Vom Reisen und Erzählen

Eigentlich sollte ich mich in diesen Tagen um ganz andere Dinge kümmern als um diesen Blog. Aber manchmal toben Gedanken durch meinen Kopf, bei denen ich gar nicht anders kann, als sie auf die Tastatur zu hauen.

Die Gedanken in diesem Eintrag sind zwei Veranstaltungen geschuldet, die ich in den vergangenen Tagen besucht habe. Am Samstag ging ich auf ein Konzert von Bosse in Augsburg. Bosse und seine grandiose Liveband haben „Istanbul“ gespielt, und ich stand den ganzen Song über mit geschlossenen Augen im Publikum, den Kopf durchflutet mit Bildern meiner eigenen Reise an den Bosporus im Oktober 2013.

Das zweite Event war ein Vortrag von Johanna Brause und Andreas Krüger in München am Dienstag. Die Beiden habe ich 2012 in Spanien auf der Straße getroffen, als sie und ich jeweils auf der letzten Etappe einer Radreise waren. Bei mir hieß letzte Etappe: der letzte Tag. Bei ihnen hieß letzte Etappe: Der letzte Kontinent. Johanna und Andreas waren zuvor 20 Monate um die Welt gefahren, durch Europa, Asien, Süd- und Nordamerika. Von dieser Reise haben sie beeindruckende Geschichten, Fotos und Videos mitgebracht, die sie gerade auf ihrer Show „Weltfremd“ in mehreren deutschen Städten erzählen und zeigen. Am Montag durfte ich zwei Stunden sehen, hören und staunen, über iranische Gastfreundschaft, usbekische Wüsten und das Durchhaltevermögen, das Johanna und Andreas auf ihrer Tour gezeigt haben.

Solche Veranstaltungen sind für mich immer auch ein Arschtritt, die eigenen Träume und Reisepläne nicht aus den Augen zu verlieren; nicht zuzulassen, dass sie unter Alltag, Routine und Bequemlichkeit begraben werden. Ein paar Ideen für die kommenden Monate gab es vorher schon, aber seit Dienstag denke ich ständig darüber nach, was man 2014 so starten könnte.

Außerdem möchte ich meine Reisen wieder konsequenter hier an dieser Stelle dokumentieren. Die anderen Themen, die hier in letzter Zeit diskutiert wurden, sind ja alles super spannend. Aber mein Herz schlägt für die Straße und ihre Geschichten. Darum habe ich auch am Tag nach Bosse endlich mit dem Sortieren und Bearbeiten meiner Bilder aus Istanbul weitergemacht. Der Reisebericht kommt noch, versprochen! Und vielleicht lässt sich aus den Erinnerungen ja auch der eine oder andere Songtext stricken. Bei Plan B arbeiten wir nämlich gerade mit Hochdruck mit Eifer und Korn an Material für unser neues Album.

Der Vollständigkeit halber noch ein paar Gründe, warum dieser Blog gerade gar so an Liebesentzug leidet:

Essen vom Müll

Containern als Protest gegen die Vernichtung von Nahrung

Eine Milliarde Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr weggeworfen. Menschen, die das unerträglich finden, holen einen Teil davon zurück. Containern ist ein Symbol gegen die Wegwerfkultur.

Illu_Containern

Illustration: Natalia Sander

Lisa und Jakob stellen ihre Fahrräder ab, ziehen Handschuhe an und beugen sich über die Mülltonne. Mit ihren Taschenlampen leuchten sie hinein. Es riecht leicht nach Fäulnis, aber es ist nicht das, was man als Gestank bezeichnen würde. Vielleicht liegt es an den Blumen, die ganz oben liegen: ein bunt gemischter Strauß, schon etwas welk, aber eigentlich noch ganz schön. Darunter finden Lisa und Jakob Tomaten. Sie finden Paprika, gewöhnliche und kleine Süßpaprika. Sie finden Buttermilch, Naturjoghurt, Joghurt mit Schokomüsli und „Joghurt mit der Ecke”, Geschmacksrichtung Erdbeere. Sie finden viel Obst: Bananen, Orangen, Granatäpfel, Bergpfirsiche, Passionsfrüchte. Sie finden eine Kiste mit 23 Aprikosen. Davon sind 17 einwandfrei. Fünf sind etwas weich, sodass Lisa und Jakob sie direkt in die Buttermilch pürieren und trinken. Nur eine Aprikose ist kaputt, die werfen sie weg.

