selbstversorger werde. Und tatsächlich habe ich seit fünf Jahren keine Marmelade mehr gekauft. Die von Oma schmeckt einfach am Besten. Und wenn ich irgendwann eine Wohnung mit Balkon habe, pflanze ich da vielleicht auch Tomaten an. Oder zumindest ein paar Kräuter. Aber insgesamt kann es dieses Selbstversorger-Ding doch auch nicht sein.

Ich hab allen Respekt vor Leuten, die sich ein Stück Land irgendwo am Ende der Welt kaufen und dann versuchen von dem zu leben, was da so wächst. Neuseeland ist voll von denen, und ich fand’s cool. Ich bewundere Menschen wie Raphael Fellmer, der versucht ohne Geld durch das Leben zu kommen. Das ist total wichtig, um zu zeigen, dass es immer auch anders geht. Das nichts so sein muss, wie es ist. Aber ein Modell ist es nicht. Es muss irgendwie möglich sein, gut zu leben (ich meine das gut, das auch in Gutmensch vorkommt), ohne auf den Lebensstandard des 16. Jahrhunderts zurück zu fallen. Geld war ist eine ziemlich gute Idee. Eine noch bessere ist Arbeitsteilung, also dass jeder das macht, was er am besten kann, und den Rest von anderen einkauft. Aus diesem Prinzip ergibt sich unser komplexes Wirtschaftssystem samt Ungeheuern wie Nestlé und BP. Aber das ermöglicht auch ein hochentwickeltes Gesundheits- und Bildungssystem, und vieles mehr.

Wobei ich überhaupt nichts gegen Do-It-Yourself sagen will. Selbstgemacht ist immer cooler. Egal ob es um Marmelade geht oder um ein Schlüsselbrett aus Treibholz, selbst gesammelt an den Ufern des Bodensee. Aber die Welt rettet man damit nicht. Und da das weiterhin mein Ziel ist, werde ich vorerst kein Selbstversorger.

Das wollte ich nur kurz klarstellen.

Update: Neben den Kommentaren unten ist auch auf Facebook eine interessante Diskussion zum Thema des Artikels entstanden.

Come closer, baby

Auf tumblr macht gerade ein schönes GIF die Runde, das den Irrsinn des urbanen Autoverkehrs schön auf den Punkt bringt:

Quelle: peterfromtexas, via The Atlantic

Ich hab das Bild mal angehalten und gezählt – es sind 36-40 Autos. Geht man jetzt von einer Besetzung von 1,5 Personen pro Fahrzeug aus (was im Stadtverkehr eher optimistisch ist), kommt man auf vielleicht 60 Menschen. Eine Straßenbahn, die damit schon voll besetzt ist, muss ziemlich klein sein. Die hier gezeigte Verdichtung ist also sogar untertrieben.

In dem Zusammenhang ist mir eine andere Infografik eingefallen, die verschiedene Verkehrsmittel einem Vergleich unterzieht, und zwar in diesem Fall anhand des Verbrauchs:

gettingaroundQuelle: good.is (dort inzwischen offline)

Ich habe übrigens gar nichts gegen Autos. Sie sind super, um in die Berge oder nach Schweden zu fahren. Was ich halt nicht so nachvollziehen kann, ist, das Auto für den Weg zum Bäcker/ zur Arbeit/ ins Fitnessstudio zu benutzen. Also, das ist natürlich ein bisschen pauschal. Kann man schon mal machen. Aber ihr wisst schon.

Selbstverständlich ist es jedem selbst überlassen, wie er sich durch diese Welt bewegt. Keine Privatsache ist, wie wir die Städte gestalten, in denen wir gemeinsam leben. Und da ist mein Eindruck, dass der Autoverkehr die mit Abstand höchste Priorität genießt. Das finde ich halt eher unsexy. Zwei Gründe dafür sind auf den obigen Bildern zu erkennen.

Glücklicherweise tut sich in vielen Städten zunehmend was. Von Kopenhagener Verhältnissen sind wir zwar noch ein Stück weit entfernt. Aber was uns beispielsweise hier in Augsburg mit dem Projekt Augsburg City erwartet, oder was an meinem Quasi-Zweitwohnsitz Wien mit der MaHü passiert, ist ein ganz guter Anfang.

Update: Via Facebook kam noch das Argument, dass der Flugverkehr das Klima besonders stark belastet, da die Emissionen direkt in die Stratosphäre gelangen. Auch Kondensstreifen wirken klimaschädigend. Das relativiert die obige Grafik, wo Fliegen gegenüber Autofahren vergleichsweise umweltfreundlich erscheint.