Brooklyn Streetart

Wir treffen Mar vor einer Chocolaterie in Bushwick. In den nächsten Stunden wird er uns hier die Streetart zeigen.

Bushwick liegt in Brooklyn und war einst eines der ärmsten Viertel von New York. Als es 1977 zu Krawallen in der Stadt kam, ging es hier mit am heftigsten zu. Viele Häuser brannten nieder. Noch vor wenigen Jahren wollte hier niemand hin. Jetzt gentrifiziert sich Bushwick rasant. Ein Zimmer kostet inzwischen 1600 Dollar Miete im Monat, erzählt Mar. Der Boom liegt auch an den vielen Künstlern, deren Werke wollen wir uns heute ansehen.

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Der Spaziergang mit Mar war spannender als das Guggenheim-Museum und hat uns weit weg von Manhattan ein ganz anderes New York gezeigt.

Inzwischen haben wir übrigens unser Gepäck wieder und sind nach Washington DC weitergereist. Unsere weiteren Eindrücke von New York folgen in den nächsten Tagen.

Best of #BlueDot

Alexander Gerst ist zurück. Nach fast 166 Tagen auf der ISS ist der deutsche Astronaut heute Früh in Kasachstan gelandet. Als @Astro_Alex hat er in den letzten Monaten grandiose Fotos von der Erde gewittert, die er von der Raumstation aus aufgenommen hat. Hier sind meine Lieblingsbilder.

Bei den Seestadt-Piraten

Inspiriert von einigen Bildern des Fotografen Dennis Iwaskiewicz, fuhr ich gestern mit der Wiener U-Bahn-Linie Zwei bis zu deren Ende, der Haltestelle „Seestadt“. Die Fahrt dauert vom Rathaus fast eine halbe Stunde und führt zeitweise fernab jeglicher Urbanität an blühenden Rapsfeldern vorbei.

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Ihrem Ziel nähert sich die Bahn in einem großen Halbkreis durch sumpfiges Brachland. Dann rücken die Kräne immer näher.

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Die Seestadt Aspern liegt auf dem Gelände eines ehemaligen Flugplatzes. Rund um einen künstlich angelegten See soll hier in den nächsten Jahren ein neues Stadtviertel mit 20.000 Wohnungen und 15.000 Arbeitsplätzen entstehen.

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Das Projekt ist eine Antwort auf das rasante Bevölkerungswachstum in Wien. In den nächsten zwanzig Jahren wird ein Plus von 300.000 Einwohnern erwartet, das entspricht der Größe von Österreichs zweitgrößter Stadt Graz.

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Die Jungs mit dem Floß erinnerten mich an ein paar Kerle, die ich vor zwei Jahren, ebenfalls am Ostermontag, in Neapel fotografiert habe.

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Bei der Bearbeitung dieser Fotos habe ich auf Empfehlung von Petra erstmals die Software Photoscapeeingesetzt. So ganz beherrsche ich die Funktionen noch nicht, außerdem habe ich hier und da vielleicht etwas übertrieben, was die Effekte angeht.

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Ganz interessant ist übrigens auch der stadtplanerische Hintergrund des Seestadt-Projekts. Das Problem an solchen Planvierten am Stadtrand ist ja, dass sie meistens komplett tot sind, weil die Leute da nur zum Schlafen hinfahren. In Wien hat man sich einige Gedanken gemacht, wie aus der Seestadt ein belebtes Viertel mit Leben auf den Straßen werden kann. So sollen etwa große Teile der Erdgeschoss-Flächen an Geschäfte und Lokale vergeben werden. Vorbild ist unter anderem die Hafencity in Hamburg. Das Konzept lässt sich in einem Dokument mit dem schönen Namen „Partitur des öffentlichen Raums“ nachlesen.

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Wer mag, kann diese Bilder auch in einer Dia-Show betrachten.

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Vom Reisen und Erzählen

Eigentlich sollte ich mich in diesen Tagen um ganz andere Dinge kümmern als um diesen Blog. Aber manchmal toben Gedanken durch meinen Kopf, bei denen ich gar nicht anders kann, als sie auf die Tastatur zu hauen.

Die Gedanken in diesem Eintrag sind zwei Veranstaltungen geschuldet, die ich in den vergangenen Tagen besucht habe. Am Samstag ging ich auf ein Konzert von Bosse in Augsburg. Bosse und seine grandiose Liveband haben „Istanbul“ gespielt, und ich stand den ganzen Song über mit geschlossenen Augen im Publikum, den Kopf durchflutet mit Bildern meiner eigenen Reise an den Bosporus im Oktober 2013.