Lisa und Jakob durchsuchen die Abfälle eines Supermarkts nach Lebensmitteln, die weggeworfen wurden, aber noch genießbar sind. Sie gehen containern. „Am Anfang war es Neugier“, sagt Lisa. Inzwischen mache sie es aus Überzeugung: „Ich finde es pervers, was die Lebensmittelindustrie als schlecht deklariert und wegwirft.“ Außerdem mache containern Spaß: „Es ist immer wieder eine Überraschung, was man findet.“

Lisa und Jakob heißen eigentlich anders. Es ist nicht ganz klar, ob es legal ist, was die beiden tun. Alles, was sie finden, war für die Vernichtung bestimmt. Doch bis die Müllabfuhr die Abfälle abholt, sind sie nach deutschem Recht Eigentum des Wegwerfenden, in diesem Fall des Supermarkts. Für eine Verurteilung wegen Diebstahl reicht das in der Regel zwar nicht. Doch ungehindert kommt man selten an den Müll; die meisten Supermärkte haben dafür gesorgt, dass ihre Container unzugänglich sind, hinter Zäunen oder Mauern. Oft sind die Tonnen zusätzlich mit Vorhängeschlössern gesichert. Klettern die Müllsammler über einen Zaun, um an die Behälter zu gelangen, ist das Hausfriedensbruch. Dann werden manchmal Sozialstunden oder Geldstrafen verhängt.

Alle fünf Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind unter zehn Jahren an Unterernährung, schreibt der Autor Jean Ziegler in seinem Buch „Wir lassen sie verhungern“. Zugleich wird weltweit etwa ein Drittel der produzierten Nahrung weggeworfen, schätzen die Vereinten Nationen, das sind 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr. Allein in Deutschland werden jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Abfall entsteht bei allen Schritten der Verwertungskette. In der Landwirtschaft, bei der Weiterverarbeitung, im Handel, beim Verbraucher.

Was nicht makellos ist, wird aussortiert

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Nahrungsverschwendung in Mitteleuropa und dem Hunger in Entwicklungsländern? Natürlich gibt es den. Nicht, weil man die aussortierten Lebensmittel statt zur Müllverbrennung in den Niger fahren könnte. Sondern weil die Überproduktion für den Müll die Weltmarktpreise in die Höhe treibt. Der Nahrungspreisindex der Welternährungsorganisation FAO hat sich seit 2002 mehr als verdoppelt. Für Welthunger und steigende Nahrungspreise gibt es viele Ursachen, etwa Überbevölkerung und Spekulation auf Lebensmittel. Aber auch die Produktion für den Müll ist ein Grund. Dazu kommt die unnötige Umweltbelastung, der Verbrauch an Boden, Wasser, Dünger und Treibstoffen.

Man muss morgens, direkt nach Ladenöffnung, in einen Supermarkt gehen, dann kann man den Angestellten beim Aussortieren der Obst- und Gemüsetheke zuschauen. Kisten füllen sich mit Trauben, Tomaten, Bananen. Es sind Kisten für den Müll. Das Wenigste ist verdorben, es sieht halt nicht mehr so schön aus, ist weich und hat ein paar dunkle Stellen. „Was wir selbst nicht mehr kaufen würden, werfen wir weg“, sagt die Mitarbeiterin. Ob man die Sachen denn mitnehmen könne? „Nein, das dürfen wir nicht weitergeben. Einmal die Woche kommt die Tafel, der Rest landet im Müll, leider.“

In den Werbefilmen der Handelsketten sieht man prall gefüllte Theken mit Früchten in leuchtenden Farben. Damit die Kunden kaufen, muss es es nicht nur im Film leuchten, sondern auch im Laden. Darum wird jeden Morgen aussortiert, was optisch nicht mehr dem Ideal entspricht. Der Kunde will es so, sagen die Händler, und wahrscheinlich haben sie recht. Aber ist es nötig, dass fast alle Supermärkte ihre Mülltonnen schützen wie Banken ihre Tresore?

