Bürgermeister, Mönch und Kürbis

Ein Reporter auf Themensuche

Ein kalter Freitagnachmittag im November: Das Team der presstige trifft sich zum Redaktionsworkshop. Wir haben drei Stunden Zeit, um eine Reportage zu schreiben. Auf der Suche nach einem Thema nehme ich die Straßenbahn zum Moritzplatz. Als wir das Rathaus passieren, fällt mein Blick auf ein Schild am linken Nebeneingang des Gebäudes. Alteingesessene wissen, dass dort früher die Polizei beheimatet war. Jetzt hängt an der Wand ein blaues Schild mit zwölf gelben Sternen und dem Wort „Europabüro“. Ich bin an dieser Tür schon hundert Mal vorbei gelaufen, aber ich habe keine Ahnung, was das Europabüro ist und was die da machen. Das müsste sich doch in Erfahrung bringen lassen: Thema gefunden. Zuerst brauche ich allerdings was zu essen. Mit ein paar Kolleginnen aus der Redaktion geht es auf ein Halloumi-Sandwich zur Dönerbude am Judenberg. Frisch gestärkt mache ich mich auf den Weg zum Rathaus. Und stehe vor verschlossenen Türen: Selbstverständlich ist das Europabüro freitags ab 13 Uhr geschlossen. Ohne große Hoffnung rufe ich noch die angegebene Telefonnummer für Termine außerhalb der Öffnungszeiten an, erwartungsgemäß nimmt niemand ab. Zum Glück liegt die nächste Themenidee nur ein paar Meter entfernt: Das Wahrzeichen der Stadt, der Augsburger Perlachturm. Auf dem Weg sehe ich vor meinem geistigen Auge schon einen etwa hundertjährigen Turmwärter, der mir die nächsten eineinhalb Stunden die abenteuerlichsten Geschichten erzählen wird.

 Kurz darauf rüttele ich an einem verschlossenen, kalten Eisengitter. Der Perlachturm ist wegen Umbau geschlossen. Damit hat sich auch meine zweite Reportage-Idee in Luft aufgelöst. Frierend und ohne Ziel laufe ich durch die Innenstadt und suche nach auf der Straße liegenden Themen. Ich komme meiner Wohnung und der darin befindlichen Kaffeemaschine bedrohlich nahe, kann der Versuchung aber widerstehen. Unbewusst führt mein Weg wieder zurück zum Moritzplatz, wo ich zufällig ein aus der Lokalpresse bekanntes Gesicht erblicke. Der Mann hat lange Beine und ist ziemlich flott unterwegs, aber es gelingt mir, ihn einzuholen. „Herr Gribl, ich bin vom Hochschulmagazin presstige, hätten Sie vielleicht kurz Zeit?“ Hat er natürlich nicht.

 In großer Not sucht der Mensch Zuflucht in der Religion. So trete ich kurz darauf durch eine schwere gusseiserne Tür am Elias-Holl-Platz. Mir schlägt Weihrauchduft entgegen, ich bin im Kloster Maria Stern. Ich kenne Nonnen und Mönche nur aus Mittelalter-Romanen. Hier möchte ich herausfinden, wie klösterliches Leben im Jahr 2012 aussieht. Die Schwester an der Pforte begegnet meinem Ansinnen mit Skepsis, führt mich dann aber doch in einen kleinen Warteraum. Ich blättere in christlichen Zeitschriften und höre auf die Geräusche im Flur. Nach kurzer Zeit kommt die Mutter Oberin ins Zimmer. Ich bitte sie um ein kurzes Gespräch über das Klosterleben. Leider kann sie mir so kurzfristig keine Auskunft geben. Man müsse erst gemeinsam entscheiden, was man preisgeben möchte. Ich könne es aber noch bei den Mönchen von St. Stephan versuchen. Ich bedanke mich höflich und folge dem geistlichen Rat. Bei St. Stephan werde ich freundlich empfangen, allerdings „sind die Oberen gerade weg, und ohne deren Erlaubnis dürfen wir nicht reden“. Vielleicht steckt in dieser Aussage schon alles Wissenswerte zum Leben im Dienst der Kirche.

 Für meine Reportage ist es trotzdem zu wenig. In einer knappen Stunde soll der Text fertig sein und ich stehe mit leeren und inzwischen ziemlich kalten Händen da. Frustriert ziehe ich weiter und stolpere fast über einen Kürbis, der vor mir auf dem Gehweg liegt. Ich hebe den Blick und sehe ins Schaufenster eines kleinen Lebensmittelgeschäfts. So eine Art von Laden, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt, weil längst von Supermärkten und Discountern verdrängt. Ein Tante-Emma-Laden. Und genau das steht auch auf dem bunten Logo an der Scheibe: Tante Emma. Dann steht da noch was von einem Projekt zur Qualifizierung schwer vermittelbarer Arbeitsloser. Meine Neugierde ist geweckt und ich gehe durch die Tür. Einen Moment später erklärt mir eine sympathische junge Frau das Konzept von Tante Emma. Ich habe mein Thema gefunden. Und sogar einen Kaffee bekommen.

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