Das zweite Event war ein Vortrag von Johanna Brause und Andreas Krüger in München am Dienstag. Die Beiden habe ich 2012 in Spanien auf der Straße getroffen, als sie und ich jeweils auf der letzten Etappe einer Radreise waren. Bei mir hieß letzte Etappe: der letzte Tag. Bei ihnen hieß letzte Etappe: Der letzte Kontinent. Johanna und Andreas waren zuvor 20 Monate um die Welt gefahren, durch Europa, Asien, Süd- und Nordamerika. Von dieser Reise haben sie beeindruckende Geschichten, Fotos und Videos mitgebracht, die sie gerade auf ihrer Show „Weltfremd“ in mehreren deutschen Städten erzählen und zeigen. Am Montag durfte ich zwei Stunden sehen, hören und staunen, über iranische Gastfreundschaft, usbekische Wüsten und das Durchhaltevermögen, das Johanna und Andreas auf ihrer Tour gezeigt haben.

Solche Veranstaltungen sind für mich immer auch ein Arschtritt, die eigenen Träume und Reisepläne nicht aus den Augen zu verlieren; nicht zuzulassen, dass sie unter Alltag, Routine und Bequemlichkeit begraben werden. Ein paar Ideen für die kommenden Monate gab es vorher schon, aber seit Dienstag denke ich ständig darüber nach, was man 2014 so starten könnte.

Außerdem möchte ich meine Reisen wieder konsequenter hier an dieser Stelle dokumentieren. Die anderen Themen, die hier in letzter Zeit diskutiert wurden, sind ja alles super spannend. Aber mein Herz schlägt für die Straße und ihre Geschichten. Darum habe ich auch am Tag nach Bosse endlich mit dem Sortieren und Bearbeiten meiner Bilder aus Istanbul weitergemacht. Der Reisebericht kommt noch, versprochen! Und vielleicht lässt sich aus den Erinnerungen ja auch der eine oder andere Songtext stricken. Bei Plan B arbeiten wir nämlich gerade mit Hochdruck mit Eifer und Korn an Material für unser neues Album.

Der Vollständigkeit halber noch ein paar Gründe, warum dieser Blog gerade gar so an Liebesentzug leidet:

Drei Wochen und ein Tag

Alta! Berlin!

Jetzt wohn ich in Berlin seit drei Wochen und ich muss sagen ich bin echt angekommen…

Angekommen bin ich natürlich noch sowas von gar nicht. Werd ich wahrscheinlich auch nicht bevor es wieder weiter geht. Heute hier, morgen dort und so. Aber ich kann ja mal aufschreiben, was bisher so an Eindrücken hängengeblieben ist. Selbstverständlich alles subjektiv, unvollständig und vorläufig.

Berlin. Wenn ich vor die Tür gehe, habe ich im Umkreis von 200 Metern einen Italiener, einen Inder, einen Japaner und einen Thai. Plus unzählige Kneipen und Cafés. Und ganz besonders feier ich den Ladenschluss hier. Jeder noch so kleine Supermarkt hat bis 22 Uhr auf, und danach geht man halt zum Späti. Du kannst die ganze Nacht an der Spree sitzen und dein Flens trinken, und wenn das Bier ausgeht musst du nur kurz ums Eck gehen. Wenn ich das so schreibe kommt mir das ziemlich selbstverständlich vor, aber wenn man aus Bayern kommt, ist das erstmal was sehr besonderes.

Mein vorläufiger Lieblingsort ist der Mauerpark gleich hier ums Eck. Vor 24 Jahren wurde man noch über den Haufen geschossen, und jetzt chillt da halb Berlin in der Sonne. Bands schleppen ein paar Verstärker und Autobatterien an und zocken ihre Songs. Jeden Sonntag  ist Flohmarkt, es gibt Augustinerbier und verdammt leckere Waffeln. Heute saß ich stundenlang im Mauerpark, hab Jonathan Safran Foer gelesen und Rupert’s Kitchen Orchestra zugehört.

Wenn man aus ner eher so mittelgroßen Stadt kommt staunt man hier schon ziemlich oft, was es so alles gibt. Was hier so an Leuten rumläuft. Ich find das extrem gut. Multikulti ist gescheitert, hat die Frau Kanzlerin gesagt. Merk ich hier nix von. Klappt eigentlich soweit ganz gut. Weiß und schwarz. Homo und hetero. Alt und jung. Business und Punk. Gibt auch mal Zoff, aber eigentlich leben alle friedlich nebeneinander her.

Wobei das natürlich nicht die ganze Wahrheit ist. Gentrifizierung ist ein strapazierter Begriff, aber hier bekommt man ziemlich schnell eine Vorstellung davon was er bedeuten kann. Vor einer Woche sind wir durch Zufall in eine Demo gegen Zwangsräumungen geraten. In dem Viertel gab es regelrechte Exklaven, da haben sich die Neubauschick-Bewohner hinter Eisentoren und Überwachungskameras verschanzt. In der Zeitung habe ich gelesen, letztens ist eine alte Frau nach einer Zwangsräumung in der Kälte-Nothilfe gelandet und da gestorben.

Armut ist auch in Form von Flaschensammlern sehr präsent. Man kann nicht oft genug auf Pfand gehört daneben hinweisen.