Der Müll schmeckt am Besten

„Aus ethischer und ökologischer Sicht sind vermeidbare Lebensmittelverluste nicht akzeptabel“, so steht es in einem Beschluss des Deutschen Bundestages. Die Realität sieht anders aus: Die massenweise Vernichtung von Nahrungsmitteln wird hingenommen. Zugleich ist es verpönt, im Müll nach Essbarem zu suchen.

Für viele arme Menschen ist Containern der einzige Weg, satt zu werden. Doch viele, die im Müll nach Essbaren suchen, könnten sich auch einen Einkauf leisten. Für sie ist Containern ein Symbol des Protests gegen die Überfluss- und Wegwerfkultur. Eine Lösung des Problems ist es freilich nicht.

Für die Meisten ist es undenkbar, etwas zu essen, was aus dem Müll kommt. Aber jeder könnte ab und zu ein Stück Obst kaufen, dessen Schale nicht mehr ganz makellos aussieht. Dann muss es am nächsten Morgen nicht aussortiert werden.

Lisa und Jakob pürieren einen Teil der Bananen und Pfirsiche und rühren sie in die Buttermilch. Aus den weichen und stellenweise angedätschten Tomaten und Paprika kochen sie eine fruchtige Soße und füllen sie in alte Marmeladengläser. Ein paar Tage später sind Freunde zu Gast, die dem Containern äußerst skeptisch gegenüberstehen. Am Ende eines gemeinsamen Abendessens stellen sie nichts ahnend fest, die Soße sei das Beste von allem gewesen.

Ursprünglich erschienen in presstige #25.

Über 2000 Zebrastreifen von A nach B

„It is by riding a bicycle that you learn the contours of a country best, since you have to sweat up the hills and can coast down them… Thus you remember them as they actually are, while in a motorcar only a high hill impresses you, and you have no such accurate remembrance of country you have driven through as you gain by riding a bicycle.“

Ernest Hemingway

Regen. Ich will erzählen von einer Reise nach Süden, einer Reise zum Meer, von Abenteuerlust und Freiheitsdrang. Und die Geschichte beginnt mit Regen. Zwei Tage lang Regen, fast ohne Unterbrechung.

Seppois-le-Bas

Wir wollen mit dem Fahrrad von A nach B fahren, genauer: Von Augsburg nach Barcelona. Quer durch Süddeutschland nach Basel, an der Rhône entlang durch Frankreich und ab Montpellier an der Küste nach Spanien. 19 Tage haben wir Zeit, dann geht der Rückflug. Schön wäre: Früher ankommen und noch ein paar Tage Barcelona erleben. Wir sind zu zweit, ein eingespieltes Team, seit vielen Jahren gemeinsam auf dem Rad unterwegs. Eine Tour dieser Länge ist allerdings für beide Neuland.

Los geht es durch die schwäbische Provinz. Das Gepäck und wir sind einigermaßen wasserfest, so radeln wir Richtung Westen. Optisch passt das Wetter zur Landschaft, die Regentristesse steht der Gegend gut. Mittags retten wir uns in eine Dorfwirtschaft und wärmen uns an einer heißen Suppe. Am Nebentisch wird Jägermeister bestellt, das dazugehörige Gesicht fängt ein Gespräch an. „Nach Spanien? Wirklich? Also, ich hab zwar auch ein Fahrrad…“ Nachmittags läuft es nochmal gut und wir schaffen unser Tagespensum. Das Zelt bleibt an diesem Abend noch in der Tasche, wir quartieren uns im Gasthof zum Löwen ein.

Ain

Am nächsten Morgen serviert man uns ein ordentliches Frühstück, gestärkt brechen wir auf und treten durchs Einheitsgrau. Wir streifen den Bodensee und fahren am Rhein entlang durch deutsch-schweizerisches Grenzgebiet, wo auf beiden Seiten das Preisniveau der Schweiz herrscht. Kurz vor Schaffhausen nehmen wir auch heute ein Zimmer.

Am dritten Tag ist der Himmel noch grau, der Regen hat aufgehört. Auf einem hervorragenden Radweg rollen wir durch ein idyllisches Tal, dann wieder am Rhein entlang nach Basel, wo sich sogar für einen Moment die Sonne zeigt. Basel macht einen sympathischen Eindruck, erstmals sehen wir Radfahrer in nennenswerter Zahl. Um zehn vor vier überqueren wir die Grenze nach Frankreich. Das erste Bonjour, zugerufen von einem entgegenkommenden vélo, klingt herrlich in unseren Ohren. Auf einer kaum befahrenen Straße geht es durch eine hügelige, verschlafene Landschaft. Ich habe mir zum Zeitvertreib einen Handzähler an den Lenker montiert. Die ersten beiden Tage ist mir dafür keine Verwendung eingefallen; seit heute zähle ich alle Zebrastreifen, über die wir fahren. Am Ende des Tages zeigt der Zähler 62. In Seppois-le-Bas kommt unser Discounter-Zelt zu seinem ersten Einsatz. Der Ort ist menschenleer und im Verfall begriffen, im einzigen Restaurant bekommen wir allerdings ein hervorragendes Abendessen. Dazu eine Orangina, alles serviert von sehr freundlichen Menschen. Frankreich hat nach wenigen Stunden mein Herz erobert.

La Vuelte

Tag Nummer vier: Spätestens jetzt sind wir warm gefahren, das Wetter wird merklich besser, es läuft. Die heutige Etappe enthält einige Steigungen, die mit entsprechenden Abfahrten belohnt werden. Die letzten zehn Kilometer bis Pontarlier hängen wir uns in den Windschatten eines Traktors mit großem Anhänger. So haben wir zwar mangels Sicht kaum noch eine Chance den vielen Schlaglöchern auszuweichen, dafür geht es mühelos mit gut 30 Stundenkilometern dahin. Pontarlier wäre eine schöne Stadt, ist abends aber leider völlig ausgestorben. Im Hostel sind wir nahezu die einzigen Gäste.

La Vuelte

Am folgenden Tag kommen wir morgens erst gegen zehn los und lassen uns um halb zwölf schon wieder zur Brotzeit nieder. Am frühen Nachmittag folgt ein Café-Stopp auf dem Place du 11 Novembre in Lons-le-Saunier. Um aus dieser Stadt wieder rauszufinden, müssen wir in einem Fahrradgeschäft nach dem Weg fragen. „Vous parlez ingles?“ – „No, mais je parle très bien francais.“ Er sagt das auf eine sehr charmante Art. À droite und À gauche verstehe ich dann auch und wir finden den Weg auf Anhieb. Dieser führt einen sehr steilen Berg hinauf nach Montaigu, ein idyllisches kleines Dörfchen, mit einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Egal, wir müssen jetzt Strecke machen, nonstop geht es weiter. Auch Orgelet hätte vielleicht mehr als Durchrollen verdient, auch hier steigen wir nicht ab. Einige Abfahrten später erreichen wir die Ain-Schlucht, zwischen mächtigen Felswänden vom gleichnamigen Fluss durchflossen. In dichten Wäldern liegen winzige, aus der Zeit gefallene Ortschaften. Sähe man keine Autos, man wähnte sich in den 1920er Jahren. Als wir gegen dreiviertel Neun noch auf ein Bier in die Kneipe wollen, macht diese gerade dicht. Also endet der Tag mit einem Stück Schokolade und einer Dose Orangina vor dem Zelt. Eine absolute Grundvoraussetzung für solche Touren: Man muss sich an den kleinen Dingen erfreuen können, mehr ist manchmal einfach nicht drin.

Pont du Gard

In Belly machen wir die Bekanntschaft eines älteren Radreisenden aus Lyon. Er schimpft uns, weil wir nur Kilometer runterspulen und uns kaum Zeit nehmen, das schöne Frankreich zu besichtigen. Seine wohlwollende Kritik ist vielleicht berechtigt, aber in jede Dorfkirche reinzurennen ist nicht unser Ding. Was wir auch so feststellen: Die Franzosen sind ein edles Volk, freundlich und zuvorkommend.