Nächstes mal laufe ich mit meiner Spiegelreflex durch Friedrichshain und mache Fotos von Streetart und interessanten Leuten. Für heute erstmal mein Kiez in Prenzlauer Berg:

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Raus aus der Stadt

Zwischendurch brauche ich das ganz dringend: Raus aus der Stadt, ab in die Natur. Mit guten Freunden losziehen. Wind, Sonne, Regen, Schnee. Berge, Bäume, Bewegung. Frieren, schwitzen, schnaufen, leben. Hier ein paar Eindrücke von einer kleinen Tour, diesen Winter im Gunzesrieder Tal. Kann man alternativ auch in einer schicken Diashow anschauen.

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Lieblingsbücher

Weil Natalia gerade ihre Lieblingsbücher gebloggt hat, und ich meine eh letztens zusammengestellt hab, zieh ich hiermit nach (eventuelle alkoholische Getränke sind rein zufällig im Bild):

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Von links nach rechts:

 

Refugee Camp Vienna

Ein nasskalter Januartag in Wien. Der Sigmund-Freud-Park wirkt trostlos. Wenige Touristen haben sich her verirrt und knipsen lustlos ein paar Bilder. Bis vor ein paar Tagen war hier noch mehr los; Asylbewerber hatten im Park ein Protestcamp errichtet. Kürzlich wurde es geräumt, in einer nächtlichen Polizeiaktion mit Baggereinsatz und unklarer Rechtsgrundlage. Die Flüchtlinge sind in die anliegende Votivkirche umgezogen, hier lässt man sie bisher bleiben, der Wiener Kardinal war sogar schon zu Besuch. Das habe ich auch vor.

„Die Kirche ist geschlossen“, sagt ein grimmiger Wachmann, heute seien nur „diese Leute“ da. Nach einigem Hin und her lässt man mich doch hinein. Es ist eisig kalt im Gotteshaus. Die Flüchtlinge kauern auf eng zusammengeschobenen Matratzen, eingehüllt in Jacken, Decken, Schlafsäcken, betreut von Sanitätern und Helfern der Caritas. Viele sind im Hungerstreik, seit Tagen oder Wochen. Als Protest gegen das österreichische, das europäische Asylsystem, das Asylsuchenden zwar das Notwendigste gibt, aber kein Leben in Würde, keine Freiheit, keine Selbstbestimmung zulässt. Die Protestierenden fordern unter anderem freien Zugang zum Arbeitsmarkt und eine unabhängige Instanz zur Prüfung von Asylbescheiden.

Protestcamp Votivkirche

Was soll man schreiben? Ich kenne die Menschen nicht. Ich kenne ihre Geschichten nicht, ich weiß nicht wer sie sind und was sie hier her geführt hat. Mit Einzelnen konnte ich ein paar Worte wechseln. Viele sind aus der pakistanisch-afghanischen Grenzregion, wo die Taliban immer noch mächtig sind. Ein 18-Jährige Pakistani ist dabei, der Ingenieurwesen studiert hat, bis er vor den Taliban fliehen musste. Jede dieser 40 Geschichten könnte weit mehr als einen kurzen Blogeintrag füllen. Und jede wäre es wert, erzählt zu werden. Jede wäre interessanter als alles, was die großen Sender zur Primetime zeigen und die großen Magazine auf ihre Cover packen.

Ich kann nur ein paar Eindrücke sammeln und versuchen, eine Ahnung zu bekommen. Nach einer Stunde in dieser eiskalten Kirche, beim Anblick dieser entkräfteten, wütenden Menschen, weiß ich, dass ich das niemals könnte, als Wohlstandseuropäer, der es gewohnt ist, satt zu sein und im Warmen zu sitzen. Doch die Verzweifelten hier haben schon ganz andere Sachen erlebt. Und nichts mehr zu verlieren.

Ich weiß nicht, ob ich alle Forderungen der Votivkirchenbesetzer zu einhundert Prozent unterstützen kann. Aber grundsätzlich muss sich an der Situation von Flüchtlingen in Deutschland, Österreich und Europa etwas ändern. Es muss eine reale Perspektive auf Asyl geben. Nicht jeder Asylantrag ist berechtigt, aber jeder muss ernsthaft geprüft werden. Wir müssen den Flüchtlingen, mit welchem Rechtsstatus auch immer, eine gewisse Würde und Selbstbestimmung lassen. Und wir dürfen sie nicht von der Gesellschaft isolieren. Der Wiener Rechtsanwalt Georg Bürstmayr schrieb im Standard:

Deshalb kriegen illegale Migranten und Asylwerber bei uns zwar ein Dach überm Kopf – aber zugleich sagt man ihnen in allen Sprachen dieser Welt: Du bist hier nicht willkommen. Du bist bestenfalls geduldet, und nur so lange, bis wir es uns anders überlegen, und sei das nach drei, fünf oder zehn Jahren. Bis dahin beweg dich nicht, gib keinen Laut, und wenn, dann als Bittsteller.