Am siebten Tag fahren wir durch eine besonders arme Gegend. Viele Häuser stehen leer oder zum Verkauf, die Fenster vernagelt. Der Aufruf „Votez Le Pen“ lässt sich auf vielen Mauern lesen. Gegen Mittag erreichen wir Voiron nach einer rasanten Abfahrt, mein Tacho zeigt fast 70. Uns steht ein Ruhetag bevor, heute wollen wir nochmal ordentlich voran kommen. Nach 150 Kilometern erreichen wir La-Voulte-sur-Rhône und quartieren uns auf einem Campingplatz in der Nähe ein. Insgesamt haben wir nach einer Woche 960 Kilometer geschafft, den Ruhetag haben wir uns verdient.

Beziers

Unseren freien Vormittag verbringen wir in La-Vuelte-sur-Rhône. Wir sitzen entspannt im Straßencafé, schlendern über den Wochenmarkt, streifen durch die Gassen der Altstadt. Abends radeln wir zu einer Pizzeria; so kommen auch am Ruhetag 30 Kilometer zusammen. Wir liegen aber gut in der Zeit, die nächsten Tage können wir ruhiger angehen lassen.

Dementsprechend beenden wir die achte Etappe schon um halb vier. Beim letzten Anstieg macht mir die Hitze zu schaffen, nach der Ankunft flüchte ich mit meinem Buch in den Schatten. Als es kühler wird besichtigen wir den imposanten Pont du Gard, ein Aquädukt aus Römertagen. Beim Abendessen treffen wir Radtouristen aus England. Nach eigener Aussage liegt ihr Schwerpunkt allerdings beim Trinken, erst an zweiter Stelle kommt das Radeln.

danger zone

An einem herrlichen Sonntagmorgen machen wir uns auf den Weg, heute wollen wir das Meer erreichen. Leider sind wir mit diesem Plan nicht allein, im Großraum Montpellier ertränkt uns eine Autoflut. Allein der Lärm macht irre. Der gesamte Städtebau in den Vororten ist nach den Bedürfnissen der motorisierten Gesellschaft ausgerichtet. Riesige Bau- und Supermärkte vereinen sich mit Outlet-Centern und Fastfood-Tempeln zu einer gigantischen suburbanen Betonwüste, durchzogen von breiten Straßen. Erst am Nachmittag nimmt die Hässlichkeit ein Ende und wir erreichen das ersehnte Meer. Jetzt geht es auf einem Radweg direkt am Strand entlang, fernab aller stinkenden Blechhäufen dieser Welt. Kaum haben wir ein Nachtlager gefunden, stürze ich mich in die Fluten.


Größere Kartenansicht

Der elfte Tag beginnt vielversprechend, die ersten Kilometer geht es weiter am Sandstrand entlang. Nach dem Frühstück verirren wir uns hoffnungslos in der Touristenhölle Cap d’Agde und brauchen den ganzen Vormittag, um aus dem Gewirr von Hotels, Schnellstraßen und Tennisplätzen wieder heraus zu finden. Auf der Schnellstraße nach Béziers stoßen wir auf einen Leidensgenossen. Der Slowene Marko radelt kreuz und quer durch Europa und schreibt darüber auch ein englischsprachiges Blog. Nach Béziers fahren wir auf einem schmalen, wurzelreichen Pfad am Canal du Midi entlang – nicht effektiv, aber schön und 100% autofrei. In Coloumbiers wechseln wir wieder auf die große Straße und heizen in einer trostlosen Landschaften mit den Lastwägen um die Wette. Zahlreiche Prostituierte stehen am Straßenrand. Auf einer Mauer prangt das Wort „innocent“, unschuldig. An diesem Tag ereignet sich die zweitschönste Geschichte der Reise (die schönste folgt ganz zum Schluss): Lust- und kraftlos kämpfe ich mich bei Gegenwind voran, der Blick auf den Boden gerichtet, mein Compagnon weit voraus. Plötzlich werde ich von einem entgegenkommenden Auto angehupt, ich hebe den Blick. Am Steuer eine hübsche junge Frau, sie winkt und lächelt. Nur darum hat sie gehupt, um mich aufzumuntern. Wie neu geboren fahre ich weiter. Vive la France, du Land der schönen, edlen Menschen.

200 to go

Tag Nummer Zwölf: Es geht in die Ausläufer der Pyrenäen. Wir müssen uns die wunderschöne Landschaft hart erarbeiten. Gegen Abend erreichen wir wieder die Küste und bauen unser Zelt direkt an den Klippen auf.

Nach einer regen- und sturmreichen Nacht und Frühstück am Strand entern wir die Küstenstraße nach Süden. Rechts die Berge, links das Meer. Punkt Zwölf über die Grenze nach Spanien, abrupt ist alles verändert. Häuser, Menschen, Landschaft, sogar die Kühe sehen hier anders aus. Nachmittags Regen. Wir hatten zehn Tage schönes Wetter, heute fällt das Wasser erbarmungslos vom Himmel. Stoisch fahren wir bis zum Abend durch. Auf der Suche nach einem Campingplatz schickt man uns auf durchweichten Wegen über die Reisfelder, ich lande fast der Länge nach im Schlamm. Stern voll Dreck und ausgepowert erreichen wir Camping El Delfin Verde. Ich esse zwei Hauptgerichte und Nachtisch.

Costa Brava

Im Morgengrauen wird der Regen von Sturm abgelöst. Als er im Laufe des Vormittags nachlässt, machen wir uns auf den Weg, die letzte Etappe steht an. Nach wenigen Kilometern treffen wir auf Andreas und Johanna. Die beiden Hamburger sind seit 18 Monaten mit den Rädern unterwegs. Ihre Reise durch vier Kontinente dokumentieren sie lesens- und sehenswert auf cycle-the-world.de. Jetzt fahren sie unsere Route in anderer Richtung, wir tauschen Ratschläge aus. Die Küstenstraße von Sant Feliu de Guíxols bis Tossa de Mar ist das schönste Stück unserer Tour, mit fantastischen Blicken auf Klippen und Meer. Danach folgt einer der hässlichsten Abschnitte, auf 60 Kilometern geht eine Hotelstadt direkt in die andere über. Um viertel nach sechs erreichen wir den Arc de Triumpf in Barcelona. Nach 14 Tagen, keiner Panne, zwei harmlosen Stürzen, 1675 Kilometern und 2062 Zebrastreifen sind wir am Ziel. Genau gleichzeitig kommen Jonathan und seine beiden Kumpels an. Die drei Iren sind aus Toulouse her geradelt. Großzügig teilen sie ihren Champagner mit uns.

Finally: Barcelona

An dieser Stelle bin ich noch die schönste Geschichte der Tour schuldig. Nach dem wir Zieleinfahrt und Champagner genossen haben, machen wir uns auf den Weg zu unserem Campingplatz, er liegt weit außerhalb der Stadt. Nach einigem planlosen Rumgekurve treffen wir an einer Ausfallstraße auf Jesus, der mit seinem Bike durch die Dämmerung kurvt. Er bietet an, uns zu führen und lotst uns tatsächlich eine Stunde lang durch Schleichwege und Nebenstraßen, die wir selbst niemals gefunden hätten. Die Sonne geht unter, der Himmel färbt sich feuerrot. Kurz vor dem Ziel verabschiedet sich unser schwarzer Ritter und verschwindet in der Nacht. Muchas Gracias, Jesus!

Autostop ad absurdum

Ich sitze in einer Studenten-WG in Bari, trinke Bier und kann mein Glück kaum fassen. Okay, ich habe letzte Nacht kaum geschlafen und kann mir jetzt ungefähr vorstellen, wie sich Angela Merkel nach einem durchschnittlichen Griechenland-Italien-Spanien-Europa-Weltrettungsgipfel fühlt. Okay, ich habe seit zwei Tagen nicht geduscht, dafür ausgiebig Schweiß abgesondert und Straßendreck aufgenommen und stinke wahrscheinlich wie ein auf einer Bohrinsel gestrandetes Walross. Okay, ich habe seit vier Tagen keine anständige Mahlzeit mehr gegessen und hätte rein gewichtsmäßig inzwischen gute Chancen bei GNTM ins Finale zu kommen.

Aber hey, ich bin in Bari. Bari liegt 270 km, eine lächerliche Distanz, von Neapel entfernt, wo wir uns gestern vormittag auf den Weg machten. In der Zwischenzeit haben wir unzählige Stunden auf Raststätten und Autobahnauffahrten verbracht. Wir haben geschätzte siebzehntausend Mal unsere Daumen in den Wind gehalten. Wir haben auf dem Boden eines Rasthauses übernachtet, in einer Nische neben der Tür. Wir sind drei Stunden zum nächsten Autogrill gelaufen und wurden dann nicht reingelassen. Wir wurden Zeugen von Drogenkonsum am Steuer. Wir wurden zweimal von der Polizei verjagt, beide Male mit Blaulicht, beim zweiten Mal mit Sirene. Kurz: Es lief verdammt beschissen für uns.


Stuck in the middle of nowhere – (c) Sebastian Endt

Klar, Autostop liegt nicht gerade im Trend, klar haben manche Leute Angst, klar hat man nicht immer Bock wildfremde Menschen im Fahrzeug zu haben. Wartezeiten und Frust waren einkalkuliert. Aber die Gleichgültigkeit, Arroganz und manchmal Schadenfreude, die uns an diesen beiden Tagen entgegenschlug, war brutal. Für uns war das ein Abenteuer, ein Experiment, zeitlich begrenzt und trotz allem sowas wie Urlaub. Wie fühlt es sich an, wenn man diesen Blicken, dieser Verachtung täglich ausgesetzt ist, als echter Landstreicher, als Obdachloser?

Nach zwei Tagen waren wir unserem Ziel kaum näher gekommen und gaben auf. Wir saßen auf der Piazza in einem Nest namens Grottaminarda und warteten auf den Bus zurück nach Neapel. Zum Glück hatte der verdammte Bus eine halbe Stunde Verspätung. Sonst hätten wir den anderen Bus verpasst, von dessen Existenz wir nichts wussten und der gerade aus Rom kam. Und weiter fuhr nach: Bari.

Firenze

Beim Backpacken lernt man die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. So wie gerade Weißbrot mit Olivenöl und Rotwein. Entgegen aller Warnungen funktioniert Autostopp auch in Italien einwandfrei. Und so sitze ich jetzt nach einer Reihe sehr angenehmer rides in Franks Küche in Florenz. Gestern war Landgang in Laas, Südtirol. Ein idyllisches kleines Nest, das uns heute morgen mit einem grandiosen Frühstück verabschiedete, bevor es uns hinaus in den Regen und auf die Straße geschickt hat. Als wir aber gegen Abend mit Claudio die Grenze zur Toskana überquerten, hat uns die Sonne des Südens begrüßt.
Genug geredet, ich muss raus in die Florentiner Nacht. Es gilt, eine Welt zu erkunden…

Miss Laas 2012

Firenze

into the wild

Ich komme gerade von einer achttaegigen Trekkingtour zurueck. Wir sind 84 km durch atemberaubenden Regenwald gelaufen, mit zwei Abstechern ueber die Baumgrenze mit unbeschreiblichen Ausblicken. Der Weg verlaeuft absolut durch die Wildnis, fernab jeglicher Zivilisation und ist ausserdem kaum ausgebaut und wirklich anspruchsvoll zu gehen, mit einigen Kletterpartien ueber Stock und Stein. Uebernachtet haben wir in einfachsten Huetten die ein Matratzenlager, einen Holzofen und zwei Tische beinhaltet haben. Draussen gabs jeweils ein Regenfass zur Wasserversorgung und eine Komposttoilette. Die komplette Verpflegung und Ausruestung haben wir getragen, am Anfang geschaetzte 12 kg. Getroffen habe ich in den acht Tagen keine 20 Menschen. Die letzten zwei Tage hat es haefftigst geregnet so dass uns heute das Wasser zum Teil bis zur Huefte stand und wir einige reissende Baeche ueberqueren mussten. Es war ein echtes Abenteuer und eines der besten Dinge die ich je gemacht hab, definitiv der Hoehepunkt meiner Reise. Ich bin erschoepft und tief beeindruckt. Bilder folgen.